Sex

September 27, 2014

Am 1. Oktober erscheint das eBook „Sex“ von Thomas Glavinic im Hanser Verlag.

 

Das Cover lässt auf den ersten Blick Interpretationsspielraum über den Titel. Doch wie die Kurzbeschreibung verheißt, handelt es sich nicht um eine Abrechnung mit der Ex, sondern tatsächlich um eine Abhandlung zum Thema Sex in allen Lebenslagen.

 

Der Teaser klingt ebenso spannend wie verwirrend: Thomas Glavinic ist gegen Eifersucht, denn Eifersucht ist hässlich. Er mag Frauen, die wissen, wie man eine Pizza isst. Nur ungern hört er seinen Nachbarn beim Geschlechtsverkehr zu. Er ist gegen Spaß im Bett. Und er weiß, es gibt offensive und defensive weibliche Geschlechtsorgane. Sex bestimmt unseren Alltag. Doch wie sehr, das wissen wir erst nach der Lektüre von "Sex".

 

Eifersucht ist hässlich. Keine weiteren Fragen. D’accord. Abgehakt.

 

Frauen, die wissen, wie man eine Pizza isst? Kommt ganz darauf an. Auf die Pizza, auf den Sixpack des Pizza-Boys und auf die Location. Um es kurz zu machen: Gott hat uns Hände gegeben, um eine Pizza zu essen und nicht, um diese mit Messer und Gabel zu töten. Ganz wichtig: Pizza nach und nicht vor dem Sex! Ausgenommen sind romantische Erstdates in einer kerzenscheinausgeleuchteten Pizzeria mit anschließendem Sex. Im Park, im Auto oder gerne auch im Bett, je nach Dringlichkeit und Lustpegel, nur nicht in den Toiletten des Italieners, da kenne ich keine, die ein auch nur annähernd anregendes, keimfreies Ambiente zu bieten haben.

 

Die Sache mit den geräuscherotischen Nachbarn erinnert mich schlagartig an meine erste Wohnung, die klein, aber fein, mit Garten, in einem nobel-biederen Viertel gelegen war. Rundum alles ruhig. Die Nachbarn oberhalb hatten ihren Lebensmittelpunkt in Graz und weilten nur jedes zweites Wochenende in der Wien-Dependance. Sie waren sehr kultiviert und nie drangen erregte Kopulationslaute durch die Decke. Entweder war die Decke gut isoliert oder sie hatten keinen Sex mehr. Auf derselben Etage, angrenzend an mein Schlafzimmer, war eine jahrelang leersteehende, kleine Garconniere. Der Pol der Ruhe wurde entweiht, als nebenan eine illustre Mieterin einzog. Es verschloss sich meiner Kenntnis, was die Dame untertags machte, da war sie nie da und wurde auch nie von jemandem gesehen. Klar ging sie nachts einem einschlägigen Gewerbe nach. Und das sehr lautstark. Was soll ich sagen? Man gewöhnt sich an alles. Man unterdrückt als Single ab und an die aufkeimende Eifersucht, denn die ist hässlich. Für meinen Hund, der immer schon seine Probleme mit Sex hatte – er war kastriert und vermutlich deswegen besonders  eifersüchtig – waren die orgiastischen Rhythmen ein Quell des Leidens . Er begleitete das ekstatische Stöhnen mit stetem, heiser-kehligem Gejaule und verlangte dabei nach Nähe in meinem Bett. Wir hatten eine schwere Zeit mit der Nachbarin und zogen schlussendlich um.

 

Soll man gegen Spaß im Bett sein? Ich will es einmal so formulieren. Sex kann man mit jedem (fast mit jedem, nun gut, hoffentlich nicht mit jedem) haben. Das ist keine ernste Angelegenheit. Spaß ist nicht verboten, solange niemand verletzt wird. Liebe ist eine ernste Angelegenheit. Sie erlaubt uns, den Sex nicht als Akt zu erleben, sie gestattet uns auch Spaß zu haben und ich wünsche jedem, schon einmal im Bett, auf der Rücksitzbank, im Stiegenhaus, am Teppich, auf dem  Küchentisch oder in der Dusche in Lach- statt Lustkrämpfen versunken zu sein. Have fun, wie es euch gerade kommt.

 

Offensive und Defensive sind mir als Begriffe aus dem Fußball geläufig und im Verkehr – nicht im geschlechtlichen Sinne – bin ich gezwungenermaßen eine bekennende Verfechterin der offensiven Fahrweise, nachdem die Mehrzahl der Defensiven für flächendeckende Stauzonen in der Stadt sorgt. Über offensive und defensive Geschlechtsorgane bin ich mir zugegeben etwas im Unklaren, obwohl ich vermutlich solche besitze. Um die großartige Maggie Smith zu zitieren: „Religion ist wie ein Penis. Beides sind für mich Dinge, die man gerne haben und darauf stolz sein kann, aber wenn man es hervorholt und damit in meinem Gesicht herumwedelt, dann haben wir ein Problem.“ Das würde ich klar als offensiv motiviert bezeichnen. Betrifft aber – in der Regel – eher nur Männer. Auf der anderen Seite gehen Männer, einige wenige zumindest haben mir das berichtet, in die Defensive,  wenn frau ihre Titten offensiv in deren engerem Gesichtsfeld herumhüpfen lässt. Manche erleben schon einen in der Bauchnabelgegend angesetzten Ausschnitt als abschreckende Bedrohung und verzichten darob auf tieferes Eindringen in die erogene Nahkampfzone. Dabei gilt der weibliche Busen gerade mal als sekundäres Geschlechtsorgan. Die Aufzählung primärer Geschlechtsorgane, die wohl zu den defensiven zählen dürften, möchte ich hier auslassen. Vielleicht noch ein Detail zu den sekundären Geschlechtsorganen Körperbehaarung und Fettverteilung: hier liegt ein weites Land an offensivem und defensivem Potential vor uns, dessen topografische Beschaffenheit nicht immer durch makellose erotische Nutzfläche gekennzeichnet ist.

 

Sex bestimmt unseren Alltag. Ja und nein. So manche Frau würde sich das wünschen. Neben oder vor oder nach oder zwischen der Arbeit, der Kindererziehung, dem Haushalt, mit dem nicht vorhandenen Mann und vor allem dem vorhandenen Mann. Frauen denken jedenfalls deutlich weniger oft an Sex als Männer, die das Studien zufolge pro Tag zwischen 1 (mhm, ja eh) und 388 mal zelebrieren. Der Wunsch scheint der Vater des Gedankens zu sein, denn in die sexuelle Praxis umgesetzt wird er vom Durchschnittsmann läppische 112 mal pro Jahr, ab dem 30. Lebensjahr sinkt der Schnitt rapide auf 89 mal  und ab 40 auf traurige 69 mal. Möglicherweise ist Sex überbewertet. Das Leben ist einfach zu kurz, um Zeit mit unbefriedigendem Sex, unsinnigen Büchern und ungenießbarem Rotwein zu verschwenden. Als ausgleichende Gerechtigkeit der Natur leben Frauen länger als Männer, weil sie die Zeit zurückbekommen, in der sie sich beim Sex mit schlechten Liebhabern langweilen. Sex ist die schönste Nebensache der Welt. Als solche sollte Sex ohne Tamtam belassen und weniger hysterisiert werden. Der Alltagsfaktor Sex ist nichtsdestotrotz omnipräsent und tritt vielfach unbewusst ein. Wir treffen Menschen, wir taxieren sie, das Kopfkino gibt eine Extravorstellung, wir sind Anzüglichkeiten, Annäherungen und Ablehnungen ausgesetzt, wir lesen Sex-Kolumnen in jeder zweiten Zeitschrift, wir flirten, wir träumen…

 

Wie sehr Sex unseren Alltag bestimmt, erfahren wir nach der Lektüre von „Sex“. Also holt euch selbst eines runter. Ich bin keine Freundin von eBooks, aber gespannt: Sex sells!

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