Schatten der Vergangenheit

November 11, 2016

S brieft mich bei einem Caffè mit einem Update aus ihrer Vorvergangenheit. Der bayrische Ex-Lover ihrer Jugendtage weilt gerade in Berlin und klopft nach Jahrzehnten der wohltuenden Funkstille an, ob S bei einem Essen über alte Zeiten reden will. „Falls der Mann noch rüstig ist und kein Tränenloch in deinem Herzen hinterlassen hat, nix wie hin und alte Erinnerungen auffrischen“, ermuntere ich S, die ohnehin eine prickelnde Abwechslung zu neuzeitlichen Dating-Katastrophen bitter nötig hat. „Lili, das Loch ist ein Meteoritenkrater. Abgesehen davon war Fritz vor 25 Jahren schon 25 Jahre älter als ich und ist bald 70. Entweder steht er kurz davor, seinem Schöpfer gegenüberzutreten, und will sich die Sünden von der Seele reden, oder Reden ist das einzige, was noch geht“, ist S eher skeptisch, lässt sich jedoch zu einem „Aber ja, essen gehen, bin eh immer hungrig" herab. Darauf sprintet Fritz postwendend in medias res mit „Hab dich nie vergessen, egal was alles war“ und S versucht mit einem „Schwamm drüber“ die Chose im Keim der Belanglosigkeit zu ersticken.

 

Das gefühlsschwangere SMS Verhängnis zieht sich über Tage zwischen Berlin und Wien dahin. S fragt in einem unbedachten Moment, von der Nachrichtenflut weichgekocht „Wenn ich deine SMS so lese, hast du den Ladykillermacho in Rente geschickt?“ Ermuntert sülzelt Fritz „Du, du warst immer liebevoll zu mir, nur ich konnte es nicht zeigen“, und legt mit „Ich hoffe, das mit uns ist noch nicht zu Ende“ die Romantiklatte höher. S, irritiert und seelisch ausgelaugt von flüchtenden Männerbekanntschaften, erklärt dem Narren tapfer, dass in ihrem Leben nur noch Platz für Menschen ist, mit denen man Pferde stehlen kann, die ehrlich sind und sie gernhaben, so wie sie ist. Hat man davon eine Handvoll, kann man froh sein. Der Mann ist sich nicht zu schade zu replizieren, er glaubt, er gehöre zu der Handvoll dazu und smst ein dickes Bussi.

 

„Na todsicher“, warne ich mit alarmierter Stimme, „einmal Problem, immer Problem, und jetzt schwebt der Typ im schwerelosen Liebesnotstand und macht einen Charmeknicks auf Version 2.0?“ Viel Zeit scheint er auch zu haben, denn täglich kommt ein neues Status-Update per Mobilbotschaft. Das letzte lautet frank: „Übrigens, ich bin allein und vögelfrei - außer zehn Pferden gibt es niemanden.“ „Wenn man die einfriert, wäre Essen für eine Weile da“, sieht das S reichlich pragmatisch und repliziert mit "Ich hab drei Katzen". Darauf schnellt durch den Äther zurück: „Dann haben wir ein gemischtes Programm. Was trägst du gerade drunter?“ „Steig vom Vollgas runter, wir gab es noch nie“, bremst S. „Versprochen, ganz langsam meine Liebe!“, die verständnisheuchelnde Antwort des Teilzeitbayern. S vermutet langsam aber sicher, sie wohnt in einer Geisterbahn. Gruseliger als ein düsterer Vorspielort in Transsylvanien.

 

Nach wenigen Tagen einseitig heißer Nachrichten zieht blitzartig wieder Normalbetrieb auf und die Berliner Kurzbotschaften enthalten ungefragte Wetterbulletins und traurige Sager à la „Bin fit wie ein Fisch, nur leider allein im Bett“, unterbrochen von sinnigen Fragen wie „Was glaubst du, was ich gerade mache?“, die S gekonnt mit „Kreuzworträtsel lösen bis ich eine kostenpflichtige Nummer eingerichtet habe“ abwürgt. Wie befürchtet, sinkt das Niveau deutlich und schnell in den Keller, während der Fernverkehr gleich dem Zug in der Pratergeisterbahn auf ein Nahkampftreffen zusteuert.  „Gib uns noch eine Chance. Denk drüber nach“, bettelt der Endsechziger reichlich würdelos. S’ stoische Erläuterung, dass Beziehung mehr als ein Quickie am Weg zwischen zwei Terminen ist und ohne Vertrauen und Ehrlichkeit nirgends was abgeht - auch nicht im blau-weißen Freistaat - und man, um das zu erkennen, nicht Zeit für gemeinsame Nahrungsaufnahme verschwenden muss, gebietet der SMS Diarrhö keinen Einhalt, im Gegenteil, Fritz findet die Einstellung toll und avisiert, S könne sich die Beziehung aussuchen, die sie wolle. Das entlockt der kummerverwöhnten Frau nur ein „Toi, toi, toi.“ „Schick mir bitte ein Nacktfoto“, lässt der Liebestolle nicht locker. S, immer schon schneller als der Auslöser, ist streng und schickt nichts.

 

Der Schock fährt so richtig ein, als Fritz verkündet, dass er nicht nur bald in Wien ankommt, sondern dort auch seinen Hauptwohnsitz hat. Ein geographisch unausweichliches Näheproblem und nachdem S keine Ausflüchte mehr im Zauberkasten hat, kommt es zum Showdown bei einem Heurigen in Hietzing. Die ernüchternde Kurzfassung: Der Mann lernt im Schnellsiedeverfahren das Internet kennen und S ist heilfroh über die Erkenntnis, dass Computer für den altersschwachen Tastenhandybenutzer nur auf dem Mars existieren. Die strudelteigartige Kommunikation auf dem bedauerlich mittelmäßigen Level sexueller Anzüglichkeiten noch auf E-Mails auszuweiten, ist ein unerträglicher Gedanke.

 

Faktisch sieht Fritz (bedingt) im Lichte des nächsten Tages ein, dass der Berliner-SMS-Totalangriff ein Fehler war – er will gerne "auf seine Art" zu S gehören und erotische Turbulenzen in ihr Leben bringen, sich regelmäßig unregelmäßig treffen – mit dem Nachsatz: „Eine Beziehung war der Anfang von unserem langen Ende, Sex gehört zum Leben, in meinem Alter kann man nicht mehr auf ein Wunder warten.“ S: „Du bist und bleibst ein bayrisches Urviech und ein beziehungsunfähiger Egoist.“ Fritz (es klingt wie eine gefährliche Drohung): „Unsere Zeit kommt noch, Baby, das weiß ich. Bin wieder in Berlin. Bussi.“ S verkneift sich augenrollend eine Klartextantwort, denkt still, dass man einen alten Trottel nicht ändern kann. Und Fritz stirbt den bürgerlichen Tod der Nichtbeachtung.

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