Warteschleife im Chatroom

October 31, 2014

„Die Zeiten für Aufrisse sind wahrlich hundsmiserabel. Heutzutage kriegt man nicht mal mehr in der Singlebar der einsamen Herzen eine Telefonnummer zwecks Zweitverabredung“, jammert Klaus, „die E-Mail-Adresse ist das höchste der Gefühle. Und dann wollen die schreibgeilen Weiber mailen auf Teufel komm raus. Wenn‘s ein bisserl flotter sein darf, ist ein Chat drin, und das wochen-, ja monatelang! Kein Staat zu machen mit charmantem Lächeln oder machoiden Imponiergehabe. Nur nackte Worte. Da kannst erst mal einen Seelenstriptease par excellence hinlegen, bevor es an die Unterwäsche geht…“

 

„Klar, so passionierte E-Mail Schreiber wie der Glattauer haben die Eroberungslatte schwindelhoch geschraubt“, muss ich Klaus allein zu Haus beipflichten. „Geh, hör mir bloß auf mit dem Nordwind, da stellt’s mir gleich alle Brusthaare auf. Und witzig ist man in dem Genre erst mit :-und mindestens fünfzehn Schlussklammern! Wo sind die guten alten Zeiten, als man sich noch konservativ abgeklopft hat? Mittlerweile hab ich den Überblick über meine Nicknames in den garantiert sexfreien Foren verloren“. „Aber da muss doch die eine oder andere butterweich gegart sein, oder kommen deine Bratkünste im Netz nicht rüber“, bin ich einigermaßen erstaunt. Grad der Klaus, der nie was anbrennen lässt, das auf zwei Beinen nicht schnell genug auf den Bäumen ist. „Quäl mich nicht“, jeiert Klaus weiter, „Quadratkilometer von Regenwald sind beim Ausdruck der abertausenden Mails mit Sabrina gestorben. Nächtelang hab ich mich und meinen Computer zu Hause eingesperrt, nur um mit der Holden schriftlich zu reden und was ist? Nach einem Jahr und kurz vor unserem ersten Treffen gesteht mir Sabrina, dass sie Gertrud heißt, verheiratet ist und die dazugehörige Portion von drei Kindern hat. Nach dem Outing ist sie nahtlos ins Diätforum übergewechselt“.

 

Wahnsinn, die Männer sind wirklich so deppert, wie ich immer vermutet habe, denke ich leise bei mir und frage fürsorglich, wie das weiter gehen soll. „Es ist wie eine Droge“, stöhnt Klaus, „ich kann einfach nicht damit aufhören. Manchmal bleibt mir nichts anderes über, so wie letztens, da schlaft mir eine potentielle We-will-meet-in-real-life-Kandidatin nach Stunden intimen Austauschs mitten im Chat weg. Funkstille. Ich bin noch bis in der Früh vor der Kiste gehangen und erst ihr Piep mit dem ‚sorry, war schon etwas ermüdet‘, hat mich aus dem Wachkoma zurückgeholt“.

 

Deppert ist ein Hilfsausdruck, also bitte, wie langweilig kann ein Mann denn beim Online-Flirt sein?

 

„Unfassbar … ich muss jetzt leider Schluss machen“, flötet meine virtuelle Computerstimme und klickt den müden Abklatsch eine Mannsbildes weg, ohne zu verraten, dass noch ein heißer Chat in der Warteschleife hängt und das Mail der Eroberung der letzten Nacht beantwortet sein will.

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