Winke-Katze

January 27, 2017

Ich mag Rituale. Ich hasse Veränderungen. Ich bin den Dingen eine treue Seele. Ich bin die vielleicht ein bisschen Verrückte, die ihr altes, klappriges Cabrio nach 19 Jahren unter Rotz und Tränen zum Händler zurück chauffiert, es zum Abschied zärtlich streichelt, sich dabei so abgrundtief mies fühlt, als würde sie einen dreibeinigen Hund an einer sizilianischen Autobahnraststätte aussetzen, und dem neuen Vehikel angewidert erklärt, dass es sich bloß nichts einbilden soll, sie es nicht leiden kann, egal wie sehr es sich mit seinem neumodischen Firlefanz anstrengt.

 

Ich mag es nicht, wenn auf meinen rituellen Schleichwegen über Nacht Einbahnen umgedreht werden. Solche mich persönlich beleidigenden Veränderungen ignoriere ich konsequent, poche auf mein Wegerecht und fahre unbeirrt in die gewohnte Richtung, Verbotstafel hin oder her. Da kann ich sehr störrisch sein.

 

Ich mag es, wenn ich in meiner Wohnung die Sachen an den gewohnten Plätzen vorfinde. Abgesehen von meiner Brille und meinem Handy. Dummerweise konnte ich mich mit mir scheinbar auf keinen Stammablageplatz für die beiden einigen, wodurch zugegebenermaßen erstaunlich viel Zeit für das Suchen draufgeht. Ich mag es, wenn meine Sauberkeitsfee einmal in der Woche ihren Zauberstab in meinem Reich schwingt. Ich mag zwar nicht, wenn sie unmotiviert Möbel umstellt und die Anordnung meiner Bilder nach ihrem Gutdünken rearrangiert, doch noch viel mehr hasse ich es, wenn sie mich ein knappes Monat schutz- und putzlos im Staubchaos zurücklässt. Lange Wochen, in denen ich das Schild „Die besten Partys finden immer in der Küche statt“ gegen jenes mit dem Spruch „Sexy Women have Messy Kitchens“ austausche.

 

Ich mag es, wenn meine Liebesvögel in ihrem Käfig fröhlich zwitschern. Ich mag es gar nicht, wenn ich abends nach Hause komme, ein Vögelchen auf der Dunstabzugshaube sitzt und nicht mit den übrigen im Käfig kuschelt, der Kater - high als hätte er das Katzengras mit dem Cannabispflanzentopf verwechselt - dem Herzinfarkt nahe herumtollt und freier Vogel mit Futter assoziiert. Das kommt daher, dass selbst die beste Perle von allen nach ihrer Rückkehr schlecht mit Veränderungen zu Rande kommt. Jenes während der gefühlten hundert Tage ihrer Abwesenheit an das Vogelgehege gehängte, neue Badehaus befüllt sie zwar tierlieb mit frischem Wasser, nur warum hängt sie es neben die Käfigtüre, so dass von innen kein Vogel ins Bad hüpfen, jedoch durch das offene Türchen entschlüpfen kann? Meine Vögel mögen schon gar keine Veränderungen. Die Perle hat zudem beim Volierenputz die Futter- mit der Wasserschüssel vertauscht und die Unzertrennlichen hocken zwei Tage lang traumatisiert in einer Ecke und verarbeiten den Schock in einer nächtlichen Kreischorgientherapie.

 

Ich mag diese Winke-Katze. In dem Geschäft, an dem der Spross und ich seit Jahren in der Früh am Weg zur Schule in dem unsympathischen, wenn auch schon nicht mehr sehr neuen Auto (mach dir keine Hoffnung!) vorüberrauschen, sitzt sie in der Auslage und sieht die Vorbeifahrenden an. Sie winkt. Mit der linken Pfote. In dem Geschäft gibt es nervöse Maschinen, genauso nennt es sich. Das erinnert mich ein wenig an mich. Vor allem in der Früh. Ständig nervös schon wieder für das Zuspätkommen von Professoren ermahnt und vom Spross gehasst zu werden, der während der Fahrt siebzehn Mal fordert, ich soll etwas erzählen und dreizehn Mal nicht die Story hören will, die mir gerade einfällt, das Gaspedal am Anschlag, Ampeln zur ärgerlichen Nebensache erklärend und eine späte Karriere in Le Mans erwägend. Immer, jeden Wochentag, es ist ein liebes Morgenritual geworden, schaue ich mitten im neunten Bezirk nach rechts, am Spross vorbei, und sage „Schau, die Winke-Katze“, und die Katze winkt uns. An diesem Morgen nicht. Sie ist nicht mehr da. Es ist zum Heulen. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, irgendwann einmal später am Tag dort vorbeizufahren, und das Drahtkätzchen zu erwerben. Andererseits war die Winke-Mamsell ja so verlässlich an ihrem Platz in der Auslage, und winkte. Und nun, nun ist es zu spät. Ich bremse ruckartig und bringe erstickt aus schockheiserer Kehle über meine (mit dezenter Farbe geschminkten;) Lippen: „Sie ist weg, die Winke-Katze ist weg!“ Der Spross blickt nicht von seinem Paluten YouTube Video auf. Verstohlen wische ich eine kindische Träne weg. Der Spross augenrollend: „Du bist behindert.“ Ich schweige. Er schweigt. Eine rote und eine dunkelorange Ampel weiter er: „Erzähl mir was.“ Ich: „Die Winke-Katze ist weg.“ Er: „Ach sei doch ruhig.“ Ich: „Ich soll also was erzählen und dabei ruhig sein?“ Er: „Ja ja…“  Das ist eines unserer Rituale. Ich mag es.

 

 

 

Please reload

Keinen Beitrag verpassen

Featured Posts

Angekommen in der Perfektionsneurose

July 12, 2019

1/10
Please reload

Recent Posts

February 16, 2019

January 11, 2019

December 7, 2018

September 7, 2018

Please reload

Archiv
Please reload

Join Lili's Facebook
Lili Bach

© 2018 Lili Bach. All Rights reserved.