Regen

September 22, 2017

Immer wenn ich keine Ahnung habe, was ich schreiben könnte, liefert Facebook eine Anregung. Eines der halblustigen Spiele hat mein Profil analysiert und endlich die weltbewegende Frage geklärt, die mich schon ein halbes Leben lang beschäftigt: Welches Wetter ist wie deine Persönlichkeit?

 

Grundsätzlich bin ich der Meinung durchaus multiple Persönlichkeiten zu haben. Die Diva, die Tussi, die Krankenschwester, das Kindermädchen, die Chefnervensäge, Mata Hari, Marlene Dietrich, Kleopatra, oder hinter zugezogenen Vorhängen Lynn Bracken. Aber in dem Fall stimme ich zu. Ich bin wie der Regen. Die meisten sagen jetzt sicher, nass, kalt, verdeckt von dunklen Wolken. Ja? Echt? Ab in den nächsten Regenguss, ohne Schirm, lächelt, und ihr werdet es spüren. Nichts erfrischt und befreit so sehr, wie Regen, den man zulässt. Nichts beruhigt so sehr, wie der Regen, der an einem Sonntag sanft gegen die Fensterscheiben klopft, während man den Tag im Bett vergisst. Nichts ist so sicher, als dass nach dem Regen die Sonne wieder scheint.

 

In einem nicht allzu fernen sonnigen Mai war ich in Florenz, machte mich auf zu den Uffizien, und als ich keine zwanzig Meter vom Hotel weggegangen war, begann es zu regnen. Nur ein paar Tropfen, doch der Himmel war pechschwarz. Ich drehte nicht um, um einen der Schirme beim Eingang mitzunehmen, ging weiter und genoss jeden einzelnen Regentropfen mit einem Lächeln. Die Gedanken waren irgendwo zwischen Andalusien und England. Am Rückweg schüttete es heftig. Ich musste meine jähzornige Persönlichkeit beherrschen, um nicht einem der wie Schwammerln aus dem Boden schießenden Regenschirmverkäufer einen solchen über den Kopf zu hauen, denn das letzte was ich wollte, war ein Regenschirm. Binnen weniger Minuten war ich bis auf die Knochen durchnässt und dabei unheimlich glücklich.

 

Vor 413 Tagen war es wiederum ein Regen, der mich lächeln, der die Sonne in meinem Leben aufgehen ließ. Das war vor einem Jahr, einem Monat und siebzehn Tagen. Das war der Tag, an dem dieses Bild entstand, welches Facebook analysiert hat. Der Regen ist mein Freund. Er ist wie der Moon River. Er ist warm. Er beschützt. Er sagt: Auch im Regen, auch am dunkelsten Tag, sehe ich dich.

 

Eines der schönsten Lieder über den Regen hat meine Lieblingsband geschrieben...

 

Rosenstolz

 

Wie kannst du dir so sicher sein?
Du bist doch viel zu wütend
Um irgendwas zu seh'n

Du schreibst dich selbst mal groß, mal klein
Am Ende ist's verwirrend
Und sehr schwer zu versteh'n

Ich weiß nur, es wird regnen
Und hört so schnell nicht auf
Glaub mir, es wird kälter
Wann hört das wieder auf?

Ist da draußen kein Licht?
Wolken nehmen dir die Sicht
Auch im Regen
Auch im Regen
Siehst du mich
Wenn dein Boot untergeht
Und du gar nichts mehr verstehst
Auch im Regen
Selbst im Regen
Find' ich dich

Zersäg den Ast auf dem du sitzt
Spring ab, fang an zu laufen
Das kann ich für dich nicht

Lass von dir hör'n wenn's soweit ist
Du musst dich auch nicht ändern
Es ändert sich für dich

Ich weiß nur, es wird regnen
Und hört so schnell nicht auf
Glaub mir, es wird kälter
Wann hört das wieder auf?

Ist da draußen kein Licht?
Wolken nehmen dir die Sicht
Auch im Regen
Auch im Regen
Siehst du mich
Wenn dein Boot untergeht
Und du gar nichts mehr verstehst
Auch im Regen
Selbst im Regen
Find' ich dich

Bald siehst du Land
Halt bitte noch durch
Ich seh' ganz sicher dort hinten ein Licht
Schwimm um den Verstand
Gib jetzt noch nicht auf
Ich führ' dich aus diesem Irrgarten raus
 

Auch im Regen
Auch im Regen
Siehst du mich
Auch im Regen
Selbst im Regen
Find' ich dich

 

 

 


 

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