Avalon

September 3, 2017

Back from La La Land. Nach einem wunderbaren Sommer. Nach traumhaften Wochen im äußersten Westen der USA. Die letzten Tage verbrachte ich an einem Ort, der die Zeit verschlafen hat. Auf Catalina Island. Wo es eine kleine Stadt mit dem mythischen Namen Avalon gibt. In einem Bed & Breakfast Inn, das alle Erwartungen an diese Bezeichnung übertrifft, auf einem Hügel mit Blick auf einen idyllischen Hafen, der an Portofino erinnert, nur gibt es weniger Reiche, weniger Luxusyachten und keine Ferraris. Auf Catalina gibt es genaugenommen nur 700 Autos. Um ein Auto auf der Insel besitzen zu dürfen, muss man erst einmal vierzehn Jahre dort gewohnt haben. Deswegen fahren alle mit Fahrrädern oder Golf-Carts herum. Bei unserem Cart war der Blinker defekt. Egal meinte Pierre, der Vermieter, ein Franzose, der auf der Insel der Seligen gestrandet ist, bleibt wenigstens bei Stopptafeln stehen, Ampeln gibt es nicht. 

 Im Inn werden wir von Lydia begrüßt. Mit einem Glas Wein in der Hand flaniert die Gastgeberin wie Jacky Kennedy durch das Anwesen der Kaugummi-Familie Wrigley, als ob es das weiße Haus wäre, und lädt uns ein, zur Fünfuhrtee-Stunde appetitliche Häppchen im weitläufigen Wohnzimmer zu uns zu nehmen, und ein Glas Wein oder Bubbles or whatever zu genießen. Sie macht Konversation wie die Niagara Fälle und ist sichtlich betrübt, dass wir uns bald in unser charmantes Bethany Glen Zimmer zurückziehen.

Jedoch nicht bevor sie uns die Hausbräuche erklärt und die Küche vorgeführt hat, in der Selbstbedienung vom Feinsten angesagt ist. Es gibt den Kühlschrank für Säfte und Milch, den für Wein, für Champagner, für Bier, einen für Ice-Cream, es gibt Cookies, Sweeties & Salziges aller Art und man darf sich jederzeit alles nehmen, wonach einem ist. Des Abends greife ich einen exorbitanten Preis fürchtend beherzt nach einer Flasche Shiraz, der den Blick vom Balkon auf den nächtlichen Hafen versüßt, die wir – so wie alles andere – am Ende nicht auf der Rechnung finden. All inclusive – unerwarteterweise – erfährt hier eine völlig neue Bedeutung. Am nächsten Morgen hat Joy den Dienst übernommen. In diesen Tagen hören wir von Joy ungezählte fünfzig Mal den Satz: Did you enjoy your stay so far? Die Betonung liegt auf joy. Absolutely, everything, können wir antworten. Oder, wie es derjenige sagt, der es aus erster Hand wissen muss: „Alles“ kann man jemandem wünschen, wissend, dass das nie möglich ist. Alles ist unmöglich. Aber wenn eine kleinstmögliche Nähe an „Alles“ definiert werden kann, dann war es das. Das und nicht weniger.

 

Avalon wirkt wie die Kulisse eines Filmstudios. Malerische Zeilen kleiner Häuschen, in bunten Farben, vor jedem parkt ein Golf-Cart, und kaum Menschen. Nur jene, die untertags von einem Kreuzfahrtschiff auf die Insel gespuckt werden, um gen vier Uhr dankenswerterweise wieder vom Set zu verschwinden. Das Meer ist kühl und klar, man schwimmt in einem Aquarium bunter Fische. Am Rande der kurvigen Bergstraße befindet sich ein kleiner Friedhof mit bunten Kreuzen und Steinen. Hier liegen Noodles, Hamzilla, beloved father, brother and son… und E.T., A Sweet Catalina Cat.

Vor der Haustüre des magischen Inn at Mount Ada grast eine Rehfamilie. Währenddessen streunt Bigfoot, die graue Hemingway-Hauskatze mit sechs Zehen, majestätisch durch die Eingangshalle. Ein Specht klopft an einer Palme. Im Hinterland weiden Bisons. Es gibt nicht viel zu tun. Im Inn ist jeder Raum, jeder Gang eine kleine Bibliothek mit erlesenen Büchern, geschwungene Tische mit antiken Holz-Backgammon und Monopoly Brettern laden ein, sich niederzulassen. Sucht man Zerstreuung, spielt man im Ort eine Runde Minigolf, vielleicht eine zweite und dann noch eine. Den Platz bewacht Mighty, die norwegische Waldkatze der Besitzer, und die Bahnen haben neben den Hindernissen noch eine weitere Schwierigkeitsstufe: die Babykätzchen, die vergnügt dem Ball nachjagen. 

 

Der Rest der verrückten Welt kann einem auf Santa Catalina gerne gestohlen bleiben. Die New York Times lasse ich links liegen und lese mich durch den Catalina Islander. Police Station Commander Captain John Hocking schiebt auf der Insel eine ruhige Kugel. Seite 6 umfasst (wortwörtlich übersetzt) den Wochenbericht des örtlichen Sheriffs.

 

  • Mittwoch: Die Deputies erhalten einen Anruf eines verirrten Hikers aus dem Inselinneren. Das Rettungsteam macht sich auf die Suche. Nach Stunden konnte der Mann sicher auf einem Pfad nahe Whites Landing gefunden werden.

  • Donnerstag: Nichts Wesentliches zu berichten.

  • Freitag: Ein 23-jähiger Mann kontaktiert einen Deputy und beschwert sich, dass er aus einer Bar geworfen wurde, weil er betrunken sei. Der Mann wollte, dass der Deputy die Bartender dazu bringt, ihm weiter Alkohol auszuschenken, und wurde wegen Verdachts der öffentlichen Trunkenheit vorübergehend in Gewahrsam genommen.

  • Samstag: Nichts Wesentliches zu berichten.

  • Sonntag: Ein Anruf geht ein, dass eine Person in der Sumner Avenue Aufruhr verursacht und herumschreit. Die Deputies sprechen mit dem Mann, der sich einverstanden erklärt, nach Hause zu gehen. Es lag kein Gesetzesverstoß vor.

  • Montag: Ein Betrugsopfer war auf seinem Boot in Two Harbours als der Mann erfuhr, dass seine Kreditkarte in der Stadt Walnut, Kalifornieren, missbräuchlich verwendet wurde. Die Deputies schrieben einen Bericht über die Meldung.

  • Dienstag: Die Polizei und Baywatch Avalon wurden informiert, dass ein Boot nahe Whites Landing auf Felsen aufgelaufen war. Die Küstenwache stellte fest, dass niemand auf dem Boot war, kontaktierte den Eigner und bestätigte, dass er in Sicherheit war. Memo an mich: Sheriff auf Catalina -> Traumjob.

 

Und dann ist da noch Amber. Im Catalina Island Spa erklärt sich die hübsche Friseurin spontan bereit, die strohigen Reste meiner salzwasserzerfressenen Haare zu glätten. Während sie ohne Eile vor sich hin föhnt, fröne ich schon wieder den Bubbles. Ein Blick auf meine Fingernägel lässt die Frage aufkommen, ob sich jemand diesem Katastrophengebiet annehmen könnte. Eigentlich ist Amber nach dem Kampf mit meinen Strähnen off duty, doch sie erbarmt sich. Längst sollte ich frisch verföhnt am vereinbarten Treffpunkt in der Hafenbar sein. Ein WhatsApp schneit auf mein Handy. „Ich weiß, dass es etwas länger dauert, no worries;)“ „Noch 20 Minuten“ tippe ich einhändig zurück. Ach, lass ihn warten, meint Amber, das ist dein Urlaub, du brauchst auch Zeit für dich. Kein Problem, sage ich, er weiß das, because: He’s the perfect guy. Amber wird neugierig, also schenke ich ihr einen Auszug aus meiner Liebesgeschichte. Amber ist den Tränen nahe und feilt im Blindflug bedrohlich heftig an meinen Nägeln. Als Draufgabe erfahre ich, was das Mädel aus Huntington Beach nach Catalina verschlagen hat. Es ist nicht einfach zu gehen, man leidet viel zulange, sagt Amber entschleunigt, doch dann habe ich meinen Mut und meine sieben Sachen zusammengepackt und bin gegangen, auf die Insel. Hier hat sie ihn kennengelernt, den Mann, der ihr Perfect Guy ist. Wir lächeln uns wissend zu und nicken.

 

 

 

 

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