Wilde Maus

April 21, 2017

Der Road Trip beginnt in Basel. Eigentlich in Wien. Damit den Spross eineinhalb Stunden vor Abflug aus dem Bett zu locken. Weil Flugzeuge nicht warten, auch wenn er das nicht zu glauben scheint. Ein unmöglicher Uber-Fahrer im Tempo einer halbseitig gelähmten Schnecke treibt mich an den Rand einer Verzweiflungstat. Bei Ankunft in Schwechat ist das Gate bereits geschlossen. Zwei flotte Tanten vom Airport driften mit uns in einer Limousine wie die gesengten Säue über den Airport, ohne zu wissen, zu welcher Rampe sie müssen. Bei manchen Kurven denke ich, der Flug in den Himmel hätte sich noch am Boden erledigt. Wir hüpfen in allerletzter Sekunde in die Dash8, 23 Augenpaare starren uns genervt an.

 

Auf dem Flughafen Basel angekommen, der in zwei Ländern liegt, gönnt uns die Mietwagenfirma ein Upgrade auf einen schwarzen BMW X5. Nach drei Runden im Kreis über den Parkplatz finden wir die Ausfahrt (Spross: „Wir können den Urlaub natürlich auch am Parkplatz verbringen, oder du fährst da vielleicht mal rechts…) und das Navi (vulgo die Stimme von Heidi) führt uns nach Mulhouse zur größten Automobilsammlung zwischen Scheibbs und Nebraska.  Der Spross gibt sich unbeeindruckt. Mit dem Geschoss sind wir von den Rennwagen motivert in weniger als fünf Sekunden auf Hundert in Freiburg, wo wir das Münster besichtigten. Von außen. Es hat geschlossen, wofür der wenig kirchenaffine Spross einen seltenen Moment der Dankbarkeit verspürt, während er ein Eis schleckt. Heidi bedient der angelernte Rallye-Beifahrer als ob er nie etwas anderes getan hätte, und die Stimme aus der Welt der Berge führt uns nach Rust. Drei Tage Europa-Park mit Achterbahnen aus tausend und einem Albtraum warten darauf, uns in schwindellichten Höhen um den Inhalt unserer Mägen ringen zu lassen. Das Beste ist ein Virtual Reality Ride. Nach dem Aussteigen frage ich den Spross, wie es ihm gefallen hat. „Na wie schon“, grummelt er, „meine VR-Brille war kaputt, es war stockfinster, ich hab‘ nichts gesehen und neben mir reitet eine Verrückte auf einem Drachen und schreit die ganze Zeit: „Das ist so geil.“

 

Zwischendurch wird der Spross von Poseidon nass bis auf die Knochen gespritzt und ist glücklich.

 

Dreimal Frühstück. Dreimal nehme ich es alleine zu mir. Der Spross will ausschlafen. Die strenge Mutter droht mit Hungersnot. Keine Reaktion. Die fürsorgliche Mutter balanciert Croissants, Kakao und OJ wie eine Serviertraktor am Oktoberfest ans Bett. Dann wieder Park. Ich gewöhne mich an das psychedelische auf und ab, als hätte ich mein früheres Leben auf der Wilden Maus am Rummel verbracht. An einem Stand werden Waffeln mit Nutella angeboten. Der Spross will keine. Am nächsten Tag will er Waffeln. Wir irren durch die Achterbahnhölle und finden den Waffelstand nicht mehr. Die Laune neigt sich dem Tiefpunkt zu. Zwei Stunden Herumirren enden – auf einer Parkbank neben einem gezeichneten Vater, der seinem großen Bier noch ein erschöpftes Pfff zuflüstert, bevor er schnarchend einnickt – im Themenbereich Sevilla mit spanischen Feuergrillern im Hot Dog Brötchen und dem Versprechen, dass ich mir zu Hause ein Waffeleisen zulegen werde.

 

Damit die Kultur nicht zu kurz kommt und weil davon in der gebenedeiten Gegend so viel so Nahe aneinander gereiht liegt, fahren wir am vierten Tag nach Strasbourg. Heidi kennt die Adresse unseres Hotels und lotst uns bis vor die Haustüre. Nur liegt La Maison Rouge mitten in der verkehrsberuhigten Innenstadt. Wir fahren eine gute Stunde im ewig selben Kreis, um Kirchen, durch Ostermärkte, in Fußgängerzonen, über Straßenbahntrassen, gegen mindestens 25 Einbahnen und erstaunlicherweise regt sich außer Heidi keiner der Millionen Passanten auf und niemand verhaftet mich. Der Spross wird mürrisch und weist mich an, wie ich zu fahren habe. „Vergiss Heidi. Fahr da jetzt scharf rechts und dann sofort links und gleich wieder rechts.“ „Das ist schon wieder eine Fußgängerzone und sie ist ziemlich eng“, weise ich ihn zart auf die Unmöglichkeit hin. „Willst du zum Hotel oder was?“, sind ihm die Schilder schnurzegal. Ich fahre drauf los, auch mir ist bereits alles egal. In Zeiten wie diesen mit einem schwarzen Riesenauto durch Fußgängerzonen zu fahren, kann einen ganz schnell in den Verdacht bringen, terroristische Absichten zu hegen. Ich bin auf das Schlimmste gefasst. Aber nichts passiert. Niemand hält uns auf. Am Ende einer engen Gasse räumen die Gäste eines Bistros die Tische und Sessel des Schanigartens beiseite, damit wir passieren können. Schließlich stehen wir vor dem Hotel. Auf Straßenbahnschienen. Auf einer Straße, die nur für Straßenbahnen gedacht ist, die von beiden Seiten auf uns zusteuern. Heidi schweigt betreten. Also drehen wir auf den Schienen um, fahren nochmals gegen eine Einbahn, in die Fußgängerzone und parken im Garten einer Bar hinter dem Hotel. Damit ich die Fahrertür öffnen kann, muss ein Gast seinen Sessel beiseite rücken. Keiner der Leute scheint das seltsam zu finden. Ich bringe den Spross und meinen Rucksack ins Hotel und auf das Zimmer. Er verkriecht sich hinter seinem iPad und verweigert auch nur einen Meter weiter mit mir im Auto Irrfahrten zu unternehmen. Ich bereite ihn darauf vor, dass ich vielleicht nicht wiederkomme, falls man mich ins Gefängnis wirft, er sein Handy nicht auf lautlos schalten soll, damit mein einziger Anruf nicht ungehört verhallt. Die Rezeptionistin verdreht die Augen und erklärt mir, dass ich Heidi die Adresse der Parkgarage hätte sagen sollen und nachdem ich mich aus dem Fußgängerzonenlabyrinth herausgeschält habe, umrunde ich großräumig die Innenstadt, um tatsächlich zweihundert Meter vom Hotel entfernt in einer Parkgarage das Auto fallen zu lassen und das Gepäck zu unserer Bleibe zu schleppen. Überschlagsmäßig habe ich in den letzten zwei Stunden rund 176 Verkehrsvergehen hinter mir. Der Spross möchte das Hotel nicht mehr verlassen, doch wir schwärmen nochmals aus, zu Fuß, besichtigen das Münster, von außen, und essen formidabel zu Abend. Am nächsten Morgen frühstücke ich alleine und serviere ihm aus Gewohnheit ein opulentes Mahl ans Bett. Nach langwierigen Diskussionen verlassen wir die WLAN-Komfortzone Hotel, um das Münster von innen zu besichtigen, um das sich eine Schlange von Menschen dreimal herum windet, in die wir uns nicht einreihen. Stattdessen essen wir Quiche und finden uns damit ab, dass wir auch keine Bootsfahrt machen werden, weil es mittlerweile in Strömen regnet. Wir pfeifen darauf, das Europaparlament zu sehen, wer weiß, über welchen Weg uns Heidi dorthin schicken würde. Der Spross schwankt zwischen Erleichterung und Protest, will ohne Umwege zum Flughafen nach Basel und nach Hause.

 

Zunächst müssen wir die Parkgarage verlassen, was sich schwierig gestaltet. Wir parken auf Ebene -1 und es gibt keine Ausfahrt. Wir fahren dreimal im Kreis und wundern uns. Wir fahren eine Etage tiefer, schielen um eine Spitzkehre, die nicht wirklich dazu gedacht scheint, von Autos bezwungen zu werden, doch es muss sein und ich vermeide haarscharf die Außenspiegel des Mietwagens abzureißen, düse die Rampe hoch, um wiederum auf der Etage -1 ausweglos im Kreis zu fahren. Wir werden den Flug verpassen, weil wir in dieser dämlichen Parkgarage gefangen sind.  Vor uns parkt ein Auto mit belgischem Kennzeichen aus und wir heften uns an seine Stoßstange, in der Hoffnung, der Belgier ist erhellter als wir, folgen ihm weiter unter die Erde bis auf die Etage -3, um dann von dort über eine andere Rampe wieder hochzufahren, und tatsächlich gelangen wir zur Ausfahrt. Ein Hoch auf den Belgier.

Heidi führt uns nach Colmar, wo wir noch eine kurze Kulturpause (Muss das sein, können wir nicht gleich zum Flughafen? Nein, ich will nicht vier Stunden in einer Lounge hocken.) einlegen, bevor es nach Basel weitergeht.

 

Von den deutschen und französischen Autobahnen bin ich übrigens – entgegen der ausweglosen Parkhäuser und Parkplätze – restlos begeistert. Wenig Verkehr, alle fahren rechts, lahm wir die Schnecken, aber die linke Spur gehört mir. Höchstgeschwindigkeit 120 auf Audi Teststrecken sind ja wohl ein Witz und ich düse mit meinem Batmobil dahin, dass es eine reine Freude ist. Auf 40 Kilometern werden wir fünf Mal geblitzt. Der Spross lapidar: „Du weißt schon, dass du gerade geblitzt wurdest?“ Ich: „Hast du eh gelächelt und nett drein geschaut auf dem Foto?“ Er, hämisch grinsend: „Nö, hab dich gerade mit einem Waffeleisen geschlagen.“ Heidi ist das Blitzlichtgewitter so wurscht, wie wenn auf der Alm eine Ziege umfällt. Ohne polizeiliche Anhaltung legen wir das Fahrzeug unauffällig am Flughafen ab, setzen uns per pedes aus Frankreich in die Schweiz ab und können das Land unbehelligt verlassen, was uns erleichtert, denn irgendwie hatten wir durchaus damit gerechnet, bereits auf einem Fahndungsfoto von Interpol zu sein. Der Taxifahrer in Wien sieht mich seltsam an, als hätte er mein Gesicht schon irgendwo gesehen. Der Spross und ich zwinkern uns bedeutungsvoll zu. „Wenn die dann den Suchaufruf im Fernsehen zeigen, mit dem Radarbild, wo ich dich schlage, müssen wir das zu unserem Vorteil nutzen“, meint der Spross und denkt an ein Call to Action-Insert: „Kauft Mutters Waffeleisen!“

 

 

 

 

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