Vom Elefant zum YouTube Star

December 11, 2015

 

Mein Spross wusste bereits mit zwei Jahren zielsicher, was er einmal werden will: Elefant.

Ich fand diesen Berufswunsch außergewöhnlich und war bereit ihn nach Kräften zu unterstützen. Klar ändern sich die Perspektiven, und heute, zehn Jahre später, ist er von diesem frühkindlichen Karriereprofil abgerückt und strebt nach höheren Weihen. Irgendwie platschte das Thema zuletzt auf und der junge Mann verkündete entschlossen: Zoowärter oder YouTuber. Allrighty. Da lässt sich die geübte Mutter keine innere Gefühlsregung – oh Gott ich hätte ihn nicht stundenlang vor den Teletubbies und später vor GTA abhängen lassen dürfen – anmerken, sondern versucht erstmal Awareness zu schaffen: Zoowärter so mit Ausmisten von Gehegen oder mehr Richtung Tierarzt mit Porsche in der Garage? Kinderseitig kurze Verunsicherung . Was verdient man denn als Zoowärter? Wenig. Und als Tierarzt? Viel. (Wer den Film „Knight and Day“ kennt, stelle sich jetzt meine Handbewegungen vor: mit mir, ohne mich, oben, unten, Tierarzt, Zoowärter…) Es hat sich dann rasch herauskristallisiert, dass der Zoowärter nur ein Ablenkungsmanöver war und ohne weitere Hürden wie unnötige Studien das Kind YouTube Star werden will. Natürlich unterstütze ich auch das bedingungslos. Die Geschichte mit dem Enterben und so weiter ist ja aus der vorletzten Generation.

 

Ich erkenne als wirtschaftlich korrumpierte Person schnell das Potential der vorgeschalteten Ads bei YouTube Videos, denn damit ist die Amortisierung der Weihnachtsgeschenke gesichert. Was er denn braucht, um das Handwerk auszuüben? Ich habe keine Ahnung, obwohl ich Kev und Dner und Paluten und Izzi und Gomme so gut kenne, als ob die Knilche in meinem Wohnzimmer herumlungern, was sie via TV ja auch meistens tun. Eine FaceCam, erklärt mir mein zukünftiger Experte und einen YouTube Channel und wie filme ich meinen Bildschirm, folgt dann im Nachsatz eine leicht verzweifelte Frage. FaceCam, alles klar, das shoppen wir in nullkommanix und die Mama kennt sich voll gut mit Channels aus und kann das im Tiefschlaf. Aber wie kriegen wir das alles zusammen gefilmt auf YouTube? Weihnachten wird also eine Art Bastelgruppe, wo wir uns durch Google klicken, Tutorials reinziehen, Schnipsel zusammenkleben, die meine kreative Ader in YouTube Titelbilder entladen wird und den technischen Krimskrams schaffen wir auch noch…

 

Screenfilming und Targeting alleine macht noch keinen erfolgreichen YouTuber, also will ich wissen: und wie sprichst du dann mit anderen? Weiß nicht, die haben alle Skype. Ja, eh, das hast du dann auch. Nein, will ich nicht. Ich will nicht mit anderen sprechen. Aahhhhhhh. Jeder hat heute Skype, sogar deine Mutter… also werden wir dir auch einen Skype Account verpassen. Nein. Gut. Wir arbeiten dann noch an den Grundfesten des YouTube Stardoms. Über Werbeeinnahmen kalkuliert er aber schon wie ein Profi und reinvestiert gedanklich in Hearthstone Kartenpakete.

 

Die Beruhigung der ob sich radikal verschlechternder Noten irritierten Lehrer und was sonst noch an Trouble Shooting auf mich zukommt, die weiteren 69 WhatsApp Gruppen die ich fanpostbeflissen zu bedienen habe, Liebesbriefe von Groupies abwedeln, Referate und Hausübungen schreiben, weil sich das mit den Live-Übertragungen der Minecraft Zockerkunst sicher nicht ausgeht. Wie gut, dass mir als unausgelasteten, gelangweilten Mensch ganz nebenbei eine sinnvolle Beschäftigung in den Schoß fällt. Danke, liebes Christkind!

 

Puh, zu dem Thema sind noch lange nicht alle Unglaublichkeiten erschöpft, aber ich sollte jetzt Schluss machen, weil meine Pekka in 5 Minuten auf Level 5 upgegradet sind und ich schnell ein Dorf überfallen muss, um dunkles Elixier zu erbeuten… (ein Relikt aus der Zeit, als mich der angehende YouTuber noch als Anführer Kater zum Beitritt in seinen Clan genötigt hatte, wo ich mich im Chat als 13-Jährige ausgeben musste und unter Androhung grausamer Folter natürlich nicht verraten durfte, dass ich seine peinliche Mutter bin :-)

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