Frauen parken besser ein

August 1, 2014

Man(n) sagt Frauen ja gerne nach, dass sie nicht einparken können. Dem stimme ich in engen Grenzen zu. Männer mit Hut parken schließlich auch katastrophal ein. Natürlich bin ich eine glorreiche Ausnahme und parke perfekt ein. Dieser Ansicht ist mein Spross nicht. Er hält Frauen grundsätzlich für eine Bedrohung in allen Lebenslagen, und seine Mutter für einen Terminator, sobald sie ein Lenkrad in Händen hat.

Entsprechend entsetzt reagierte er, als wir auf Kreuzfahrt gingen und uns in den Begrüßungsunterlagen in unserer Kabine die Besatzung vorgestellt wurde. An der Spitze Master Captain Inger Klein Thorhauge. Eine Frau am Ruder des mächtigen Oceanliners. Ich fand das sehr cool. Mehr Frauen in Führungspositionen. Der knappe Kommentar meines Sprosses: „Wir werden alle sterben“.

Bei der ersten Rettungsübung fragte das verunsicherte Kind gleich viermal wie viele Rettungsboote es an Board gäbe und ob für alle Passagiere Platz sei. Große Erheiterung rief bei ihm die Lautsprecheransage Ingers hervor, was zu tun ist, wenn jemand über Bord fällt. Man schreit laut ‚Mann über Bord‘ und wirft einen Rettungsring hinterher. Wenn kein Rettungsring greifbar ist, wirft man irgendetwas hinterher. Die Überlegungen und kreativen Vorschläge des Sprosses, was alles irgendwas sein könnte, dominierten den Rest des Rettungsdrills. Am Ende hatten wir keine Ahnung mehr, was zu tun wäre, sollten wir das Schiff aufgegeben müssen, waren uns aber einig, dass wir Captain Inger hinterherwerfen. Wir verließen die Lobby Richtung Deck und scheiterten zunächst an der Tür, da ich den Knopf daneben mit der Aufschrift „Drücken – Tür öffnet automatisch“ übersehen hatte. Hinter uns stand ungeduldig eine kleine Frau in weißer Uniform, die genervt den Knopf drückte und uns einen ‚immer diese Landratten Blick‘ zuwarf, bevor sie mit vielsagendem Augenaufschlag vorausschritt.

Am Abend waren wir von Captain Inger zu einem Cocktail in der Admirals Lounge eingeladen. Um peinliche Zwischenfälle und ungute Sager über unfähiges Einparken in Häfen zu vermeiden, schärfte ich dem Spross ein, wie man eine Frau Kapitän dabei passend begrüßt. Man sagt keinesfalls ‚Hi Captain, haben Sie schon mal ein Schiff auf Grund gesetzt‘, sondern ‚Good Evening, Mam‘. Er schlug sich bei dem Empfang unerwartet bravourös. Nachdem ihn Captain Inger – die kleine Frau, die uns die in die Geheimnisse des Türöffnens eingeweiht hatte, heute in Galauniform – auf Deutsch begrüßte, konnte er schlecht mit „Good Evening“ antworten und reichte die Hand gentleman-like mit einem selbstsicheren ‚Guten Abend, Mam‘. Mit wohlwohlwollendem Blick reichte ihn Captain Inger an die Offiziere weiter. Die guten Manieren müssen sie ihm wohl in der Schule beigebracht haben. Niemandem sonst kam bei dem Cocktail so viel Aufmerksamkeit zu, wie meinem Spross, ich war nur das Anhängsel von Captain Jack Sparrow in spe. Als wir am nächsten Morgen in den Hafen von Bodrum einliefen, weckte ich den zum Langschläfer mutierten Spross, um gemeinsam die herrliche Aussicht zu bewundern. „Gleich legen wir an“, sagte ich. „Inger wird die Kaimauer rammen“, entgegnete er lapidar. Nein wird sie nicht. Doch, sie hat gestern Champagner getrunken. Zum Trotz parkte Inger perfekt ein.

Um 12 Uhr Mittag ertönte jeweils das Schiffshorn zweimal ohrenbetäubend laut und dann folgte über Bordlautsprecher das tägliche Bulletin durch Captain Inger. Mit der typischen Captain Inger Stimme, die frappant an Marlene Dietrich erinnerte. Tief, sonor, akzentuiert, befehlssicher, bestimmt. Genauso gut hätte sie einen Flugzeugträger in die Schlacht führen können. Ich konnte mich vor Bewunderung für dieses Timbre kaum einkriegen und schlug vor, eine „Hinter den Kulissen“ Führung durch das Schiff zu buchen. Als erstes besuchten wir die Brücke. Das Spannendste zuerst zu machen, ist nie gut. Wir wurden vom 3. Offizier in Empfang genommen, der aussah wie Tom Cruise in Top Gun, nur größer. Warum war er mir bei dem Empfang eigentlich nicht aufgefallen? Meine diesbezügliche Bemerkung und die angeregte Unterhaltung mit Tom alias Chris trug mir einen Running Gag für den Rest des Urlaubs ein. Dieser lautete immer ‚Oho, dritter Offizier‘ und wurde von einem perversen, lautuntermalten Grinser begleitet. Nachdem wir festgestellt hatten, dass der Joy Stick, mit dem das Schiff gesteuert wird, sofern es einmal nicht mit Autopilot fährt – was es bis auf die gefährlichen Einparkmanöver immer tut, im Gegensatz zu einer X-Box Konsole winzig ist (‚Und damit parkt sie ein?‘), betrat Captain Inger die Brücke, begleitet von einer Offiziersmeldung „Kapitän auf der Brücke“. Wie in Star Trek. Sie verlieh dem Spross eine Anstecknadel und wir mussten die Brücke wieder verlassen, bevor er mit dem Joy Stick Unheil anrichten konnte. Spannend war dann nur noch der Ankerraum, in den uns der dritte Offizier begleitete (oho *perversgrins*) und nach dem Backstage Bereich des Theaters verließen wir die Führung fluchtartig in der Krankenabteilung, die uns beide so sehr  interessierte wie ein Aufriss von paarungswütigen Coli-Bakterien.

Captain Inger navigierte uns in der Nacht sicher durch einen Gewittersturm und parkte in allen Häfen souverän ein und auch wieder aus. Möglicherweise hat sie dazu beigetragen, dass mein Spross seine Meinung über Frauen am Steuer ändern wird. Natürlich nicht über mich. Ich bleibe weiterhin eine Gefahr für den Straßen-, Schiffs- und Flugverkehr, für das Universum im Ganzen und den Planeten im Besonderen.

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