About my blogless Friday Nights

August 19, 2016

Wie eine Taube – der Vogel, nicht die Gehörlose – nicke ich vergangenen Freitag abends rhythmisch vor mich hin, als mir ein Bild mit vier Sinnsprüchen auf meiner Facebook Startseite ins Auge springt, einmal nicken, zweimal, drei, vier, ja, genau, nicke ich jeden Satz mit Zustimmung ab, picke das eine oder andere philosophische Körnchen auf, von Meister Eckhart, der rät dem Zauber des Anfangs zu vertrauen, nun ja, er wurde der Häresie angeklagt, aber das tut hier nichts zur Sache, und vom alten Paulo Coelho, der mir flüstert „Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die du immer wolltest. Tu sie jetzt.“, und kann gar nicht mehr aufhören mit dem Nicken.

 

Daneben schreibe ich – nein, ach, schon wieder keinen Blog am Freitag – noch ein letztes E-Mail und im Hintergrund sagt Richard Gere im Fernsehen: „Sie haben Angst Sie selbst zu sein. Sie wollen doch nicht im Ernst auf den Annapurna?“ Julia Roberts schreit Richard in Zickenperfektion an, natürlich will sie auf den verdammten Berg, was wohl sonst? Richard, der Frauenkenner, ist unbeeindruckt und klärt die süße Braut auf: „Sie wollen einen Mann, der Sie im Morgengrauen weckt, weil er es kaum erwarten kann, zu erfahren, was Sie denken…“ Ich nicke schon wieder heftig. Nickreizüberflutung. Das ist alles gar nicht gut für meinen Nacken.

 

Währenddessen facebookt mir Freundin B eine Nachricht, dass sie sich inmitten einer seit Jahren anhaltenden finanziellen Schieflage gerade eben fragt, ob eine Alibihochzeit der Geschenke wegen ein lösungsorientiertes Thema ihrer späteren Jahre sein könnte, und ich wedle hysterisch mit meinem Zeigefinger vor ihrer virtuellen Nase, um ihr den Irrsinn im Schnellverfahren wieder auszutreiben. „Durchatmen, geh eine Runde laufen und pfeif auf den Mammon“, beschwöre ich, „und falls dir nach vertiefter Zweisamkeit ist, mach einfach was Nettes, mit einem netten Menschen, an einem schönen Ort, hab es unvergesslich, geh achtsam damit um, aber erspar dir um Himmels willen eine Hochzeitsliste, wenn du diesen Fehler bis heute so konsequent tapfer vermeiden konntest. Und zu allererst und vor allem: finde bitte zur Abwechslung endlich einen Mann, der einen Hauch mehr als ein prickelndes Intermezzo zur Stimmungsaufhellung seiner nicht mehr existenten Ehe mit einer verföhnten Vorstadttussi will, und dann diskutieren wir gerne weiter.“ Ich nicke, zufrieden mit meiner strengen Befehlsausgabe. B schweigt.

 

Derweil in Hollywood küsst Richard seine Julia, alle reiten in den Sonnenuntergang und ich sattle auf den Balkon und Aretha Franklin um. Dort schreibe ich noch munter vor mich hin – dieses Mal sogar an einem Blog, nicht an diesem, an jenem über den ultimativen Standard unseres Lebensglücks nach Jane Austen, unter den wir in Liebesfragen niemals sinken sollten, der mir schon so lange am Herzen liegt – und überlege nebenbei in einer anderen Ecke meines multitaskingfähigen Gehirns, ob ich mein Profilbild nach fünf Monaten vielleicht ändern sollte, wo ich gerade Muße habe. Das letzte wurde vor vier Jahren aufgenommen und sieht mir gerade noch entfernt ähnlich. Zeit mal etwas Aktuelles zu wagen, selbst wenn es weniger schmeichelhaft sein mag? Ich scrolle durch mein Handy und finde ein Foto, welches allen Gesetzen meiner ansonsten makellosen Profilbilder widerspricht: ein Selfie, das schonungslos mein Gesicht zeigt. Normalerweise serviere ich der benutzerdefinierten Weltöffentlichkeit nur Selfies von meinen ungeschminkten Füßen, bloß dieses ist anders. Es erzählt von einem bloglosen Freitagabend, an dem es auch im Regen schön war. Ich nicke meinem glücklich lächelnden Selbst zu, formidable Wahl, das werde ich sogleich posten, doch eine abermalige Nachricht von Freundin B lenkt mich von der Umsetzung ab.

 

Ihr Kuschelhormonhaushalt ist in neongreller Aufregung, da der vor vier Monaten in der Etage unterhalb eingezogene, bislang eroberungsresistente Nachbar ihres Herzens sich eben vor dem Haus eingeparkt hat und kurz vor Mitternacht ebenso ambitioniert wie sinnentleert anfängt, seinen Kofferraum aufzuräumen und Sackerl zu sortieren, eine halbe Stunde lang, um dann schnurstracks in seine Wohnung abzutauchen, das einladende SMS von Freundin B ignorierend. B ist irritiert und fragt sich, was ein normaler Mann lieber macht um zwölf Uhr nachts: bei einer Frau anläuten oder Sackerl schlichten? Weder noch, konstatiere ich trocken, wahrscheinlich tun, was ein Mann tun muss, und sei es die Ordnung im Kofferraum wiederherstellen, einfach nur müde sein, selbst bestimmen wollen, wann er an deiner Tür anläutet – aber und nur, wenn Mr. Maybe T. Right es wirklich wert ist: schalt einen Gang zurück, lass das mit dem nächtlichen SMS Sturmangriff sein und schlichte nächstes Mal wort- und erwartungslos ein paar Sackerln mit ihm gemeinsam. Stille. Ich kann fühlen, wie B nickt.

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