My Blueberry Year

January 6, 2017

Seit bald drei Jahren schreibe ich freitagabends meinen Blog vom Überleben am Rande des ganz alltäglichen Wahnsinns. Zu Beginn, im wahrsten Sinne des Wortes, um den raumgreifenden Wahnsinn des Alltags durch das Schreiben in Schach zu halten. Wer das heute liest, ist – kürzer oder länger schon – immer noch dabei. Dafür ergriffen ein herzliches Dankeschön! Es gab Zeiten, in denen die Blogs spärlich waren, weil ich zu flach war, alles ausblendend, um existieren zu können. Die flache Lili konnte nicht mehr schreiben. Im vergangenen Jahr war das anders, Schreiben war das Motto des Jahres 2016. Blogs, Briefe, Bücher, Lebensgeschichten. Zum Jahresende, im Dezember, habe ich – Asche auf mein Haupt – meinen geneigten LeserInnen gerade mal einen kümmerlichen Bloghappen serviert. Nicht, weil ich zu flach war, nein, gar nicht, ich war zu glücklich, ich hatte das Licht gesehen. So wie es beim Schreiben immer um Liebe und Tod geht, so ist es ein wenig mit der Frage, wie leicht oder schwer einem das Schreiben gerade fällt. Liebe und Leid sind nicht die schlechtesten emotionalen Verfassungen, um Gedanken flüssig und gerne zu Papier zu bringen. Vielleicht, weil man mit den Texten eine innere Leere ausfüllen kann, wohingegen ein Zustand vollkommenen Glücks keinen Raum mehr lässt für das Schreiben, das einen gewissen Grad an Einsamkeit bedingt. Das ist richtig und doch nur bedingt. Unumstößlich richtig ist, dass das Leben in Wellen passiert. Manchmal ist man sogar bei Ebbe, wo die Wellen so flach sind, wie man selbst, dem Ertrinken näher als dem Überleben. Und dann kommt sie, unerwartet, die berühmte glattauer’sche siebte Welle, man spürt sich wieder, und kann, auch, wieder schreiben.

 

In der flachen Tiefebene verschanzt man sich nicht nur hinter Schreibblockaden, man neigt zudem dazu, sich an allem die Schuld zu geben, allen anderen zu verzeihen, nur sich selbst nicht. Wenn man großes Glück hat, erhält man ein Filmgeschenk, kostet ein Stück Blaubeerkuchen und weiß mit einem Schlag: es liegt nicht an mir, es ist alles in Ordnung mit dem Blueberry Pie, es will ihn nur keiner. Als ich im Feber des letzten Jahres den Film „My Blueberry Nights“ sah, weinte ich bitterlich und schrieb für mich drei kurze Sätze auf. Es war wie ein verspäteter Neujahrsvorsatz. „Was ist passiert?“, wollte Elizabeth wissen und Jeremy antwortete: „Das Leben, die Dinge, die Zeit, das ist mehr oder weniger immer der Grund, vielleicht war einfach das Gefühl nicht mehr da. Manchmal kann man die Tür nicht mehr aufmachen, auch wenn man die Schlüssel noch hat. Manchmal ist der Mensch dahinter auch nicht mehr da.“ Zwei vom Leben gefoulte Menschen treffen sich in einer Bar, und was so einfach scheint, ist vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen komplizierter, als man denkt. Es braucht Zeit und die unerträglich schöne Langsamkeit des Hineinspürens in die Seele eines Menschen, vor allem aber in sich selbst, um seinen Weg und dadurch einen Weg zueinander zu finden. „Manches geht nicht von heute auf morgen“, sagte Elizabeth, die wunderbare Norah Jones in dem Film, die wusste, dass sie zuerst weggehen muss, um anzukommen, „Ich wäre fast bei der Tür reingekommen, aber ich wusste, wenn ich das tue, wäre ich immer noch dieselbe und das wollte ich nicht, ich wollte nicht mehr so sein.“ Elizabeth hat ein Jahr gebraucht, um zu ihrer großen Liebe zu kommen. Am Ende war es gar nicht so schwer, die Straße zu überqueren. Es kommt nur darauf an, wer auf der anderen Seite wartet.

 

Dass ich auf meinem Weg schreiben konnte, war wie ein Stück von dem Blaubeerkuchen zu kosten. Worte verhallen. Was man aufschreibt, bleibt am Ende, und hinterlässt eine Erinnerung im Leben der anderen. Welche das für mich sein würde, konnte ich vor einem Jahr nicht ahnen. Wenn es für manche die Erinnerung an ein Mädchen, das Blogs über das Nichts, Amanda, Liebesbriefe und Jane Austen schrieb, gewesen sein wird, bin ich glücklich, die richtige Straße genommen zu haben. Allzu oft nehmen wir die falsche Abzweigung, oder gehen den einfachen Weg mutlos und schweren Herzens weiter, fragen uns wie Robert Frost in seinem schönsten Gedicht Jahre später traurig, wohin der Weg führen hätte können, den wir nicht gewagt haben, weil wir das Vertrauen und den Glauben an die Liebe verloren haben. Elizabeth hat verstanden, worum es geht. Wir alle hätten lernen können, Menschen nicht zu vertrauen und wir können froh sein, wenn wir das Glück hatten, in dieser einen Sache zu versagen.

 

Noch keine Vorsätze für 2017? Ich hätte da ein paar…

 

  1. My Blueberry Nights ansehen

  2. Verzeihen, in erster Linie sich selbst

  3. Blindes Vertrauen schenken

  4. In Menschen hineinfühlen und zuhören

  5. Auf die andere Seite der Angst schauen

  6. An die Liebe glauben

  7. Einen neuen Anfang wagen

  8. Verzicht genießen und Glück über kleine Dinge empfinden

  9. Über die Straße gehen und ankommen

     9 a   Listen to the Story;)

 

 

 

 

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