Pep

November 10, 2017

Die Woche zog sich wie ein Strudelteig und ohne Vorwarnung ist er herangeschlichen, der Blogfreitag, und brüllt mich herrisch an: Jetzt schreib endlich über Befindlichkeiten auf Kreuzfahrtschiffen! Leider wird das nichts, muss ich den Herausforderer enttäuschen. Ich würde ja gerne, aber ich wäre nicht ich, wäre der gute Schreibwille nicht torpediert worden. Um den zähneknirschenden Freitag zu versöhnen und nicht gänzlich mit leeren Zeilen dazustehen, ziehe ich mich mit einer kleinen Anekdote über Pep für heute aus der Affäre.

 

Pep Guardiola begegnet uns erstmals im Aufzug zwischen Deck sechs und Deck neun. In eine Ecke gedrängt vermeidet er unsere erstaunten Blicke. Mr Silvera, selbst Fußballfan und Kenner der Szene, kann nicht an sich halten und fragt, dem Promi einen Ausweg lassend, ob Pep oft auf seine Ähnlichkeit mit Mr Guardiola angesprochen würde. Pep windet sich sichtlich gequält unter seiner immer röter werdenden prominenten Glatze und leugnet Pep zu sein. Mit gebrochenem bayrischen Akzent als Tarnung. Seit zwei Jahren lebe er in München – no na – und beteuert gleichzeitig, dass er eine schwere Zeit hat, mit all den Autogrammanfragen, die sein Alter Ego betreffen. Wir nicken verständnisvoll und glauben Pep kein Wort. In dieser Woche begegnen wir Pep mehrmals pro Tag, was erstaunlich ist, bei fast 900 Passagieren – einmal am Lido Pool, wo sich Pep anschickt, den Sprung ins Wasser zu wagen. Genauer gesagt springt er nicht, er präsentiert seinen gestählten Beach Body auf der Poolleiter und tänzelt wie Nurejew den Schwanensee. Das Wasser scheint ihm um zwei Grad zu kalt zu sein. Er ziert sich, was seine behaarte, männliche Erscheinung zur Lächerlichkeit verkommen lässt. Hundert Augenpaare sind auf ihn gerichtet, bereit frenetisch zu applaudieren. Pep ist unbeeindruckt, ein Mann, der Millionen Augen während einem Spiel auf sich gerichtet weiß. Als wir uns abends wieder im Lift begegnen, der gehetzt wirkende Inkognito-Peppi zusammen mit der schweigenden Mrs. Guardiola und deren jüngsten Familienzuwachs, grüßt uns Pep als wären wir seine besten Stammspieler von Bayern München. Nach dem Abendessen ziehen wir uns in das Pub zurück, um ein Fußballspiel zu verfolgen. In einer dunklen Ecke sitzt Pep, schon wieder, und analysiert das Match in einem angeregten Selbstgespräch. Der Kellner legt ihm die Rechnung zur Unterschrift auf den Tisch. Pep fürchtet, ein Autogramm geben zu müssen, und winkt verärgert ab. Der Kellner ist irritiert. Pep geht fluchtartig ab. An dieser Stelle muss ich offenlassen, ob Pep nun tatsächlich Pep war oder nur sein eineiiger Zwillingsbruder, denn es ist halb neun am Freitagabend, mehr geht nicht mehr und Schuld daran sind die Italiener und Thomas Glavinic.

 

In einer viertel Stunde wird das WM-Qualifikationsspiel Schweden – Italien angepfiffen und vor zwölf Stunden blieb ich an einer Kolumne von Glavinic in der FAZ hängen. Es ging um Haushalt und ein erfülltes Leben. In zwei Spalten beschreibt der Autor mein Leben am Randes des alltäglichen Wahnsinns so atemlos real, als würde er meinen Haushalt persönlich kennen, obwohl er einiges ausgelassen hat, wie etwa den Spross, die Katzen, die Vögel, den Hamster, nicht zuletzt den Blog, was unglaublicher Weise noch in 24 Stunden hineingepresst werden kann, Tag für Tag, so dass ich schon nach dem Lesen des ersten Absatzes dermaßen erschöpft bin wie nach der Gipfelbesteigung eines Fünftausenders. Vor lauter Erschöpfung kann ich mich nun nicht mehr aufs Schreiben über Kreuzfahrten konzentrieren, vor allem aber aus Angst. Angst um Italien. Italien hat nämlich nicht ganz unberechtigte Angst vor Schweden. Da hilft auch die Abwesenheit von Zlatan Ibrahimovic nicht. Die Italiener könnten erstmals nicht bei der WM dabei sein. Dann fiele ihnen der Himmel wirklich auf den Kopf. Ich muss nun meine Angst und meine Erschöpfung überwinden, mit jeder Faser meines Fußballerbrautherzens an die blaue Squadra glauben, so wie ihr Teamchef Ventura, der meinte, "Ich habe nie in Erwägung gezogen, nicht zur Weltmeisterschaft zu fahren." Das würde Pep gefallen! Das sehe ich genauso, bin daher die nächsten zwei Stunden mit Anfeuern beschäftigt und Buffon und den Azzurri das Händchen zu halten.

 

 

 

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