Orphée en privée

March 2, 2018

Ich bin ein Hotel Fetischist. Ich liebe Hotelzimmer. Und Hotelbadezimmer. Und ich liebe es Hotels vor einer Reise auszusuchen, mich darauf zu freuen, mich mit dem Reservierungsteam per Mail zu unterhalten, und mich auf etwas Besonderes zu freuen. Einmal sorgfältig ausgewählt, werden vor Ort die Erwartungen kaum jemals, selten doch ein oder zwei Kategorien herabgestuft. In Deutschland erwartet man an sich nichts wirklich Extraordinäres. Sauber halt, alle sprechen Deutsch und alles ist gründlich und organisiert. Wie ich die Vorstellung alleine schon hasse! Aber bitte. In Deutschland passt man seine Suchkriterien nach dem besonderen Hotelkick ohnehin anderen Alternativen an, googelt nicht nach Leading Hotels of the World, sondern fischt im Teich der kleinen Boutique und Design Herbergen. Mehr als zwanzig Zimmer sollten es nicht sein.

 

 

Wiesbaden war keine Enttäuschung. Das Hotel Klemm hatte uns mit seiner nicht ganz gewöhnlichen Lagebeschreibung überzeugt:

 

IM HERZEN DER LANDESHAUPTSTADT

WUNDERBAR WIESBADENMITTIG. 
VON ALASKA (UND FAST ALLEN ANDEREN ORTEN)

FINDEN SIE UNS SO:

Hundeschlitten bis Eisbrecher bis Festland 
(Gäste aus Nicht-Alaska: Diesen Hinweis ignorieren)

 

 

Im tatsächlich ungewöhnlich gewöhnlichen Hotel Klemm fanden wir, was ich für unmöglich gehalten hatte. Eine Verzauberung nach der nächsten. Zunächst wollte man uns das Zimmer geben, das wir gebucht hatten. Ein Studio. Très chic. Nur ebenerdig und straßenseitig, in der Dependance. Ich muckte natürlich sofort auf und begehrte zu wissen, was an Betten noch im Haupthaus vorrätig wäre, das von außen klein und ziegelbaumassiv entzückend aussah. „Wir hätten da noch was im vierten Stock, das Zimmer am Ende des Ganges, an dem keine Nummer steht“, lächelte die Rezeptionistin unkompliziert. Vierter und somit oberster Stock klang nach Zimmer mit Aussicht und oh wow! Eine extravagant eingerichtete Wohnung, zum Verlieben, erwartete uns. Das allerbeste am Klemm ist allerdings das Frühstück. Un-glaub-lich! In einem Ambiente, das man nie wieder verlassen will, gibt es Köstlichkeiten ohne Ende. In jeder Ecke, in jedem Gang, im verzauberten Innenhofgarten, finden sich Sprüche auf Kreidetafeln, Postkärtchen und Messingschilder, die man nur abnickend demnächst im eigenen Leben berücksichtigen will. Es ist grandios, und die haben Sinn für Humor. Ja, Deutsche haben auch Sinn für Humor, sehr erstaunlich.

 

Deutschland ist nicht überall so, fanden wir heraus, das mag an Stuttgart liegen. Dort ist es mühsam mit Hotels, supermühsam mit Restaurants und megamühsam mit Taxis, abgesehen davon, dass die Stadtväter mit Transparenten an Brücken für die exorbitant schlechte Luft in der Stadt werben. Ich rate allen Mitlesern, und ich sage es euch nur einmal: Wenn ihr keine Cousine habt, die ihr in Stuttgart besuchen wollt, dann lasst es aus. Mr. Silvera meint: „Stuttgart sieht aus, wie Chemnitz ausgesehen hat, als es noch Karl Marx-Stadt hieß. Aber die Lage ist hübsch!“ 

 

 

Ebenso ist das mit dem Althoff Hotel am Schlossgarten, angeblich das beste Haus am Platz. Für mich wirkt es trotz seiner fünf Sterne wie ein Plattenbaurelikt aus der DDR. Die Leute sind nett, nur merkt man sogar am Personal, dass dort, neben Stuttgart 21, die Zeit stehengeblieben ist. Im Rezeptionsbereich muss immer ein/e Auszubildende/r stehen (!), zum Nichtstun verdammt, bar aller Kompetenzen. Architekten müssen sich genau so fühlen - außen ein mutiges Beibehalten von allem, was Stuttgart so betrüblich macht, innen die verstaubte Betulichkeit, die Besuche bei Oma so ermüdend machte. In der vor einem halben Jahrhundert bestimmt kanzlerwürdigen Suite ist die "Terrasse" ein extraschmaler Rundumbalkon, das Wohnzimmer eine Orgie aus den Siebzigern, inklusive Konsalik in der Bibliothek, Eierlikör und Nippes hinter Glas. Ich will eigentlich nicht weiter drüber reden. Nennen wir es einen teuer bezahlten Reinfall, zum Preis einer Suite gibt es nebenan im Steigenberger schon Farbfernseher…

 

Aber dann. Regensburg. Volltreffer. Hotel Orphée. Nur dort. Bitte immer, und immer wieder nur dort. Die ganze Welt sollte ein Orpheum sein. Das Haus ist, so unauffällig und sternelos es ist, einfach so großartig, dass es mit Worten kaum zu beschreiben ist. Einer hat den Versuch der Beschreibung gemacht und die lautet: „Jan Weiler hat es als Deutschlands bestes Hotel bezeichnet. Mir fallen jedoch weltweit wenige ein, die dem Orphée nahekommen. In dieser wunderbaren Stadt, absolut im Herzen Regensburgs, findet sich ein Hotel ohnegleichen. Was in den Siebzigern dort entstanden ist, verkörpert alles, was vom Üblichen Ermüdete in einen Taumel der Euphorie verfallen lässt: riesige Zimmer, lässige MitarbeiterInnen, ein wirklich sehr pariserisches Bistro mit toller Küche und schonenden Preisen (letzteres betrifft auch die Zimmer!), herrliche Poster und Filmplakate, und guter Geschmack pur bis in jedes Détail.“

 

Im Orphée kommt der Gast aus dem Staunen nicht heraus. Nicht einmal auf den Gängen, wo unter vielen Kleinoden ein Plakat von Ellen von Unwerth in Lebensgröße hängt. Gleich vis-avis vom Aufzug. Mit vier leichtbekleideten Damen. Seine offene Frivolität hat mich inspiriert. Ebenso leichtbekleidet stand ich am frühen Abend davor, als mich Mr. Silvera in Bondage Lingerie und Strapsen en privée ablichtete, während ich darauf wartete, dass sich jeden Moment die Tür des Aufzugs öffnen und jemandes Herz vor Schock stehen bleiben würde. Große Sorgen machte mir der Gedanke nicht. Im Orphée ist alles normal. Selbst das Leben am Rande des ganz alltäglichen Wahnsinns.

 

 

 

 

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