Ephraim inkognito

March 6, 2015

Wien. Vor langer Zeit. Der hochgewachsene Mann lungerte am Abgang zur U-Bahn vis a vis der Oper herum. Sein Mantelkragen war hochgeschlagen. Er machte nicht den Anschein auf etwas oder jemanden zu warten. Ich wartete ebendort auf mein Nachmittagsdate. Der Lange und ich hatten uns beide in eine Nische zurückgezogen. Draußen regnete es in Strömen. Der Platz war hervorragend geeignet, die im Vorweihnachtstaumel vorbeiziehenden Massen zu beobachten. Hin und wieder krammte der große Fremde ein kleines Notizbuch hervor und kritzelte etwas hinein. Dann widmete er sich wieder der Beobachtung. Eigentlich nicht ungewöhnlich, aber schon bald konnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, er würde auch mich einer eingehenden Observation unterziehen. Mein Date ließ auch wirklich unverschämt lange auf sich warten. Als ich gerade überlegte, mich ohne Schmähworte vom Acker zu machen und den Zuspätkommer blöd sterben zu lassen, klingelte mein Handy. G. steckte im Stau und würde es nicht mehr schaffen. „Musst Du auch nicht, ich bin schon seit einer viertel Stunde nicht mehr da, oder glaubst Du ich frier mir hier den Arsch ab, nur weil Du nicht rechtzeitig aufkreuzt“, gab ich angespeist von mir und beendete das Gespräch erhobenen Hauptes. Der Mantelkragenmann neben mir verzog keine Miene, zückte wiederum sein Büchlein und notierte eifrig, während er mich mitleidig angrinste. „Gibt es was zu lachen?“ schnauzte ich ihn an, „Oder sind Sie auch gerade versetzt worden?“ „Verzeihen Sie, aber ihr Freund muss ein schöner Trottel sein, wenn er Sie ohne Schutz im Regen stehen lässt und riskiert, dass die gesamte Männerwelt Ihnen zu Füssen liegt“. Mein Gott, was haben diese graumelierten Herren der alten Schule doch für einen unvergleichlichen Charme, dachte ich milde gestimmt, und schenkte dem Charmeur ein gönnerhaftes Lächeln. Dem jungen Rüpel gab ich den geistigen Laufpass, löschte seine Nummer aus meinem Handyspeicher, genoss den Nachmittagskaffee alleine und stimmte mich auf meine Abendverabredung ein. Lesung von Kishon im Metropol.

 

Und dort war er schon wieder, der ältere Mann, ohne Mantel, und ich fragte mich, warum er frech auf der Bühne saß. Ob er von dort aus wohl besser das Publikum beobachten konnte und sich gleich wieder Notizen machen würde? Nein, es war Emphraim persönlich. Hoffentlich hatte er mich schon wieder vergessen und würde meine Dating-Niederlage nicht in einer Satire verarbeiten. Die ganze Welt würde lesen, dass ich versetzt wurde und darauf sogar einen halbe Stunde gewartet hatte. Von wegen gar nicht mehr da. Anschließend signierte Ephraim, nicht mehr inkognito, sein neuestes Werk und ich stellte mich endlos an, um ein Exemplar zu ergattern. „Nun mussten Sie schon wieder so lange warten“, sagte der Meister des feinen Humors ohne mit der Wimper zu zucken, während er eine ganz bezaubernde Widmung in das Buch gravierte. „Warten ist mein Schicksal“, feixte ich und festigte an diesem Abend meinen Entschluss das Leben und die Leute nicht mehr aus den Augen zu lassen und als endlose Vorlage für meine künftige Autorenkarriere, die zweifellos jene von Ephraim noch übertrumpfen würde, schamlos auszunutzen.

 

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