Wahl ist keine Qual

October 13, 2017

Manchmal stehen wir vor zu vielen Entscheidungsmöglichkeiten samt integriertem Dilemma und kapitulieren. Was ziehe ich an? Welche Schuhe tragen mich durch den Tag? Soll ich ein Salatblatt zu Mittag essen oder doch ein Knäckebrot? Soll ich überhaupt zu Mittag essen? Gehe ich mit diesem Langeweiler von Investmentbanker aus oder mit dem zehn Jahre jüngeren Kite-Surfer? Will ich wirklich noch einen letzten Drink und die Surfboard-Sammlung besichtigen? Soll ich vor Mitternacht ins Bett oder mache ich die Unvernunft feiernd durch? Also bitte dann nicht auch noch die schmerzhafte Entscheidung, ob Schatzee, Kirschkernkissen, kurz mal einen Baum umarmen oder wer war das nochmal bei dem verbliebenen Rest der Grünen oder doch KPÖ, weil mir die Wahlurnenprognose online Affinität attestiert? Oft haben wir keine Wahl. Müssen uns den unausweichlichen Anforderungen des Alltagswahnsinns beugen. Aber genau darum geht es am Sonntag. Um Politik. Um Demokratie. Um eine Wahl. Eine die wir haben.

 

Seit diesem Schuljahr ist der Spross morgens bei unserer gemeinsamen Autofahrt zur Schule den sinnentleerten Gesprächen über die Winke-Katze entwachsen und widmet seine Aufmerksamkeit der Innen- und Weltpolitik. In den Radionachrichten schnappt er ein Thema auf und lässt sich von mir über Hintergründe berieseln. Ungewohnterweise scheint er etwas auf meine politische Meinung zu geben und erklärt mich nicht postwendend für behindert, was mein geschundenes Mutter-Ego ziemlich auf Hochglanz poliert.

 

Heute berichte ich von Trump und dass in der amerikanischen Außenpolitik intern die Fetzen fliegen. Außenminister Tillerson nennt seinen Präsidenten einen "Deppen", der Chef des Auswärtigen Ausschusses bezeichnet das Weiße Haus als Seniorentagesstätte, in der wohl gerade jemand seine Schicht verpasst habe. Trump ist unterdessen weiter munter dabei, die Welt anzuzünden, in dieser Woche wird er sich Iran vorknöpfen. (Danke Spiegel.de für diese köstlichen Morning-Briefings als Vorbereitung des Spross-Briefings bei Latte Macciato am morgengrauen Balkon;)

 

Weiters hinterbringe ich dem Spross Trumps neuesten Geistesblitz, NBC die Sendelizenz entziehen zu wollen, wenn die schlecht über ihn, den gewählten Präsidenten, sprechen. Wir diskutierten das Für und Wider hin und her und kommen zum Schluss, dass wir diesen radikalen Schritt voll und ganz befürworten würden. Immerhin müsste ein derartiger Verstoß gegen die Verfassung – die willkürliche Beschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit – unserer Ansicht nach ein sofortiges Amtsenthebungsverfahren nach sich ziehen. Trumps Ankündigung, nach der Nafta, dem Klimaschutz- und dem Atomwaffenabkommen noch aus der UNECSO austreten zu wollen, sehen wir mit gemischten Gefühlen – ich vor allem, weil es mir am frühen Morgen zwar nicht schwer fällt, zu erklären, was die so macht, dafür umso mehr die Abkürzung hinsichtlich der Buchstaben ESC in United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization zu übersetzen.

 

Nach dem morgendlichen Overkill an hoher Politik unter der Gürtellinie lenkt der Spross anhand meines illegalen auf der Linksabbiegespur bei affenartiger Geschwindigkeit ausgeführten Überhol- und-sich-wieder-Reinpressen-Manövers vor dem Getreidemarkt ab und will wissen, seit wann wir eigentlich Autos bewegen, also fahren dürfen. Wir Frauen, meint er. Kurz bin ich baff, mir fällt nur eine Asterix-Szene ein, in der eine antike Römerin erzürnt ankündigt, auch Frauen würden einmal die Spiele im Kolosseum sehen dürfen, worauf ein männlicher Besucher unter allgemeinem Gejohle meint: “Sicher. Und sie werden auch Wagen lenken!“

Es ist gar nicht so lange her, dass “wir“ das dürfen. Dass wir weniger Unfälle bauen und überhaupt cleverer sind beim Fahren und sowieso, steht wohl außer Frage, außer beim Spross, der mich kurzfristig wieder für behindert erklärt. Dashiell Hammett war es, kontere ich, der einmal gesagt hat, dass eine Frau, die wirklich gut Auto fährt, schon fast perfekt ist. Hammett hat großartige Romane geschrieben, besser als Chandler. So ein Spruch ist natürlich purer Sexismus, selbst wenn man ihn als Frau gerne hört, leider stimmt er, und er gibt mir die Gelegenheit, den Spross thematisch wieder auf Schiene zu bringen: Dass wir mitentscheiden dürfen, was mit uns passiert, ist übrigens auch neueren Datums. Bis vor drei Generationen hatten Frauen zu akzeptieren, was Männer für sie beschlossen hatten. Bis wann? Bis 1918, vor hundert Jahren erst. Es gibt Länder, in denen der Anteil von Frauen in Führungspositionen weit höher ist als bei uns. Das bedeutet nicht, dass Frauen bessere Chefs sind. Es bedeutet aber, dass es Menschen leichter fällt, sich aufgrund ihrer Begabung durchzusetzen. Männern und Frauen. Und überall dort geht es allen besser.

Wenn wir übermorgen wählen sollen, geht es dabei nicht darum, Oma abzuholen, ihr zu sagen, wo sie ihr Kreuzerl zu machen hat, und dann traditionell Wiener Schnitzel zu essen, nein, es ist etwas, wofür Menschen ihr Leben geopfert haben. Es ist nicht etwas, das davon abhängt, ob mir gerade irgendwer besonders sympathisch ist. Es ist kein Casting. Österreich wählt nicht den Superstar, nicht den Bundeskanzler, niemand wird sich in hundert Jahren um den Furz in der Geschichte scheren, aber Österreich hat zu wählen. Männer wie Frauen. Letztere in jedem Fall, sie waren es zuletzt und sind das Zünglein an der Waage.

Es ist die Teilnahme an einem kollektiven Beschluss, gelebte Demokratie, und es ist toll, daran Teil zu haben, unabhängig vom Ausgang. Man kann alles verteidigen, außer Feigheit. Nicht wählen zu gehen, ist nicht faul, sondern feig. Wir haben am Sonntag eine Gelegenheit, etwas zu tun, eine Entscheidung zu treffen, die nicht nur uns betrifft, sondern auch und vor allem die, die nun folgen, unsere Kinder, also du, beschließe ich meine Wahlkampfrede und setze nach: Es gibt keine Ausrede. Damit du schon einmal weißt, was du in zwei Jahren zu tun hast und warum!

 

Damit nicht so eine Scheiße wie in Amerika passiert, sagt der Spross. Abschwächend meint er noch, wenn Frauen nicht mehr fahren dürften, gäbe es weniger Verkehr. Das stimmt. Allerdings in jeder Hinsicht. Und das wünscht sich hoffentlich niemand.

 

 


 

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