Ein Offizier und Gentleman

November 27, 2015

 

Ich war mal beim Film! Klingt fantastisch, oder? Na ja, als Bookerin einer Komparsen- und Kleindarsteller-Agentur mit fallweisen Eigenauftritten, wenn Not an der Frau war. Fantastisch ist leicht übertrieben, zumal sich der Glamourfaktor in der Filmstadt Wien in engen Grenzen hält. Aber wenn ich schon nicht in Hollywood war, kam Hollywood zu mir.

 

Es war Dezember 1988 und es war bitterkalt. Nachtdreh einer amerikanischen Filmproduktion in Wien. „War and Remembrance“ oder zu Deutsch „Feuersturm und Asche“. Drehort: Ein modriger Bunker im 21. Bezirk. Meine Rolle: Statistin im Gewand des Bundes deutscher Mädchen. Nach Kostüm und Maske war wie immer endloses Warten auf den Auftritt angesagt. Da saß ich also, in wenig wintertauglicher Adjustierung und mit strengem Dutt, bei Minusgraden auf den Stufen des Bunkers und fror. Ein hektisches Auf- und Ablaufen der Filmcrew ohne tieferen Sinn dahinter war die einzige Ablenkung von der klirrenden Kälte. Nach einer gefühlten Ewigkeit gesellte sich ein Offizier in schmucker Uniform an meine Seite und eröffnete den Small Talk mit der Frage, ob ich schon lange beim Film sei. Ich berichtete von meinem Studium, das ich mit Gelegenheitsauftritten finanzierte und dass ich mich eher selten selbst als Statistin hergebe, weil ich eigentlich für die Agentur Kleindarsteller und Komparsen auswähle und Filme besetze. In dieser Nacht wollte es der Zufall, dass nicht genügend blonde Mädels in der Kartei vorrätig waren und ich kurzfristig einspringen musste.

 

Das fand der Offizier sehr selbstlos und ich zermarterte mir den Kopf, warum ich mich nicht entsinnen konnte, aus welchem Karteiblatt ich den gutaussehenden Kerl mit dem unglaublichen sexy Timbre in der Stimme um die sechzig hervorgezaubert hatte. „Nein, ich gehöre zur Schauspielertruppe“, klärte mich Rommel auf und betrachtete besorgt meine sich blau verfärbenden Finger. „Sie frieren ja“, rief er entsetzt, „was bin ich nur für ein schlechter Gentleman!“ Der fesche Samariter reichte mir seinen Feldmarschallsmantel und legte ihn um meine zitternden Schultern. Damit nicht genug, entledigte er sich der warmen Lederhandschuhe, hauchte meinen Händen mit seinen Lippen Wärme ein, rieb sie fürsorglich, bis sie kribbelnd wieder zum Leben erwachten und streifte mir seine Handschuhe über. Es gibt noch Wunder und echte Männer, dachte ich gerührt, während wir die nächsten zwei Stunden auf der Kellertreppe eng aneinandergeschmiegt verharrten und uns gegenseitig wärmten.

 

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, über was wir alles sprachen, aber ich werde nie vergessen, dass ich den sympathischen Kerl, kurz bevor er zu seinem Auftritt gerufen wurde, einfältig fragte, „Und seit wann sind Sie eigentlich beim Film?“ Er konnte nicht mehr antworten. Ein männliches Mädchen für Alles riss mir unwirsch Mantel und Handschuhe vom Leib und drängte den armen Mann auf das Set. Ich verlor meinern Retter vor dem Erfrierungstod aus den Augen und wurde kurz darauf ebenfalls eingewiesen. Die Szene: eine Abendgesellschaft mit Tanz. Ich sollte von einem der Offiziere aufgefordert werden und mein bestes Walzerbein zeigen. Ansage des Regieassistenten: „Mr. Krüger! Sie tanzen mit der Dame mit der rot angelaufenen Nase. Maske, bitte Puder!“ Wir schwebten über das Parkett und ich brachte nur heraus, „Könnten Sie die letzte Frage bitte streichen, damit ich nicht unterirdisch weitertanzen muss?“ Hardy grinste mich schelmisch an und erweiterte spontan seinen Rollentext, „Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen so charmant durch die Nacht zu plaudern“.

 

Eines hat sich bis heute nicht geändet: wenn auf offenem Gelände bei freier Sicht ein einziger Fettnapf herum steht, tappe ich mit Anlauf unter Garantie knieftief hinein.

 

 

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