Attila und Baby

May 20, 2017

Es lässt sich nicht leugnen: Ich mag Autos. Immer schon. Autos sind wie Männer und die Liebe, wie Hunde und Katzen. Man muss sie nicht suchen, sie finden einen. Nicht die Alltäglichen, aber die Richtigen, jene mit Charisma und Herz. Angefangen von meinem ersten VW Käfer Cabrio. Eine Morgengabe auf Zeit. Mit dem ich mit siebzehn und noch führerscheinlos in inoffiziellen Fahrstunden zum Entsetzen meines späteren offiziellen Fahrschullehrers Handbremswenden und Kurvendriften am verschneiten Kahlenberg-Parkplatz aus dem Handgelenk zu meistern gelernt hatte. In Amerika hätte ich vor 25 Jahren um ein Haar ein 1957er Porsche 356 Speedster Cabrio gekauft. Um sage und schreibe 9.000 Dollar. Unverhandelt. Ohne Rost wie neu unter der kalifornischen Sonne konserviert. Eine Schönheit auf vier Rädern. Leider nur um ein Haar. Der Klassiker wird heute zwischen 150.000 und 350.000 Euro gehandelt. Blöd gelaufen. Mein erster eigener Wagen war ein Golf I Cabrio, Baujahr 93. Er hieß NU, so wie es auf seinem Kennzeichen stand, und hielt mir mehr als 18 Jahre lang die Treue. Vor sechs Jahren durfte er sich zur Ruhe setzen. Seitdem fahre ich geschlossen und genieße die Kraft und Bequemlichkeit eines everesttauglichen Geländewagens, mit Schiebedach als Open Air Zugeständnis. Immerhin.

 

Animiert durch die ersten warmen Sonnenstrahlen nach dem langen, kalten Winter denke ich beim Anblick der ringsum aus dem Winterschlaf erwachten Corvettes, Ferrari Californias, Maseratis und voller Begeisterung über die coole Eleganz des selten zu sichtenden Jaguar F-Type, sehnsuchtsvoll: Wieder Cabrio zu fahren, wäre eigentlich ganz nett. Als ob Facebook Gedanken lesen könnte, schenkt mir Nametests eine Profilanalyse und bestätigt: „Das Leben ist kurz. Trink den Wein. Bestelle den Nachtisch und kaufe das Auto.“ Echt jetzt? Jetzt oder nie! So mache ich letzten Samstag aufgeregt und neugierig eine Probefahrt mit einem Geschoß in British Racing Green. Zum Glück sitze ich auf meinem Arsch, als mir der Jaguar-Verkäufer den Preis nennt, meine Erschütterung hätte beim Umfallen aus dem Stand ein Beben in Erdberg ausgelöst. Die 340 PS Raubkatze ist ohne Frage schon sehr geil. Ich könnte meine Oma verkaufen. Oder nachsehen, ob die Kisten mit dem Gold noch da sind, wo ich sie im Wald hinter dem Haus vergraben habe. Oder mir eingestehen, dass der Typ zwar sensationell aussieht, dabei seelenlos ist und die Dimension der Kosten, selbst mit der Minimum-Leasingrate, jenseits von absurd ist. Während ich rat- und sinnlos und über den inside&out fucking good-looking Type nachdenke, überschlagen sich in der nächsten Woche die Zeichen und Zufälle.

 

Montag bringe ich mein Alltagsgefährt in die Werkstatt, endlich, in erster Linie, damit es eine dringend nötige Innenreinigung und eine noch dringendere Außenwäsche bekommt, in zweiter Linie, um den selbstverschuldeten Parkschaden der vergangenen Woche auszubeulen, die Scheibenwaschanlage intakt setzen zu lassen, bevor ich endgültig im Blindflug mit einer Schlammwand vor den Augen durch die Stadt irre, und die heraushängenden Heckleuchten befestigt und Sommerreifen montiert werden. Nachdem mir mein Vertrauensmann in allen Autofragen, Herr Adi, von der britischen Diva eindringlich abrät und einen Caffé anbietet, ist mir nach einer Zigarette dazu. Meine habe ich zu Hause vergessen und will mir eine schnorren, nur sind dort alle Nichtraucher. Macht nix, sage ich, muss eh schon los. Adi lässt das nicht gelten, macht eine Lautsprecherdurchsage in der Werkstatt und Attila, der Mechaniker, sprintet mit einer Marlboro herbei. So kommt es, dass ich mit Caffé und Marlboro eine Runde über den Gebrauchtwagenplatz schlendere, bis das Leihauto startklar ist, und da steht er, sieht mir mit seinen geschwungenen Scheinwerfern tief in die Augen und flüstert: Nimm mich. Ich gehöre zu dir. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Und die Quersumme des äußerst kulanten Preises ergibt neun. Das überzeugt mich unbelehrbar Neungläubige. Schicksal. Ich frage Adi, was er von dem schnuckeligen kleinen Baby hält. Adi nickt: Der ist perfekt. Nebenbei erwähnt er den Namen des Vorbesitzers, und unglaublicher Weise ist dieser einer meiner beruflichen Kontakte. Das sind zu viele Zufälle, um sie zu ignorieren.

 

Zwei Tage später zieht es mich magisch zu dem Baby zurück und Adi begleitet mich auf einer Probefahrt. Noch bevor

ich losfahre, stammle ich dreimal ergriffen „Bist du deppert“, fühle mich legally blond und Adis verunsicherten Blick auf mir ruhen. Beim Autofahren bin ich ein bisserl anders, entschuldige ich mich, aber Adi scheint das zu gefallen. Das Baby hat 14 Jahre auf dem Buckel, schafft es in 4,7 Sekunden von null auf hundert, keine Ahnung wie lange es bis auf 295 km/h braucht, ist auch vollkommen egal, jedenfalls glaube ich nach dem ersten Versuch nicht, diese Kupplung jemals durchtreten zu können und beim Einschlagen des Lenkrades wünsche ich mir, ich hätte den Winter im Fitnesscenter und nicht faul zusammengerollt auf der Couch verbracht, und eine Servolenkung. Adi lächelt. Der hat eine Servolenkung. Das ist ein Sportwagen. Der Motor heult dezent auf und ich gleite tatsächlich vom Parkplatz, erstaunlicherweise ohne Schaden anzurichten. Das Baby liegt weich in den Kurven der Südosttangente, Sorrent scheint nur 30 Sekunden entfernt. Als wir zurückkommen, gebe ich dem Baby das Ja Wort. Freitag nehme ich es poliert und generalüberholt mit, samt meinem blitzend sauberen Alltagsauto, und weil ich nicht zwei Autos gleichzeitig fahren kann, stellt mir Adi Attila aus der Werkstatt als Schatten zur Verfügung. Attila hat den Auftrag mir überall hin zu folgen. Wenn es sein muss, bis nach Budapest und weiter. Ich verspreche Adi, dass Attila bis Montag wieder zurück sein wird. Attila folgt mir, ist aber nicht besonders gut darin. Ständig drängen sich andere Autos zwischen uns, und dabei hat Attila keine Ahnung wohin wir fahren. Das Baby spielt Arien auf Ö1 ab. Die Sonne scheint. Das Verdeck ist offen und der Verkehrslärm rundherum existiert nicht. Eineinhalb Stunden im Freitagnachmittagsstauwahnsinn von Simmering in den Westen Wiens vergehen wie im Flug. Attila übergibt mir den Schlüssel meines 2,5 Tonners mit traurigem Blick und meint: Sie hätten nicht immer auf mich warten müssen, ich sehe alles, auch wenn ich fünf Autos hinter Ihnen bin, ich finde Sie immer. Das besorgt mich unterschwellig und ich verabschiede ihn dankend Richtung Bushaltestelle. Der Spross lernt das Baby kennen, macht große Augen und sagt – wie er es als mein Beifahrer unweigerlich gelernt hat – schlicht "Bist du deppert", eher mit Frage- als mit Ausrufezeichen. Zeit für einen Aperol Spritz am Balkon. Da unten parken sie nun Seite an Seite, Attila und das Baby. Nein, nicht der Werkstätten-Mann. Mein Großer heißt ab heute Attila. Der Name passt zu ihm. Dass ich darauf noch nicht früher gekommen bin.

 

Postskriptum:

 

Meine Cousine aus Amerika sagte mir einmal: Wenn du in einem Cabrio in der Dämmerung über die Brücke nach San Francisco fährst, die Skyline siehst, im Radio Songbird von Kenny G läuft und ‚that kind of guy‘ neben dir sitzt, weißt du, dass du die Nacht deines Lebens vor dir hast. Autofahren soll Spaß machen. Freude vor allem. Mit einigem Glück findet man einen offenen Zweisitzer und den Partner, mit dem das und mehr geht, mit dem der Weg das Ziel ist. Mit dem man nicht nur eine Nacht, sondern ein ganzes Leben vor sich hat. Und wenn es sein muss, auch in einem Trabi auf dem Weg in eine Frühstückspension in Mistelbach.

 

 

Wer es noch eine Nuance romantischer möchte: Songbird von Fleetwood Mac ...

 

 

 

 

 

 

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