Das Licht

December 16, 2016

Ein Haus mit Blick auf das Meer war lange Zeit mein Traum. Ein Ort an dem man Bücher schreiben kann. Ein Raum in dem man sich an eine Schulter lehnen darf und verlesene Stunden nicht als vergeben angesehen werden. Wo die Zeit stillsteht und die Geister von Greene, Kazantzakis, Nietzsche, Ernest, Zelda und Scott, Henri, Marc und Pablo zu spüren sind. Wo nichts lauter ist als das Rauschen der Wellen, das Kreischen der Möwen, wo die Langsamkeit die Tage und Nächte füllt. Diese Vorstellung scheint so unerreichbar und wie durch ein Wunder wird der Traum zur Wirklichkeit. Laurents entzückendes Appartement an der Baie des Anges lässt die Vision einer einsam gelegenen Schreibwerkstatt in der Bretagne verblassen. Nur ist es so, wenn man auf einem Balkon sitzt und auf das Meer schaut, dass alles andere leichter fällt als das Schreiben. Das liegt am Licht.

 

Das Licht am Cap durchdringt den Kopf bis in die tiefsten Ritzen der Sehnsucht und Zeit wird unendlich. Wie wir wissen, ist sie es nicht, und der Gedanke bei der Aussicht vom Phare de la Garoupe auf Cannes, Juan-les-Pins, Antibes bis Saint-Jean-Cap Ferrat und den schneebedeckten Alpen im sanften Abendlicht, den ich verscheuchen will, bleibt: Für das Geschenk, gleichzeitig so viel Glück zu empfinden und Schönheit betrachten zu dürfen, werden die Götter ihren Preis verlangen. Es ist ein Licht, das nicht alle sehen, das nicht immer mit den Augen zu erfassen ist, das doch immer da ist. Man kann das Licht fühlen, schmecken, und man kann es riechen.

 

Um diese Jahreszeit riecht es nach Weihnachten.  

 

Die Zeit vor Weihnachten verströmt über den Dächern von Nizza keinen Duft von Lebkuchen, Orangen oder Zimt. Frische Croissants vom Bäcker mit Butter und Marmelade zum Frühstück. Die salzige Luft des winterkühlen Meeres, in dem Mitte Dezember Menschen und Hunde baden, als ob der Sommer nie zu Ende gegangen wäre. Mittags Moules et frites im warmen Sonnenschein am Cours Saleya. Lange Spaziergänge, bei denen der Weg das Ziel ist. Reden über Gott und die Welt, und sich beim Schweigen zuhören. Entspannt das Leben genießen und spüren, dass genug zu wenig ist und es nicht mehr braucht als zu sein. Abends ein luftig-knuspriges Baguette mit Pastete und ein Rosé aus der Weinhandlung ums Eck. Ein Pastis in einer unscheinbaren Bar, der den Geschmack von Anis zu einem sinnlichen Erlebnis aufblühen lässt, für das ein Mann im besten Alter ein Jahr lang auf Sex verzichten und mit Peter Handke im Wald Pilze sammeln würde.

 

Sonnenuntergänge, Riesenräder, Wasserspiegel und Lichterspiele, die an romantischem Kitsch nicht zu überbieten sind. Weihnachtsmänner und kleine Christbäume in den Auslagen, mit weißem Kunstschnee überzuckert, an einem Ort, wo der Schnee nur alle zwanzig Jahre tanzende Glitzerflocken des Staunens in Kinderaugen zaubert, und Père Noël, der auf seinem Mofa durch die Gassen der Altstadt reitet. Während ein Straßenmusiker Moon River am Saxophon spielt, gleitet das Leben in müheloser Leichtigkeit durch Momente des Gleichklangs, die ein Paradies im Diesseits ahnen lassen, an das kein Traum heranreicht und Love actually is all around, nicht nur im Kino. All das ist Weihnachten am Meer.

 

Dieses andere Gefühl von Weihnachten erinnert daran, dass wir vergessen haben, was alles Weihnachten sein kann. So viel mehr als die hektische Jagd nach gedankenlosen Geschenken, das Abklappern von Feiern und Punsch-Ständen, bis man sich wünscht, es wäre bloß endlich alles vorüber. So unendlich viel mehr als die vermeintlich perfekte Inszenierung eines festlichen Abends im Dezember, an dem stille Gefühle dem schreienden Konsumrausch zum Opfer fallen und sich am Ende des Tages Lieblosigkeit und Resignation erschöpft Gute Nacht sagen. Es geht nicht um Geschenke. Es geht um magische Momente, um Pralinenschachteln voller Worte, um unaufgeregte Erwartungslosigkeit, Glück ohne Ende und schlichtes Sein, und um Zeit, die das wertvollste Geschenk ist. Nichtsdestotrotz kann das Finden eines Geschenkes wunderbar sein. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich, die Last-Minute-Queen, dieses Jahr ein Weihnachtsgeschenk Mitte Oktober. Ich hatte es nicht gesucht, es hat mich inmitten einer langen, schönen Geschichte gefunden und mir nicht nur die Freude am Schenken zurückgebracht.

 

Ich wünsche allen ein Weihnachten, an dem die Uhr nicht tickt, ruhige Stunden, in denen die Zeit stillsteht – mit ein wenig Glück mit einem Menschen, den man liebt. Dann werde ich im Schein der Kerzen des Christbaums die Augen schließen, das Meer vor mir sehen, und ich werde das Licht fühlen, das immer und überall ist. Die Zeit ist endlich. Das Glück bleibt. Glück kann man nicht in einen Samsonite packen und mit nach Hause nehmen. Der Koffer für die Erinnerungen an die unbeschwerte Weihnachtszeit der Kindheit, an die Tage am Meer, das Gefühlte und die Geträumten ist unser Herz. Die kleine Wildtaube am Geländer vor dem Fenster sieht mich mit ihren schwarzen Augen vertrauensvoll an und schweigt. Ich weiß, was sie mir sagen will: Glück ist wo dein Herz zu Hause ist. Niemand kann es dir nehmen, außer du selbst, wenn du aufhörst das Licht zu sehen und an den Zauber von Weihnachten zu glauben.

 

 

 

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