El Caminito – von einem Weg auf die andere Seite der Angst

March 5, 2017

 

Andalusien ist schön. Wunderbar. Unendlich. Eine nichtendenwollende Idylle. Torremolinos einer jener Orte in der Ewigkeit, an dem man einmal im Leben die Sonne untergehen gesehen haben muss, dort wo sie auch immer wieder aufgeht, wie schon Hemingway wusste. Nur einmal reicht nicht annähernd. Sich bei einem Glas Sangria auf der Piazza wie eines der Kinder von Torre fühlen, während eine Geigerin Moon River gibt, und träumen. Natürlich ist Micheners Buch Pflichtreiselektüre. Selbst wenn man es schon kennt, ist es wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Ein kleiner Tipp: Nicht im Sommer. Fahrt im Februar hin. Wenn euch das Glück so verwöhnt wie mich, habt ihr eine Woche voller Sonnenschein und 17 Grad im Schatten fühlen sich wie 32 in der Sonne an. Menschen liegen lotterhaft bekleidet am warmen Sandstrand. Übermütige wie ich wagen den Sprung ins Meer – und stellen fest: 14 Grad Wassertemperatur ist kalt. Eiswürfelkalt. Herrlich kalt. Das Gefühl zu leben wird inmitten der Wellen übermächtig. Das Bedürfnis zu überleben ebenso. Jedenfalls wenn man vorhat, den Weg zu gehen.

 

Eine Stunde von Málaga zieht sich der Caminito del Rey in steile Felswände gebaut über einige Kilometer durch eine Schlucht, inklusive schwindelerregender Hängebrücke, und gilt als der gefährlichste Hike der Welt. Vor der Abreise erreicht mich ein Link zum Königsweg mit den Worten „klingt aufregend“, und ich denke mir: Jo eh, für Helden, Lebensüberdrüssige und dem Wahnsinn anheimgefallene Lemminge ganz toll. Nichts für Menschen wie mich mit latenter Höhenangst. Andererseits: Sagte nicht einmal irgendein kluger Kopf, man soll sich seinen Ängsten stellen? War das am Ende nicht gar ich? In jener Nacht kann ich nicht einschlafen, weil mich ein grünuniformierter Folterknecht im Befehlshabenden-Ton („Man geht do eine und kummt dortn auße. Die Meisten san in zwa Stundn durch. Gemma!“) durch ein Megaphon anschreit, während ich im Blumenriesenrad im Prater an höchster Stelle dem Herzinfarkt nahe krampfhaft versuche nicht herauszufallen und virtuelle Gänseblümchen rupfe. To go or not to go. Die Müdigkeit erlöst mich aus dem psychedelischen Dämmerzustand, bevor die Blumenwiese kahl gerupft ist. Die Nacht ist traumlos.

 

Am nächsten Tag buche ich zwei Tickets für den Weg. Der Caminito verfolgt mich fortan in Wach- und Albträumen. Ich versuche längst vergessene Formeln des autogenen Trainings heraufzubeschwören, mir mantraartig einzutrichtern, dass die Schreckensstrecke keine erfolgreiche Touristenattraktion wäre, würden dort Touristen am laufenden Band in die Schlucht stürzen, dass die Angst im Kopf sitzt und durch das Irrationale genährt wird. Nein, es wird keine Planke unter meinen Füßen brechen, es wird kein Erdbeben den Weg von der Wand in die Tiefe reißen, kein baskischer Selbstmordattentäter wird sich vor mir lustwandelnd in die Luft sprengen. Dennoch besorgt es mich unterschwellig, dass mein Chef angesichts des Vorhabens den umgehenden Abschluss sämtlicher Projekte in meiner Pipeline wünscht. Er rechnet nicht mit meiner Rückkehr. Ehrlich gesagt, ich irgendwie auch nicht. Eine Freundin wünscht mir alles Gute und fantasiert, sie würde absolut sterben, sich einfach hinsetzen und warten bis alles vorbei ist, was natürlich nie ist, dabei hysterisch lachen und vielleicht auch ein bisschen viel weinen. Ich sage ihr nicht, dass sie exakt den Zustand beschreibt, in dem ich mich in Kürze wähne. In einem Online-Erfahrungsbericht finde ich die Horrorgeschichte einer seitdem psychisch angeknacksten Frau, die nach einem Nervenzusammenbruch mitten am Weg zusammengebrochen ist und von ihrem Mann an den Haaren durch die Schlucht gezogen wurde. Auch das Szenario scheint mir nicht sehr weit hergeholt.

 

Wo wir Scheuklappen herbekommen, will mein mit der Höhe ebenfalls auf Kriegsfuß stehender Weggefährte wissen. Im Fiaker Detailhandel, am Schwarzmarkt beim Stephansdom, was weiß ich, ist auch egal, denn wir brauchen zumindest Fallschirme. Safety first. Oder Drogen, das könnte helfen. Es ist uns klar: Aus dieser Gasse kommen wir nicht mehr raus. Wir werden den Weg gehen, kriechen, am Rücken liegend robben, aber am Weg führt kein Weg vorbei. Also versuche ich ruhig zu bleiben, mich mit dem Sterben abzufinden und mache mein Testament. Der Notar hat einiges an meinen bloggewohnt blumigen Formulierungen zu bemängeln und rät mir, die Entscheidungen in Ruhe zu überdenken. Ich habe keine Ruhe und Zeit schon gar nicht. Während des Termins zur Schlussbesprechung und Unterzeichnung meines letzten Willens lege ich eine nachdenkliche Rauchpause auf der notariellen Terrasse ein. Im fünften Stock beim bangen Blick in den Betonabgrund der Häuserschlucht leuchtet mir ein, warum das Regeln des Nachlasses eine unumgängliche Entscheidung ist. Niemals werde ich den Caminito ohne hysterische Panikattacken mit Todesfolge überstehen. Es gibt sagenhafte 25 Regeln für die Benutzung des Weges. Von a bis y. Regel Nr. z wurde vermutlich ausgelassen, weil ohnedies jedem eingängig ist, dass diese lautet: Es ist verboten, auf dem Weg zu sterben. Nur wie soll man sich daran bitte halten? Regel Nr. r besagt: Es ist verboten, Kleidung oder Schuhe auszuziehen und sich hinzulegen. Ich bin sicher, alles davon zu tun, nur nicht in welcher Reihenfolge. Regel Nr. u verbietet das Verstreuen der Asche Verstorbener. Das finde ich gut. Vielleicht sollte ich noch eine Ergänzung zu meinem Testament überlegen?

 

Schließlich ist das Morgengrauen des D-Day angebrochen. Ich bin so was von bereit, meinen letzten Weg anzutreten. Es ist stürmisch und die Sonne scheint. Ein guter Tag zum Sterben. Am Ausgangspunkt mit Ticket in der zitternden Hand angelangt, schüttelt eine spanische Wegbetreuerin bedauernd den Kopf, während sie sich gegen eine Böe stemmt: Leider nein. Der Weg wurde vor einer halben Stunde wegen zu starkem Wind gesperrt. Die letzten Aufrechten kommen uns leichenblass am Ende des Weges entgegen und grinsen erleuchtet oder einfach nur glücklich, am Leben zu sein. Eine greise Japanerin mit Rollator überholt einen Hundertjährigen. Frust. Da hat man sich wochenlang halb zu Tode gefürchtet, seine Ängste einen Haufen seniler Idioten geheißen und wird von der Realität in Form einer Wallfahrtsprozession eines Pensionistenheims, dessen Insassen den Aufbaukurs ‚Höhenangst für Fortgeschrittene‘ absolviert haben, ernüchtert. Kein Schamgefühl der Erleichterung, von der Mutprobe durch höhere Gewalt entbunden zu sein. Nur die Gewissheit, bald wiederzukommen - und den Weg zu gehen. Wer kommt mit? Anmeldungen von lebensmüden Mitwanderern werden entgegengenommen. Teilnahmebedingungen: Gültiger Reisepass, Höhenangst und ein Testament.

 

El Caminito del Rey - World's Most Dangerous Hike

 

 

 

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