iPhonomanie

September 13, 2014

Die Geißel der Menschheit, die Steve Jobs lange vor seinem viel zu frühen Abgang von dieser Welt über uns brachte, wollte ich sicher nicht und konnte ihr doch nicht entrinnen. Ein Geschenk. Trotzig verwendete ich mein goldenes Dolce & Gabbana Motorola weiter bis der Workaholic in mir siegte und sogar an der Bartheke noch nach Mitternacht zwanghaft die Mails checken musste. Mein goldiges Telefon kam nur noch zum Einsatz, wenn ich das iPhone wieder einmal in einem Anfall von unkontrollierter Wut auf den Boden gedonnert hatte. Das mochte das Modell 3GS gar nicht, reagierte mit Splittern, die beim Telefonieren das Ohr blutig kratzten und ich sehnte mich dann beim Berappen der Rechnung für das neue Glas immer nach den robusten alten Dingern, die noch ausschließlich zum Telefonieren gedacht waren. Das Beste war mein allererstes Motorola Handy, das mit seinem Gewicht von knapp einem Kilo gut als Selbstverteidigungswaffe geeignet war. Ich schob die Nostalgie beiseite, nun war ich eben am neuesten Stand der Technologie. Sogar meine Verabredungen waren spannender geworden, seitdem ich sie in meinem iCalender notierte. Ich kam seitdem auch viel weniger damit ins Schleudern. Wenn ich keine Lust auf Dates hatte, verriegelte ich einfach das iDing und wenn doch, slidete ich den Riegel mit einer eleganten Fingerbewegung beiseite.

 

Ein unerwarteter Rückschlag traf mich vor einigen Jahren als S., frisch aus New York zurück, mein 3GS anstarrte, als ob es ein Wählscheibenapparat wäre, und süffisant bemerkte, „Du hast noch nicht umgesattelt? Das iPhone 4 ist echt geil!“ Was soll man da noch sagen? Normalerweise ging mir das Getue so was von hinten herum vorbei, aber ich war schleichend eine von denen geworden. Das neue schlanke Wunderding konnte sicher Wäsche waschen, bügeln und Kaffee kochen. Und bei Bedarf ersetzt es sogar einen Mann. Aber da saß ich mit meinem alten 3GS, das plötzlich einen Hintern so fett wie ein Postross und sicher kein Wäscheprogramm im Speicher hatte. Verzweiflung machte sich breit. Was würde ich ab jetzt mit all der schmutzigen Wäsche machen? S. hatte einen incoming call, den sie beim Richten der Frisur und Nachziehen der Lippen fast verpasst hätte. „Was heißt ich sehe ein bisschen fertig aus?“, knurrte S. in die Handy-Waschmaschine, die sie vor sich her hielt, als ob sie ein Selbstportrait knipsen wollte. Ich kippte noch ein paar Gläser Wein und tröste mich damit, dass ich bis zum Eintreffen der Generation 4 im Alpenland von Facetime verschont bleiben würde. Dann geht das mit dem Schminken vor jedem Telefonat los. Und nachts abschminken, kann man bei den Telefonunsitten meiner unsteten Freunde gleich auslassen. Nicht auszuhalten!

 

Es dauerte nicht lange bis der innere Will-haben-Junkie die Oberhand gewann und ich hatte ein iPhone 4 (genau genommen hatte ich zwei ... flushing the iPhone down the toilet really made my day...) – an dessen Format noch heute die löchrigen Abdrücke im Arschbereich so mancher Lieblingsjeans erinnern -  und aktuell habe ich ein iPhone 5, mit dem ich alt zu werden gedachte. Nicht genug damit: mein Spross informierte mich unlängst, dass ich und vor allem er auch (nein, sicher nicht, solange du Anrufe nicht entgegen nimmst, unwirsch beendest und SMS oder WhatsApp ignorierst!) schon bald ein neues Handy benötigen, weil die nächste Apple Attacke lauert. Jetzt ist es soweit. Tim Cook servierte das iWunder quasi  am Tablet. Es schwebten mir in der Sekunde durchaus sinnvolle Neuerungen vor, wie etwa ein integrierter Alkomat, der Benutzer mit bedenklichem Alkoholisierungsgrad daran hindert, ihre entbehrlichen Geistesergüsse auf Facebook auszukotzen. Leider nein. Neu ist in erster Linie ein Barometer, das Luftdruck und Höhe, vielleicht sogar den Eisprung misst. Um den Erwerb zu rechtfertigen, werde ich zumindestens den Mount Everest erklimmen müssen. Und der Akku des iPhone 6 soll beim Betrachten von Videos bis zu elf Stunden durchhalten. Ich werde also vom Basislager bis zum Gipfel wanken, es wird mir bei Betrachtung des Luftdrucks und der Höhe glasklar eingängig sein, weshalb ich dringend Sauerstoff brauche und trotz der Gewissheit des nahen Todes nebstbei alle Teile von Herr der Ringe schauen.

 

Ganz toll Apple. Das habe ich wirklich dringend nötig gehabt.

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