Zoff mit Pamela

September 16, 2016

„Es ist wie immer, nur schlimmer“, stöhnt E. und sinkt auf die Liebeskummercouch, „der Lebenszeiträuber ist in ein schwarzes Loch gefallen, SMS unbeantwortet, Handy abgeschaltet, Skype nicht verfügbar, ich habe diese ewigen Pamelas zum Erbrechen satt!“ E. hat den hysterischen Nervenzusammenbruch schon hinter sich gelassen und schwebt im Stadium zwischen Auflösung und Aufarbeitung. „Soll ich mal anklingeln, kann sein, er hebt nicht ab, wenn er deine Nummer sieht“, biete ich ihr wenig überzeugt an. „Eher hebt Obama ab. Da musst du schon hinfahren und an der Tür klingeln.“, meint E. lapidar. „Na klar, und dort macht mir Pam auf.“ „Dann streck sie bitte nieder!“ „Dafür hätte sich wenigstens das Fitnesscenter ausgezahlt.“ Scheibchenweise entspannt sich E. bei süßsaurem Galgenhumor  und Whisky. So läuft es seit Jahren mit Kurt. Bei der Verteilung des Treue-Gens hat der Mann in der Storchenabteilung gefehlt, damit hat er es nicht so, und kippt E. in unkontrollierten Dosen an rituellem Fremdschlafen über den Rand der Verzweiflung. Der Grund des Elends heißt immer Pamela. Pam ist frei nach Daniel Glattauer unser schlafmittelkonformer Überbegriff für die zahllosen, namenlosen Fehltritte des hurtigen Kurt. Wir können Pamela nicht leiden. Pamela muss schlicht grauslich sein, sonst würde sie nicht Pamela, Pam, Pammy heißen. Ein herabwürdigendes Bild von Pam macht den Würgegriff der Dauerbetrügerei für E. erträglicher und spart den Therapiegroschen für den Seelenwunderheiler. Dorothy Parker würde bei dieser mitleiderregenden Vorstellung im Grab verächtlich mit den Zähnen knirschen.

 

„Vielleicht meditiert Kurt über die Neuausrichtung der unbefriedigenden Gesamtsituation und steckt kopfüber in einer Beziehungsyogaposition fest? Vielleicht hat er sich keine Zweitfrau, sondern einen Nebenjob angelacht und ist in Arbeit ertrunken?“, suche ich bemüht nach einer herzschmerzbetäubenden Erklärung. „Bademeister am Schotterteich oder Bettenüberzieher im Harem“, mault E sarkastisch. „Sei nicht so schrecklich realistisch. Pam könnte einem fast leidtun“, lasse ich das Gespräch nicht in den Abgrund der Depression kippen, „das Erotikopfer ahnt nicht, mit welchem Filou sie am Schotterteich liegt, und noch weniger, dass da eine hauptberufliche Nebenfrau im Ostflügel der Heimatgalaxie residiert.“ „Sei nicht so schrecklich realistisch“, schluchzt E. erderschütternd. Blind auf beiden Augen zu sein und als Verblendungsschutz noch eine dunkle Sonnenbrille aufzusetzen, um sich selbst zu belügen, ist die hohe Kunst der weiblichen Realitätsumkehrung. E. ist amtierende Großmeisterin in dieser Disziplin. Ein kleiner Trost auf dem Leidensweg: Sind die Abwesenheitsnotizen, welche Kurt seiner tagesaktuellen Pam auftischt, so abstrus, wie jene wenig fantasievollen Ausreden, die E. in der Geschwindigkeit von Running Sushi Häppchen serviert bekommt, dann hat Kurt jetzt garantiert Zoff mit Pamela. Vermutlich hat ihn Pam in einem Anflug von Klarsicht am Weg zum Schotterteich irgendwo mitten in der Botanik ausgesetzt, wo er sich orientierungs- und kommunikationsmittellos wundert, was er falsch gemacht hat.

 

Das Handy läutet. Kurt sitzt im Zug, ist kurz angebunden, faselt etwas davon, dass er gerade festgestellt hat, sein Ticket sei für einen anderen Zug, der entgleist ist, und meldet sich wieder, sobald er herausgefunden hat, wohin er eigentlich unterwegs ist. Die totale Entgleisung nimmt harschen Fahrtwind auf. Die Vergebung macht für heute Dienstschluss. E.’s Blicke blitzen wie das Mündungsfeuer eine Schrotflinte im Vollmondlicht während der Entschluss reift, Kurt für immer im Totenreich der Verflossenen zu begraben und ihren Beziehungsstatus von „es ist beschissen / kompliziert“ auf „Single“ zu ändern.

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