Gebrauchsanleitung zur stilvollen Peinlichkeit

February 5, 2016

Immer öfter bin ich ziemlich stolz auf mich, wenn ich wieder einmal mehr oder weniger peinlich bin und mir das Peinlichkeitsdelikt ganz und gar nicht peinlich ist. Oder wenn ich die innere Größe finde, über den kleinkarierten Urteilen selbsternannter Richter zu stehen, die befinden wollen, was cool oder peinlich ist. Oder wenn ich mich selbstironisch auf die Schaufel nehmen kann, und peinliche Situationen humorvoll entkrampfe – für mich und vor allem für die Betroffenen. Wenn ich etwas so richtig gut drauf habe, dann ist es stilvoll peinlich zu sein ohne peinlich zu sein.  Soweit dazu, und nun zu einigen peinlichen Geständnissen…

 

1. Peinlich

 

Ich mag Rosenstolz. Ich stehe dazu. Ich glaube generell an Songtexte, weil die Lyrics in und zwischen den Zeilen so wunderbar ausdrücken, was ich sagen möchte oder fühle und somit zu einer Art self-fulfilling prophecy werden, wenn man die Lieder nur oft genug hört. Ich finde immer einen Song  für das vermeintlich situationsadäquate, aber oftmals ultimativ unpassende Gefühl  und poste ihn ohne jedes Fingerspitzengefühl auf den Facebook Seiten anderer Leute. Ich weiß, das ist peinlich, aber eher den anderen und nicht mir. Peinlich sein ist ein knallharter Job, da darf man keine Nerven zeigen. Erstaunlicherweise finden die meisten Leute meinen Musikgeschmack gar nicht so sehr peinlich, eher befremdlich, von vorgestern, interessant, abgefahren. Diese Einschätzung ist ein permanenter Ansporn, die musisch Ungebildeten zu ignorieren, und ich habe große Fortschritte  in der Rückbildung  meines Peinlichkeitsbewusstseins gemacht. Früher heuchelte ich sogar unter dem Weihnachtsbaum ‚Stille Nacht‘ stimmlos mit, aus Angst falsch zu singen. Das habe ich in nächtelangen Sitzungen austherapiert. Als ich noch so etwas wie ein Leben hatte und zu vorhersehbaren Zeiten  in  meiner Ex-Stammbar den Tag zum Teufel schickte  (nein, davon habe ich auf diesem Blog noch nichts erzählt und ich werde es auch nicht tun), sang ich zu vorgerückter Stunde lauthals „I’m leaving on a jet plane“, grölte „Nichts von alledem“ oder heulte „Say a little prayer“ in den Vollmond. Ich denke, wenn man das alles mit fragwürdig erträglicher Singstimme aus voller Überzeugung und so laut wie möglich aus der Kehle herausschleudert, ist das nicht peinlich. Also mir nicht mehr. Ich muss aber zugegeben: das Publikum in der Bar war nicht sehr anspruchsvoll.

 

2. Urpeinlich

 

Es ist mir peinlich, dass ich nicht weiß, was es bedeuten soll, wenn mich jemand auf Facebook anstupst. Soll ich einen Beitrag kommentieren? Soll ich irgendetwas liken? Was fange ich mit einem wortlosen Anstupser an? Deswegen ignoriere ich Anstupser  generell. Außer der gehypte Startautor der westlichen Welt stupst wieder gedankenlos um sich und mir reißt der Geduldsfaden. Dann ist es ist mir nicht zu peinlich, den Dichterfürsten auf die Schnelle in exaltiertem Ton abzukanzeln: „Ja, bitte? Und? Was? Sind damit alle 357 Anstupser, die während den langen Lesereisen durch den tristen Winter in der Warteschleife hängen geblieben sind, abgearbeitet?“ Der Dichterfürst schweigt peinlich berührt. Zwei Monate später mailt er eine lapidare Entschuldigung für sein gedankenloses Stupsen. Im Gegenzug maile ich ihm mein 9 Punkte Überzeugungsprogramm, warum wir gemeinsam ein Buch schreiben werden und lege unglaubwürdig dar, dass ich keine Irre bin, nicht klinisch-pathologisch jedenfalls. Als ich den Antipeinlichkeitsbeweis im Nachhinein nochmals durchlese, ist mir das Manifest doch etwas peinlich. Der Dichterfürst ist der Idee nicht vollends abgeneigt, aber zuerst braucht er mal Sex, bevor er näher über das Buch nachdenken kann. Meine Klartext-Antwort dazu führt zu einer prompten Entfreundung. Seitdem stupst der Starautor mich weiterhin gedankenlos an. Das finde ich einfach nur urpeinlich.

 

3. Megapeinlich

 

Ich bin so leichtgläubig, dass sogar gute Freunde sich zeitweise augäpfelrollend  abwenden und jeglichen Bekanntschaftsgrad leugnen. Ich glaube unter anderem an Hellsichtigkeit, an Zahlenmagie, an Zufall und Schicksal und an die große Liebe des Lebens. In einem früheren Leben haben mich die Inquisitoren sicher als Hexe verbrannt.

 

Ich liebe Jane Austen, ich stehe aber auch zu Bridget Jones. Ich vergöttere Robert Frost, Thomas Murphy, Bukowski - und Harry Potter. Ich liebe wertvolle Filme, aber noch mehr liebe ich „Barfuss“ samt Til Schweiger (ja, er ist großartig!!!!!!!!!!!!!!) und der überirdischen Johanna Wokalek, „Perfect Love Affair“ (das Original sowieso und das Remake gleich oben drein) und natürlich „Love Actually“. Wenn ich mir alle diese Filme nur einmal pro Jahr reinziehe, habe ich tausende Arbeitsplätze in der Kleenex -Industrie gerettet. Ich verliere bei „Wie im Himmel“ den letzten Rest von Fassung und Würde, und schnaube in einem knietiefen Tränenteich dem Ersticken nahe vor mich hin. Ich bin ein Bild des Elends umgeben von Klopapierrollen, weil die Hunderterpackung Taschentücher schon verschneuzt ist. Wenn bei mir zu Hause „Hachiko“ läuft, gibt sich mein sich fremdschämender Spross zur Adoption frei. Die offensichtliche Wahrheit ist: ich bin eine megapeinliche Frau, und manchmal tut das richtig gut!

 

4. Kamikazepeinlich

 

Eines ist klar. Peinlichkeit funktioniert nicht nach dem Gießkannenprinzip. Wenn Sie es nicht versauen und nie wieder als die Peinliche in der Gegend herumhängen wollen, vergessen Sie nicht die wichtigste Grundregel: steht man erst mal mit einem Bein im Fettnapf, gibt es kein Zurückrudern mehr. Dann heißt es mit Vollgas in den Abgrund.

 

Ein kurzes Lehrbeispiel:

 

Kollegin: He, wäre total nett, wenn du Freitag Zeit hättest und zum Umtrunk zu meinem runden Geburtstag vorbeikommst.

Lili: Oh, wie nett, liebend gerne. Was wünschst du dir denn zum 50iger?

Kollegin (pikiert): Es ist mein 40iger.

Lili (autsch, da muss ich durchtauchen): Echt jetzt? Du solltest dich nicht so gehen lassen, sonst verlässt dich noch dein Mann.

Kollegin (heult): Das Schwein hat mich letzte Woche verlassen.

Lili (aaaahh, auch schon egal, und jetzt zum Todesstoß ansetzen): Kein Wunder, nach einer Nacht mit mir vernascht keiner ein aufgequollenes Germknödel, das nach Ablaufdatum 60plus riecht. Ha, ich weiß schon, ich schenk dir einen Gutschein für eine Gesichtsstraffung. Das wird schon wieder. Trotzdem danke für die Einladung, wir sehen uns dann bei der Feier zu deinem 100er oder zur Hochzeit mit deinem Ex. Wäre total nett, wenn du vorbeikommst!

Kollegin (röchelt): …

Lili (verbrannte Erde, da wächst kein Gras der Peinlichkeit mehr): …

 

Sie haben das Prinzip verstanden? Eine Göttin der Peinlichkeit ist kein Rinnsal, sondern ein niagaraartiger Wasserfall!

 

5. Supergaupeinlich

 

Das ist jetzt wirklich hart einzugestehen. Ich habe eine Straßenbahn mit einem Mann verwechselt, oder war es umgekehrt? Schwamm drüber. Ziemlich sicher habe ich unter Einfluss von Jetlag und mehr oder weniger Rotwein einschlägige E-Mails losgelassen, und hätte mir zwei Sekunden später am liebsten den Finger abgebissen, der die Senden-Taste gedrückt hat, der irre, schlimme Finger. Da möchte man durch die Leitung kriechen und das wortgewaltige Teil wieder zurückholen, oder schnell rüberfahren, sich eine schwarze Maske überziehen, den Mann mit Pfefferspray außer Gefecht setzen und seinen Computer zertrümmern. Leider unmöglich wenn der Empfänger gerade am anderen Ende der Welt sitzt. Also wechselt man vor Peinlichkeit erzitternd zum Ordner Gesendete Objekte, um nachzusehen, ob man die Superhyperpeinlichkeit wirklich begangen hat – und ist im ersten Moment total erleichtert, dass das letzte gesendete Mail an den Geschäftsführer der Auslandsniederlassung ging. Nur warum steht im Betreff: Will you still love me tomorrow? Es wird einem  abwechselnd heiß und kalt. In diesem Moment möchte  man in einer Interkontinentalspalte versinken oder sich durch ein Wurmloch in eine andere Dimension verkriechen. Als Erste Hilfe Maßnahme leere man den Rest der Flasche in das Glas und vernichte den Rotwein, der an allem schuld ist, mit einem beherzten Zug. Genauso gut könnte man in der Situation gleich aus der Flasche trinken, aber so peinlich sind wir nun auch wieder nicht. Die peinlichkeitserprobte Frau stabilisiert sich schnell wieder, rückt die Krone zurecht und schickt das Mail mit einem seufzenden „what the fuck“ an den ursprünglich angedachten Empfänger, denn jetzt ist eh schon alles wurscht.

 

Peinlich sein kann man nicht erlernen. Diese Kunst ist eine Berufung!

 

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