Pheromone

November 28, 2014

„Schau Dir mal den Knackarsch an“, jauchzte S. Ich wollte und konnte einfach nicht. Nix ging mehr. Mein Hals verweigerte jeglichen Versuch sich umzudrehen. „Es ist zum Auswachsen“, jammerte ich leise, „diese Verspannung will einfach nicht weichen“. S. verwies mich an den Orthopäden ihres Vertrauens. Mit wenig Hoffnung und in Erwartung auf einen zeitraubenden Massagemarathon geschickt zu werden, suchte ich Dr. M. auf. „Machen Sie Sport?“, begann der durchtrainierte Arzt seine Inquisition. Ich drehte und wand mich und gab schließlich selbstschämend zu, mich sportlich schon geraume Zeit nicht mehr betätigt zu haben, kein Pilates und kein Tantra, kein gar nichts. Der Doktor betrachtete mich mit einem Blick, der andeutete, „erstaunlich gute Figur nichtsdestotrotz“, und wies auf die Behandlungsliege.

 

„Sitzt Ihnen etwas im Nacken?“, versuchte M. zu ergründen. „Gut diagnostiziert“, höhnte ich voller Ironie, „mein Chef, die Steuerfahndung, das schlechte Gewissen, wollen Sie noch mehr hören?“. Er fasste meinen Nacken, übte professionell Druck aus und wollte wissen, ob es weh tut. Weh war ein unzulänglicher Hilfsausdruck, eigentlich war ich hier um weniger Schmerzen zu haben, nicht mehr. „Wir machen jetzt eine kleine Osteopathie“, sprach Dr. M. mit rauchiger Stimme in mein Ohr, „darf ich Ihnen den Kopf verdrehen?“ „Sie sind nicht der erste und sie werden auch nicht der letzte sein“, erlaubte ich ihm fortzufahren, „ich bitte darum.“ Ab jetzt war alles einfach. Augen schließen und sich überlassen, der einzige der etwas machen darf, ist Dr. M. Er drehte meinen Kopf in eine seitliche Stellung und ließ ihn so zwei Minuten verharren. Lass mich stundenlang hier liegen, dachte ich, und ertappte mich bei dem Gedanken, dass alles noch besser wäre, wenn mich Dr. M. küsst. „Sie sind nicht locker und entspannt gewesen“, war Dr. M. nicht ganz zufrieden mit mir, „also werden wir das in einer Woche nochmals wiederholen müssen. Dann müssen Sie aber wirklich loslassen, sonst machen wir einen privaten Termin und ich werde mit Ihnen üben“. Er grinste wie ein Schelm. Die Höllenqual im Nacken schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Ich lächelte den Osteogott dankbar an und schritt erlöst davon.

 

Am Abend war es vorbei mit der Erleichterung. Ich war kurz davor, Dr. M. auf seinem Handy anzurufen und um einen Hausbesuch zu betteln, als S. anklingelte und fragte, wie es gelaufen sei. „Fantastisch“, schwärmte ich als ob ich eine Überdosis Liebestrank geschluckt hätte, „ich liebe diesen Mann. Mein Nacken ist zwar kein Deut besser, aber wenn wir heiraten und er rund um die Uhr da wäre, könnte er bei Bedarf meinen Kopf verdrehen und alles ist wieder gut“. „Oh nein, meine Liebe“, zerstörte S. meine Illusionen von ewiger Nackentreue, „M. hat schon wieder die Pheromone benutzt, der Schlingel“. Jetzt wo sie es sagte, wusste ich, woher dieser fantastische Duft kam, der meinen Haaren noch immer anhaftete. „Weißt Du S.“, schickte ich meinen Nacken zum Teufel, „es geht mir schon viel besser, ich fühl mich so unternehmungslustig, lass uns ein paar von den Pheromonen unter die Leute bringen“.

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