Spanner

March 4, 2016

Nun hätten wir schon den Gynäkologen und den Osteopathen durchgekaut, dann wäre da noch mein Hautarzt. Der gute Mann sieht mich selten, nachdem ich eine unproblematische, wunderschöne Alabasterhaut mein Eigen nenne und trotz intensiver Sonnenanbetung keine Falten bekomme. Vor lauter Ärger hatte ich am Hals eine Ansammlung von Pickeln - als allergische Reaktion gegen zu viele Arschgesichter in meinem Leben - verteilt auf genau zwei Quadratzentimetern knapp unter dem linken Ohr entwickelt. Eigentlich kann man sich die Konsultation samt Diagnose ja sparen, denn dass da Kortison drauf muss und dass das daher kommt, dass einem wegen Ärger an der Beziehungsfront gerade sprichwörtlich der Kragen platzt, dazu muss man keine Hilfskrankenschwester sein. Die Apothekerin wollte partout keine Kortison Salbe herausrücken, also war Dr. P. an der Reihe – einer der alten, auch an Jahren vorangeschrittenen und angesehenen Spezialisten.

 

Dr. P. hatte nicht viel Feinsinn für Small Talk und kam ohne Umwege zur Sache. Nach kurzer Schilderung meinerseits, wo die Problemzone lag, verlangte er: „Machen Sie sich frei“. „Wie frei?“, warf ich ein und nahm demonstrativ meinen Schal ab. Dr. P. deutete in Richtung Umkleidevorhang und sagte bestimmt, „Den Oberkörper“. Ich war einerseits so baff und andererseits lähmte diese alte Hörigkeit vor den Göttern in weiß mein Gehirn, so dass ich zwar leicht verwundert aber reflexartig gehorchte. Dr. P. besah sich die unerfreuliche Stelle unter meinem Ohr, dann taxierte er den Rest meinerselbst wesentlich länger, und erklärte mir in meinem entblößten Zustand ausführlich, dass er kein aggressives Kortison, sondern eine andere Wundersalbe verordnen würde und nun dürfe ich mich wieder ankleiden. Mir kamen leichte Zweifel an seinem Ansehen in der Fachwelt, doch ich wollte nicht vorschnell urteilen und zog wieder ab. Die Salbe bewirkte natürlich null, die Pickel waren unbeeindruckt und versuchten sich auszubreiten.

 

Nach zwei Wochen sprach ich wieder bei Dr. P. vor. „Machen Sie sich frei“, summte er in freudiger Erwartung auf die Untersuchung vor sich hin. „Aber ganz sicher nicht“, zischte ich in gefährlich freundlichem Tonfall, „ich habe zwar zwei Warzen an der Brust, was ich für gesundheitlich unbedenklich halte und um die geht es heute nicht. Die Akne sitzt etwas höher und ist mit freiem Auge ersichtlich. Und jetzt her mit einer hochdosierten Ladung Kortison oder ich werde ungemütlich!“ Dr. P. schien auch der Sadomaso-Nummer nicht abgeneigt, denn meine strenge Stimme schüchterte ihn nicht im Geringsten ein. Ganz im Gegenteil. „Wissen Sie“, sagte der alte Spanner, „wenn Sie schon mal hier sind, machen Sie sich gleich ganz frei. Wir sollten die Muttermale kontrollieren“. Ich drehte ihm den Rücken zu und verließ die Ordination erhobenen Hauptes in voller Bekleidung mit einem unmissverständlichem Gruß. Ich fühlte, wie sich sein Blick zum Abschied auf meinem Hintern einbrannte. Das ist die Geschichte von meinem Ex-Dermatologen. Wenn ich schon mitten drinnen bin im Ärzte-Bashing, erzähle ich nächstes Mal vielleicht noch ein paar Schmankerln von meinem Therapeuten.

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