Figaro

November 21, 2014

S. ist frisurtechnisch ein unkomplizierter Fall. Streichholzkurz und blond. Trotzdem kann einiges sowas von flott in die Schieflage geraten. Tatort: Salon Jaques D., Kohlmarkt.  S. verlangt wie immer nach weißblond. Ein paar Klatschmagazine später ist jedes einzelne Haar perfekt farbaufgefrischt. Jedenfalls solange bis den Haarkünstler der Überperfektionismus packt und Figaro schnell eine Blautönung drüber tüncht, um einem nur ihm ersichtlichen Gelbstich den Garaus zu machen. Danach leuchten die Spitzen schwarz und eine hyperventilierende S. wird beruhigt: „Das geht beim Föhnen weg“. Nebbich. Das Gesamtergebnis ist asphaltgrau oder wie S. reklamiert, „Meinen’s ich geh damit auf die Straße und wenn mich ein Lastwagen überrollt, kann man mich nicht mehr vom Straßenbelag unterscheiden?“ Der Verbrecher will der schäumenden Haarpatientin einreden, der Look wäre sogar nach Pariser Haute-Hair Maßstäben sensationsverdächtig. S. für alle Schicki-Micki-Kundinnen laut vernehmlich: „Das ist Scheiße!“ Indigniert pappt Jaques noch eine Rettungstönung auf das Haupt und nun rennt S. mit einem Stich Altrosa im Haar durch die Gegend … und mir in der Bognergasse in die Arme.

 

Nachdem ich die Schnellfassung der Misere erhalten habe, bugsiere ich das völlig gebrochene Friseuropfer an die Bar des Schwarzen Kameel und ordere Notfall-Champagner, um die Kunstfehlerdepression abzumildern. „Gute Pulloverwahl“, gratuliere ich zu ihrem altrosa Outfit, das den gewollten Eindruck erweckt, die Farbschattierung auf die Haare zu projizieren und nicht umgekehrt. „Sehr witzig“, brummt S. mit Märtyrermiene, „was glaubst du wie viele Stunden ich dafür vor dem Kasten gehangen bin!“ Da lob ich mir meinen ganz und gar unfranzösischen Coiffeur, der die Blondschattierungen im Stil Jennifer Aniston nach dem Leben mit Brad Pitt locker und unfallfrei appliziert.

 

Die Frage, wozu wir Frauen eigentlich diesen irren Haaraufwand betreiben, stellt sich an diesem Tag noch zweifach. Zuerst stößt S. Lebensabschnittspartner zu uns, der sich um seine Haare nicht mehr allzu viele Gedanken machen muss, da sie ihm praktischerweise schon alle ausgegangen sind. „Und?“ heischt S. nach Trost und Zustimmung. Hans, sichtlich reizüberfordert, taxiert seine Liebste bedächtig von Kopf bis Fuß. „Du warst schoppen“, freut er sich über seinen Scharfblick, „steht dir wirklich gut, der neue Pullover“. S. zupft ein paar Fussel von dem alten, ausgewaschenen Ding und starrt Hänschen mit einer Mischung aus fassungsloser Verärgerung und selbstmitleidiger Dankbarkeit an.

 

Als ich dann abends an meiner Stammtheke eintrudle, ebenfalls frisch aus der Blondierungssession mit anschließendem Ich-war-nicht-beim-Friseur-und-bin-naturschön-Styling, fahrt mir mein Barnachbar mit frittenfetten Fingern durch die out-of-bed Haarpracht und spart nicht mit ehrlicher Besorgnis: „Lili, es wird Zeit, dass du endlich einmal zu meinem Friseur gehst, deine Haare haben es bitter nötig“. Männer sind eben in Bezug auf Frisuren eher schlicht gestrickt. Auch wenn ich lieber halbgar über dem Grill hänge als auf mein Haarservice zu verzichten, pfeife ich das nächste Mal vielleicht gleich ganz auf diesen 140 Euro Pipifax und erscheine en nature brünett mit grauer Ärgersträhne. Wird sicher keinem Mann auf diesem Planeten auffallen.

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