Blind Date

February 13, 2015

Aufregung pur. Das erste Blind Date meines Lebens. Man soll ja nie sagen, jenseits der vierzig geht es nur noch bergab. Eigentlich war es mehr ein Semi-Blind-Date. Der auf Facebook anstupsende Mann war mir namentlich aus der Schulzeit bekannt, nur konnte ich mich beim besten Willen nicht an sein Gesicht erinnern. Ein Regenbogen als Profilfoto war wenig hilfreich. Mit dem Stupser musste wohl etwas faul gewesen sein. Entweder potthässlich oder Vollkoffer oder Streber oder schwer liiert. Nachdem ich mich bei Schulfreundin S. davon überzeugt hatte, dass es das schwarze Loch in meiner Erinnerungswelt wirklich gegeben hat und der Blindverehrer offenbar kein gemeingefährlicher Irrer war, ließ ich mich auf ein Frühstück in der City ein. Ich meine, wenn ein Mann schon so reizende Dinge über ein Profilfoto per Nachricht schreibt, kann Frau das nicht einfach unbelohnt ignorieren.

 

Wahrscheinlich ist der Typ nicht mal 1,70 und ich werde auf ihn runterschauen und der Charme wird blitzartig abkühlen, war ich erwartungslos. Ich sollte doch zwecks leichterer Erkennung ein Buch auf den Tisch legen und er würde wie Tamino mit meinem Bildnis herumlatschen. Witzig schien er auch noch zu sein. Fast hätte ich das Date geschmissen, weil ich an der Auswahl eines anlassgemäßen Buches zu scheitern drohte. Nimmt man da Sartre, die Briefe an Simone? Handtaschenerschwerender Wälzer. Oder Gut gegen Nordwind? Platt. Oder ein Buch, das man selbst geschrieben hat? Peinlich. Das geht schon gar nicht. Wie immer und überall hatte ich also nur mein pinkes Netbook dabei und wurde damit auch prompt erkannt. Vermutlich, weil ich mir auf meinem Profilfoto tatsächlich ähnlich sehe.

 

Auf den ersten Blick nicht der sexiest man alive, trotzdem sportlich, charmant, zuvorkommend, ungemein gewinnend, dachte ich schon nach fünf Minuten und musste mich mit strenger Stimme daran erinnern, dass ich nur frühstücken wollte und nicht, naja, nichts sonst eben. Von Beruf Anwalt nahm mich mein Dating Partner sofort ins Kreuzverhör und ich kam mir vor wie auf der Couch des Psychiaters, den ich nie hatte, aber möglicherweise dringend bräuchte, während mein Gegenüber ansatzlos mein vermaledeites Beziehungsleben analysierte.  Keine Liebe ohne Leid, sprach er scheidungserfahren und das ist natürlich unumstößlich richtig. Meinte ich schon bei der beiläufigen Bemerkung dahin geschmolzen zu sein, ich hätte wunderbare Ohrläppchen (Ob man die mal angreifen dürfe? Nein: ich hasse meine nicht anliegenden Ohrläppchen seit Kindesbeinen), brachte Tamino mich gegen Ende des tête-à-tête vollends aus der Fassung.  Als ich mich in Richtung eines beruflichen Anschlusstermins verabschieden wollte, war der Mann tief betrübt, dass ich es wagte Shuffle-Termine zu machen, denn er hätte jetzt gerne noch einen Stadtspaziergang mit mir unternommen und dachte daran, gemeinsam in einer Kirche zu verweilen. Atemnot. Herzklopfen. So etwas Romantisches hörte ich das letzte Mal, als mich mein Ex-Freund fragte, ob wir die Nacht auf einem verlassenen Ausflugsschiff am Wörthersee verbringen und den Sternschnuppenregen beobachten wollen. Und das war echt verdammt lange her...

 

„Wie war es“, wollte S. wissen,  „ist der frisch auf Brautschau, zelebriert die Midlife Crisis oder ähnlichen Unfug?“ „Einen gewissen Midlife after Marriage Knacks hat er sicher“, gestand ich, „der Mann ist in natura mindestens so charmant wie in seinen E-Mails! Eine ganz reizende Mischung zwischen Lausbub und perfektem Gentleman, offenbar gibt es auch noch solche oder man erkennt den Haken halt nicht gleich“. S. sah das pragmatisch, „Irgendeinen Haken hat er garantiert, was aber wurscht ist, weil eh ALLE einen Haken haben!“

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