Aller Anfang ist...

April 29, 2016

 

Ich schreibe ab sofort eine Kolumne. Meine eigene Kolumne. „Gratuliere, Schätzchen! Hast du gleich mit dem Herausgeber geschlafen, oder reicht da ein Redakteur?“,  versuchte Freundin S. nattergrün vor Neid einen Witz anzubringen. „Erinnere mich nicht daran“, konnte ich mir im Freudentaumel nicht verkneifen, „ ich habe die gesamte Redaktion bis zum Lektoraspirantengehilfen durch und bin immer noch fix und fertig.“ S. war pikiert. Kollateralschaden. So verliert man potentielle Leserinnen noch vor Erscheinen der ersten Ausgabe durch humorbedingte Auffassungsunterschiede, was allerdings egal ist, denn mit jeder Kolumne hat man garantiert eine Freundin weniger und der Ruf ist nachhaltig ruiniert.

 

Um ehrlich zu sein, surften der Chefredakteur und ich nicht wirklich auf einer harmonierauschenden Wellenlänge.

Als ungeladener Gast bei einem  Seitenblicke-Event bekam ich den Magazinboss in die Fänge. „Eine Sex and the City Kolumne ist ein Must-have für ein Klatschblatt von Welt“, erklärte ich dem schnöseligen Ignoranten, „Sie rennen ja auch nicht in Armani herum und tragen kein Hemd drunter.“ Der Entscheider über mein Autorenschicksal starrte mich verständnislos an und sein Gesichtsausdruck beschrieb besser als alle Worte, dass er erhebliche Zweifel an meinem Geisteszustand hatte; das übersah ich geflissentlich und eröffnete den taktischen Nahkampf mit prickelnder Schützenhilfe von Taittinger.

 

Champagnisiert toppte ich mich selbst mit journalistischer Zermürbungstaktik, schmetterte einen hollywoodreifen Monolog, eine Impulsrede, die ganze Leier von Themenführerschaft, Auflagenexplosion, Kampfansage an Polly Adler und Elfriede Jellinek. Nach drei Stunden Gehirnwäsche und einer für alle Beteiligten lebensbedrohlichen Menge Alkohol wurde meine Partygeisel gefügig. Ausgeprägtes Helsinki Syndrom. „Verzeihen Sie“, schrumpfte  der illustre Meinungs- und Promimacher unter meinem Frontalangriff auf sein Kleinformat, „haben Sie abgesehen von Kontaktanzeigen schon jemals eine Zeile veröffentlicht? Können Sie überhaupt schreiben?“ Mein abschätziger Blick für sein mageres literarisches Umfeldwissen strafte ihn mit einem verbalen Peitschenhieb ab: „Sie kennen mein Buch nicht?“ Der Ärmste - langsam tat er mir etwas leid - dachte angestrengt nach und schämte sich gebührlich für sein Nein. „Machen Sie sich keinen Kopf. Meine Abhandlung über einen Serienkiller hat in Polizeikreisen höchste Beachtung gefunden. Der nächste Weltbestseller liegt fast fertig in der Schöpfungsschublade. Und wenn Sie endlich zur Vernunft kommen und mich mit dieser Kolumne ihr am absteigenden Ast dahinschrammendes Blatt retten lassen, werde ich mich mit einem Sammelband krumm und dämlich verdienen. Ob ich schreiben kann, ist völlig nebensächlich. Ich sehe umwerfend aus und das ist bekanntlich das einzige, was bei Ihnen zählt oder wollen Sie doch lieber die Alice Schwarzer?

 

Das überzeugte den mittlerweile mürben Mann und wir waren im Geschäft. „Sie können diese sinnentleerte Kolumne schreiben, aber lassen Sie jetzt endlich meinen Arm los und texten Sie mich nicht mehr mit ellenlangen E-Mails und stakkatogetimten Mobilbotschaften zu“, ergab er sich schwankend dem aufkeimenden Verfolgungswahn. Die Frage der Bezahlung war rasch ausverhandelt. „Sie erwarten hoffentlich kein Honorar, sondern sehen das Schreiben als sprechdiarrhoehemmende Therapie zur Selbstverwirklichung?“ Ein kleiner Rückschlag, egal, mal rein mit dem Fuß in die Redaktionstür. „Wo denken Sie hin! Ich werde doch nicht mit schmutzigen Spuren eines offensichtlichen Erwerbslebens die russischen Oligarchen vergraulen, die vor meinem Schlafzimmer Schlange stehen“, flötete ich mit einem rauchiglila Unterton, den selbst Carrie Bradshaw nicht besser hinkriegen würde.

 

S. hatte mit diesem Ende der Story den Rand voll und verabschiedete sich in eine temporäre Ohnmacht.

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