Die geplatzte Versöhnung

July 22, 2016

Meine beste Freundin hat ein Problem. Es muss ein nilpferdschweres Problem sein, so wie sie psychisch schwankend in unser Stammcafé wankt. Jawohl, sie wankt. Mit letzter Kraft plumpst sie mir gegenüber auf einen Stuhl und verbreitet, den Blick ins Unbestimmte gerichtet, ein ihr artfremdes Schweigen. Ich überlege, während ich die vor mir liegende Seminararbeit geistig in den Wind schreibe, grüble und überlege noch schärfer, bis ich nicht mehr an mich halten kann und herausplatze: „Du bist schwanger!?“ Schockiert, weshalb ich auf einen derartig abstrusen Gedanken kommen kann, starrt sie mich wie eine Halbdebile an, schnauft abfällig aus - was ich als ein Verneinen meiner Frage interpretiere -, um ansatzlos in einen Tränenstrom auszubrechen, der einen reißenden Gebirgsfluss in Verlegenheit bringen würde. Nun bin ich tatsächlich beunruhigt. Erst als S. den zweiten Whiskey gekippt hat, und mir immer ungemütlicher wird, da sie nie doppelte Whiskeys zu Mittag trinkt, scheint sie gestärkt, mir die erderschütternde Hiobsbotschaft zu erzählen: ihre tagelange Beziehung zu Wolfgang ist nach einem unbedeutenden Trennungsintermezzo samt Versöhnungssex nunmehr endgültig in die Brüche gegangen. Der Bursche hatte es gewagt, besaß doch tatsächlich die Frechheit, man stelle sich das vor, die Stirn, S. vorzuwerfen, sie sei unzuverlässig. Auf den Kopf gefallen kann der Typ jedenfalls nicht sein. Ich habe länger gebraucht, um das herauszufinden.

 

„Woher nimmt er bloß diese verlogene Anmaßung“, frage ich scheinheilig. „Stell dir vor“, echauffiert sich S., „ich komme vierzig Minuten zu spät zu unserer Verabredung. Das behauptet er. Natürlich war ich zwanzig Minuten zu früh da, weil wir uns um vier Uhr verabredet hatten, und nicht um drei, wie er meint. Was kompletter Unsinn ist. Ich bin immer überpünktlich. Das weißt du doch, oder?“ Oh ja, das weiß ich. „Oder, oder?“ Ihre Stimme vibriert schrill und ich sollte wohl schnell etwas Zustimmendes sagen. „Aber sicher bist du pünktlich. So pünktlich wie die Uhr“, beschwichtige ich und denke an die Uhr, die nach Ende der Sommerzeit keiner zurückgestellt hat. Mir macht das nichts mehr aus. Ich komme prinzipiell eine Stunde später oder bestelle sie eine Stunde früher, erspare mir den Ärger und S. kann sich über ihre Pünktlichkeit freuen. Feine Sache.

 

Lebhaft ist mir noch in Erinnerung, als S. eines Nachts um vier Uhr früh in unser Stammcafé schwebte; lustig, munter, voller Tatendrang ob der frühen Morgenstunde. Selbst war ich weniger lustig, munter und voller Tatendrang, abgesehen von dem Drang meine Beste qualvoll zu erwürgen, ob der Tatsache, dass ich bereits seit vier Uhr nachmittags auf sie wartete. Und damit meine ich den Nachmittag des Vortages. „Sei nicht so griesgrämig. Du schaust etwas fertig aus. Trink einen Kaffee. Der macht dich wieder munter“, tönte mir ihre Begrüßung ins Ohr. In dieser Reihenfolge. Ich war aber griesgrämig und es gab keinen Kaffee mehr. Der gesamte Vorrat an Kaffee war bereits in meinem Blut, teils intravenös. Und ich wollte nicht munter werden, ich wollte nur ins Bett, in irgendein Bett. Wer meine beste Freundin kennt, weiß, dass das ein Wunschtraum blieb. Um Mitternacht des folgenden Tages konnte der Schatten meiner Gestalt endlich schlafen, was er bitter nötig hatte, da er oder wer auch immer um vier Uhr früh schon wieder mit S. losziehen musste. Ganz sicher bin ich nicht, ich hatte die Fähigkeit verloren, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden.

 

Ich weiß auch noch sehr gut, wie ich auf dem Flughafen wartete. Wir wollten über das Wochenende nach London fliegen. Abflug war um sieben Uhr morgens. Um Mitternacht hatte ich sie verlassen, nicht ohne ihr nochmals eindringlich einzuschärfen, zwei Stunden vor dem Abflug beim Check-in zu sein. Aber natürlich, gar keine Frage, pünktlich wie immer, mit Sicherheit! Eigentlich hätten die Alarmglocken den Donauwalzer rückwärts läuten müssen, doch irgendwie war mein sechster Sinn gerade im Rotwein ertrunken. Um fünf Uhr früh war ich am Flughafen, guter Dinge und voll der Vorfreude. Um sechs Uhr war ich immer noch guter Dinge; eine Stunde Verspätung ist schließlich eingeplant und immer noch rechtzeitig. Innerhalb der nächsten halben Stunde wurde ich leicht unruhig und als unser Flug aufgerufen wurde, standen mir bereits die Schweißperlen auf der Stirn und ich begann an meinen Fingernägeln zu kauen, die mein ganzer Stolz sind und zuletzt im Kindergarten von meinen Zähnen bearbeitet worden waren. Sie kam nicht. Ich hätte es wissen müssen. Alle gingen an Bord und warteten dort noch eine weitere halbe Stunde auf den letzten noch fehlenden Passagier. Mittlerweile hatte ich keine Finger mehr, nur noch abgenagte Stümpfe. Jeder starrte mich hasserfüllt an. Jeder wusste, dass der leere Platz neben mir nur bedeuten konnte, dass eine mit mir in Verbindung stehende Person nicht kam, einfach nicht daherkam. Und alle mussten warten und es gab keinen Champagner. Als ich am Sonntag wieder zu Hause ankam, telefonierte ich mit meiner besten Freundin, die mir wutschäumend erklärte, sie würde die Fluglinie verklagen und schwafelte Irrsinniges von Präzedenzfällen der Regierung der Vereinigten Staaten gegen American Airlines. Der Verteidigungsminister hatte seinen Flug versäumt und die weltweiten Abrüstungsgespräche fanden ohne ihn statt, was andere Länder als Affront betrachteten und unschöne Dinge nahmen ihren Lauf. Die Bemerkung, sie hätte möglicherweise zu viele amerikanische Filme gesehen, schluckte ich hinunter.

 

Jetzt habe ich mich irgendwie verzettelt. Wieder zurück zu ihrer blutjungen Beziehung zu Wolfgang, in der über eine nebensächliche Nichtigkeit ein ungestümer Streit ausgebrochen war, der eine mittelschwere Krise zur Folge hatte, die ich in den nächsten Stunden das Unvergnügen hatte, in allen Schattierungen des Wahnsinns mitzuerleiden. Nachdem ich S., unter kalmierenden Wortspenden und stetem, zustimmenden Kopfnicken, stützend nach Hause geleitet habe – der Whiskey hat ihrem Gleichgewichtssinn doch ziemlich zugesetzt –, kann ich sie keinesfalls alleine in ihrem Kummer zurücklassen. Wer weiß, was sie sich antut. S. ist imstande sich aufzubrezeln, auszugehen und sich unüberlegter Weise in das erstbeste männliche Wesen zu verlieben, das ihr über den Weg läuft. Männliche Schäferhunde nicht ausgeschlossen. Der würde spätestens nach drei Tagen bei mir einquartiert und Streit mit meinem Dackel anfangen. Nie und nimmer also kann ich von ihrer Seite weichen und bleibe in ihrer Wohnung. Das ist schlecht so. Zunächst setze ich einen Lindenblütentee auf, der sich bekanntlich beruhigend auf die Nerven auswirkt, und wir gehen daran, zu überlegen, wie wir eine Versöhnung herbeiführen könnten. Das Unterfangen wäre nicht einmal so schwierig, wenn sich meine beste Freundin nicht strikt und stur weigern würde, zum Telefon zu greifen, sich bei Wolfgang zu entschuldigen und ihre permanente Unpünktlichkeit einzugestehen. Vielleicht als Sahnehäubchen noch versprechen, dass solch schändliche Respektlosigkeit nie wieder vorkommen wird, nein, das ist nun wahrlich zu viel verlangt.

 

Ich schlage ihr vor, einen nach Rosenblüten duftenden Brief zu schreiben, in dem sie dem Herzblatt der Stunde ihre Liebe und einen plausiblen Grund für ihre Verspätung darlegen könnte. „Nein! So etwas kann man nicht schriftlich abtun. Das sähe ja fast so aus, als würde ich ihm eine juristische Entgegnung schicken. Es müsste schon etwas Persönlicheres sein.“, doziert S. „Dann hole ihn doch einfach von zu Hause ab und ihr geht eine Stunde spazieren.“ „Und was, wenn er nicht da ist?“, fragt S. skeptisch. „Natürlich wird er da sein. Was soll er denn sonst machen?“, sage ich zuversichtlicher als ich bin. Ich habe keine Ahnung, ob der Gute zu Hause sein wird. Möglicherweise hat er eine nette, neue, naive, unkomplizierte Freundin gefunden. Vielleicht ist er auch auf der Flucht nach Südamerika, bevor meine beste Freundin an seine Tür klopft und ihn findet. Für den Moment scheint es mir jedoch sicherer, sie nicht weiter aufzuregen. „Und was, wenn es regnet?“, äugt sie misstrauisch Richtung Fenster. „Wie bitte?“ „Nun, wenn es regnet, können wir nicht spazieren gehen.“ „Dann nimm einen Schirm mit. Auf diese Art müsst ihr eng zusammengehen.“ „Nein.“ „Ich kann dir einen Schirm borgen.“ „Nein!“ „Und warum nicht?“ „Durch diese entsetzliche Feuchtigkeit bekomme ich immer Locken.“ Ich bin sprachlos. Man muss S. vor das geistige Auge projizieren und sich vorstellen, wie sie mir gegenübersitzt, eingehüllt in eine Wolldecke, an ihrem Lindenblütentee nippend, und sich mit den Fingern durch die Haare fährt, die eine Minimallänge von zwei Millimeter und eine Maximallänge von einem Zentimeter haben. Draußen scheint die Sonne.

 

„Ihr müsst ja nicht unbedingt im Regen spazieren. Dann geht ihr eben in ein nettes Restaurant und versucht die Sache wie zwei zivilisierte Menschen aus der Welt zu schaffen, bei Kerzenlicht und einem guten Glas Wein“, lautet mein nächstes Angebot. „Nein“, schüttelt sie verzweifelt den Kopf. „Falls dir Kerzenlicht und Wein zu übertrieben erscheinen, schlepp ihn eben zu McDonalds“, entgegne ich stimmhaft mit leicht vibrierendem Timbre, ein Zeichen beginnender Erregung. „Nein“, ist sie unerbittlich.“ „Passt dir etwa der ganze Vorschlag mit dem Restaurant nicht? Dann kannst du mit Wolfgang nur noch in unser Stammcafé und damit bist du ihn endgültig los.“ „Nein.“ Ich hasse ihren Sturkopf. S. sagt jetzt so lange Nein, bis ich sie frage, was das soll, was verdammt nochmal sie damit meint. Aber auch ich kann stur sein, und wie, ein waschechter Steinbock. „Was soll das, was verdammt nochmal meinst du damit?“, fahre ich aus der Haut. „Womit meine ich was?“, zirpt sie mit einem Unschuldsengellächeln, das eine Klosterschwester zur Massenmörderin werden lassen könnte. „Nein. Könntest du mir, bitte, erklären, was du mit deinem andauernden Nein meinst, wenn du offenbar nichts gegen Restaurants mit Kerzenbeleuchtung und Wein hast?“ Hätte ich einen Kragen, er wäre mir spätestens jetzt geplatzt. „Nun, ich meine damit, dass man mit Wolfgang nicht wie mit einem zivilisierten Menschen reden kann“, lässt sie sich zu einer Erklärung herab, in mir unverständlich beleidigt zynischem Tonfall, „Unmöglich. Drei Worte und er fängt wieder mit Streit und Vorwürfen an.“ „Bist du ganz sicher, dass er der Richtige ist?“, werfe ich vorsichtig ein. „Der Einzige“, prallt sofort die Antwort einer Königskobra zurück, die ihre Beute nicht mehr rauswürgen will. Zumindest das haben wir herausgefunden. Während wir die Möglichkeiten an kleinen Versöhnungsgeschenken durchgehen, die nebstbei als Zeitvertreib während allfälliger Wartezeiten geeignet wären, wie etwa Geduldspiele oder gordische Knoten, läutet das Telefon.

 

An dem operettenreifen Mienenspiel, welches sich in ihrem Gesicht vollzieht, kann ich unschwer ablesen, dass es sich bei dem Anrufer um Wolfgang handelt. S. verwandelt sich schlagartig in ein Perpetuum Mobile. Mit dem Telefon in der Hand läuft sie hektisch auf und ab, hackt mit ihrem Zeigefinger demonstrativ nach dem Hörer, während sie mir einen irren Blick zuwirft, mit dem sie Bette Davis in einem Horrorfilm Konkurrenz machen könnte, hüpft von einem Bein auf das andere, zeigt mit ihrem Hackfinger nach mir, verharrt in einer kurzen Ruhepause auf ihrem linken Bein, verfehlt den Hörer und hackt sich ins Auge, das auf der Stelle rot anschwillt, was S. aber nicht daran hindert, ungebremst durch die Wohnung zu wetzen, dabei reden, zeigen, drehen, hacken und wieder reden. Mir ist schwindlig. (Anmerkung: Es war damals die gute alte Zeit der Festnetztelefone, die an Kabeln hingen.) Als meine Beste schnaufend eingehängt hat, helfe ich ihr, sich aus dem Telefonkabel zu befreien, das bereits droht sie zu strangulieren. Unter für mich nicht ganz ungefährlicher Zuhilfenahme ihres Zeigefingers teilt S. siegesgewiss mit, dass dies eben Wolfgang war, der sich mit ihr versöhnen will. „Und? Was hat er gesagt“, will ich ungeduldig wissen. Allzu viel kann es nicht gewesen sein. Er muss immer noch einen Meter tief unter den Fußboden erschlagen sein von ihrem Redeschwall. „Er schlägt vor, einander um neun Uhr in einem netten Restaurant zu treffen und zu versuchen, die Sache wie zwei zivilisierte Menschen aus der Welt zu schaffen, bei Kerzenlicht und einem Glas Wein. Das ist aber doch wirklich eine feine Idee! Warum ist dir das nicht eingefallen?“, schaut mich von S. oben herab an, was ihr gar nicht so leicht fällt, da sie zehn Zentimeter kleiner ist. Gott steh mir bei. So geht das seit der Volksschule. Womit habe ich das verdient? Womit?

 

Als ihre beste Freundin, und die einzige, die gerade anwesend ist, kommt mir jetzt klarerweise die ehrenvolle Kammerzofenaufgabe zu, ihr bei der Auswahl der Bekleidung und des Make-ups mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und sie anschließend zum Restaurant zu chauffieren. Ich – ganz die Ruhe selbst – gehe als erstes einmal daran, S. zu beruhigen. Kein Grund zur Hektik, es sind noch über zwei lockere Stunden bis neun Uhr. Ein Blick in den Kleiderschrank reicht aus, mich erst einmal in andächtiges Schweigen verfallen zu lassen. Ein unfassbares Chaos herrscht in diesem Kasten. Eigentlich ist Chaos ein unzureichender Hilfsausdruck, um die Anordnung der Kleidungsstücke zu beschreiben. In dem Kastenuniversum sieht es aus, als ob gerade der Krieg der Welten stattgefunden hätte. Nach einigem Herumwühlen, wodurch noch mehr Unordnung entsteht, aber nein, das ist gar nicht mehr möglich, haben wir aus einem schwarzen Loch ein rotes Sommerkleid mit blumigen Tupfen, eine schwarze Bluse und eine elegante Short ans Tageslicht gefördert. Nach kurzen Hin und Her entscheidet sich S. für Hin, in dem Fall das Sommerkleid. Flugs verschwindet sie damit im Badezimmer, um nach einer halben Stunde wieder herauszutänzeln, angezogen, mitteldezent geschminkt und die Frisur mit Gel aufgepeppt. Meine liebe Freundin sieht wirklich ganz entzückend aus und ich kann mein Staunen über ihre Schnelligkeit kaum verbergen. „Das ging aber schnell! Welche Schuhe willst du dazu anziehen?“, frage ich. Ihre Gesichtszüge nehmen sofort einen ratlosen Ausdruck an. Panisch lauft S. ins Vorzimmer, wo sie sich nach Maulwurfart über die Schuhkommode hermacht. Falls dort vorher irgendeine Form von kosmischer Ordnung existiert haben sollte, was ich für unwahrscheinlich halte, ist diese endgültig dahin.

Mit einem selig verklärten Lächeln taucht S. wieder auf, ein paar rote Stilettos in der Hand. „Ich wusste doch, ich habe letzte Woche etwas Rotes gekauft“, schwingt sie triumphierend die Jagdtrophäe. Mit einem Satz springt S. in die High Heels und betrachtet sich im Spiegel. „Unmöglich“, stammelt sie entsetzt. „Aber warum denn? Das Kleid passt doch perfekt.“ „Ja, das Kleid passt, aber nicht zu den Schuhen.“ Ich besehe mir, eine Minipanikattacke mit der linken Hand Beiseite schiebend, kritisch die Kombination und kann keinen modischen Fauxpas entdecken. Sogar Anna Wintour hätte applaudiert. „Die beiden Rottöne beißen sich“, erklärt die Beste mir, die offenbar irgendwo zwischen Coco und Versace in einen kilometertiefen Stilabgrund gestürzt ist, nachsichtig. Ehe ich S. vom offensichtlichen Gegenteil überzeugen kann, hat sie die neuen, roten Treter zurück in die Kommode geschleudert und ist bereits wieder auf dem Weg ins Badezimmer.

 

Es ist viertel neun und ich stehe wie versteinert im Vorzimmer und warte schaudernd, was als Nächstes folgen wird. Das Schlimmste ahnend wage ich einen Blick ins Bad, wo meine beste Freundin wie eine Furie an ihrem Kleid herumwerkt. „Was machst du da, du zerreißt ja noch das Kleid!“, rufe ich irritiert. „Ich kann es unmöglich mit den roten Schuhen zusammen anziehen.“ „Dann nimm eben ein anderes Paar. Schließlich hast du genug davon.“ „Nein, die Schuhe müssen rot sein“, bleibt sie kompromisslos, „Außerdem, steh nicht so nutzlos rum, hilf mir lieber mit dem Reißverschluss.“ Nachdem S. abermals in den Tiefen des Kleiderschrankes verschwindet, entschließt sie sich doch für die schwarze Bluse und die Short. Dazu hat sie immerhin fünf paar schwarze Schuhe zur Auswahl. Als alle fünf Probe gegangen sind, machen die mit der kecken Masche das Rennen, weil der Schwarzton am besten mit der Bluse harmoniert. Natürlich.

 

Es ist zehn Minuten vor neun und wir werden es gerade noch schaffen. Ich bin schon in den Startlöchern, als S. wie ein geölter Blitz an mir vorbei Richtung Badezimmer schießt. Besorgt beeile ich mich nachzusehen, was sie noch vergessen haben könnte. Das nackte Grauen packt mich, als ich erkenne, was sie anrichtet: mit einem Wattebausch in der einen und einem Cremetiegel in der anderen Hand bewaffnet, geht des Wahnsinns wilde Beute auf zwei Beinen soeben daran, das fein säuberlich aufgetragene Make-up fein säuberlich zu entfernen. Als S. meinen hysterischen Blick bemerkt, lässt sie sich zu einem Kommentar ihrer Handlung herab. „Das Make-up war auf das rote Kleid abgestimmt. Trage ich es zu der schwarzen Bluse, sehe ich damit aus wie ein Krebs im Frack.“

 

Mit einem Kloß im Hals so groß wie ein Marillenknödel schleppe ich mich ins Wohnzimmer zurück und falle resignierend in einen Fauteuil. Das ist zu viel. Ich brauche dringend einen Lindenblütentee für mein angekratztes Nervenkostüm. Während ich atypisch immer unrunder werde, tönt aus dem Bad ein fröhliches Summen. Nicht zu fassen. Bald ist es halb zehn und meine beste Freundin steht im Bad und singt. Das kann ich nicht mehr mitanhören und flüchte ins Nebenzimmer. Dort muss ich dann wohl etwas eingenickt sein, denn als sie gut gelaunt herüberruft, dass nur noch die Wimpern einer kräftigen Tusche bedürften, sagt mir ein kurzer Blick auf mein Handgelenk, dass es zehn vor elf Uhr ist. Ich gebe ihr keine Antwort, ich will nicht mehr mit ihr sprechen. Bestimmt sage ich etwas Falsches oder Beleidigendes und ein Wortgefecht verzögert das Drama um einen weiteren Akt. Keine dreißig Minuten später steht S. vor mir und treibt mich zur Eile an. Mich. Sie schlüpft in die bereitgestellten schwarzen Schuhe, stelzt Richtung Wohnungstür – und kippt um. Schimpfend sitzt meine Gerade-Noch-Beste Freundin am Boden und hält ihren rechten Schuh in der Hand. Der Absatz ist abgebrochen. „Jetzt fällt es mir wieder ein! Die wollte ich gestern zum Schuster bringen. Der Absatz hat ein bisschen gewackelt.“ „Nimm ein anderes paar von den Schwarzen.“ „Geht nicht. Ein Paar ist völlig durchlöchert und die anderen…“ „…passen farblich nicht zu deiner Bluse. Ich weiß“, knirsche ich unwirsch. „Genau! Ich ziehe nur geschwind die lila Bluse an. Die passt auf jeden Fall zu den lila Schuhen.“ Gesagt, getan. Nahezu mit Lichtgeschwindigkeit – es dauert wirklich nur zwölf Minuten – hat S. Schuh- und Kleiderkasten durchhechelt, und ist in die erhaschten Kleidungsstücke geschlüpft. Die Bluse ist ein klein wenig verknittert, da sie ganz unten im Chaos lag, aber zum Bügeln ist, Gott sei´s gedankt fällt ihr das nicht ein, wirklich keine Zeit mehr. Noch einmal schnell ins Bad, den blauen Lidschatten gegen einen violetten getauscht, die roten Lippen rosa eingefärbt und schon ist Madame fertig. Langsam fange ich an, ihren bis zur Selbstaufgabe reichenden Perfektionismus zu bewundern – und verkneife mir die Frage nach einer passenden Handtasche.

 

Die Uhr schlägt Mitternacht und selbst zu dieser vorgerückten Stunde sieht S. noch taufrisch aus, während ich gealtert, verfallen und grün im Gesicht bin. Mit einiger Mühe norde ich mich wieder ein und kann es vor Glück einfach nicht fassen, als wir ohne weitere Zwischenfälle die Wohnung verlassen. Hektisch weist sie mich an, wie ich zu fahren habe, woraufhin wir uns prompt dreimal verfahren, um dann schließlich gegen ein Uhr früh bei dem Restaurant anzugelangen. Es hat soeben geschlossen und der Kellner, der herauskommt, erzählt uns, der Mann, der dreieinhalb Stunden alleine an einem Tisch gewartet hätte, sei vor einer halben Stunde mit dem Barmädchen fortgegangen. „Ich wusste es doch“, empört sich meine beste Freundin, „Es kein Verlass auf Wolfgang. Wenn er einmal ein bisschen warten muss, geht er gleich mit dem nächstbesten Flittchen auf und davon.  Ein unterirdisches Benehmen. Frechheit. Habe ich es nötig, mir so etwas bieten zu lassen? Und das alles wegen deiner Schnapsidee mit dem Restaurant.“

 

Muss ich mir das bieten lassen? Insgeheim beneidete ich Wolfgang, denn zu einer gelungenen Versöhnung kam es nicht mehr; der Glückliche hatte es sich endgültig mit meiner besten Freundin verscherzt.

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