Perceval

March 9, 2018

Ich finde das einfach so großartig! Es ist Freitag und ich muss keinen Blog schreiben. Das hat nämlich der Spross erledigt. Und zwar gründlich. Mich gleich dazu. Sein Aufsatz über den gerade stattfindenden Schüleraustausch hat mir einen unerfreulichen Sprechstundentermin beschert. Es ist ein wenig peinlich. Aber lest selbst…

 

„Leute, manche meiner Mitschüler klagen über langweilige, dauerernste Eltern, aber wahrlich ich sage euch: „erwachsene“ Mitbewohner, die so kindisch sind wie Zirkusclowns oder Welpen, sind viel, viel schlimmer.

 

Alles begann damit, dass er Perceval heißt. „Er“ ist unser Austauschschüler aus Paris.

Wie sein Vorgänger im letzten Jahr kommt er von einer Schule, die nicht gerade Banlieue-typisch ist. Victorien, so hieß der damals, ist mit seinen Eltern per Sie und war es natürlich trotz oftmaliger gegenteiliger Aufforderung auch mit meiner Mutter. Seine etwas überkandidelte Art und sein stets perfekter Umgangston, verbunden mit einer näselnden Besserwisserei, und nicht zuletzt die Tatsache, dass er eine halbe Stunde brauchte, um sich seine Schuhe anzuziehen, haben uns bis an den Rand des stoisch Erträglichen genervt.

 

„Mit Perceval wird das nicht passieren“, tönte Mister Silvera leise aber bestimmt, „niemand heißt ungestraft Perceval.“ Ich ahnte nicht, was er damit meinte. Perceval bedeutet „Der das Tal durchquert“, und ich hätte wissen müssen, dass dieses Tal tief, überschattet und dornenreich sein würde.

 

Als wir Perceval vom Flughafen abholten, setzte Mister Silvera eine dunkle Sonnenbrille auf, band sich eine Blindenschleife um den Arm und zauberte einen faltbaren weißen Stock hervor, der bei jeder Bodenberührung laut klackte. Nachdem Perceval, etwas kleiner als ich, Brille, rötliche Haare, Typ „Danke, es ist schwer genug!“, sich zu erkennen gegeben hatte (was ihm angesichts des riesigen Schildes, auf dem „Bienvenu Perceval de Nouilly-Longtarin“ stand, mit einem lachenden Smiley :-), sicher nicht ganz leichtfiel), tastete Silvera den Blick ins Nichts gerichtet nach seiner Hand und wir gingen in die Garage. Dort wurde Percevals Gepäck verstaut, dann hantelte Silvera sich an der Karosserie entlang, bis er die Fahrertüre erreicht hatte und stieg ein. Perceval war blass. Die Fahrt nach Wien verlief, nun, leise. Auf unsere Fragen antwortete mein neuer Leidensgenosse nicht oder nur spärlich, starrte fassungslos auf die Fahrbahn und den Tacho und wurde ab 150 geräuschlos, nur noch etwas blasser.

 

Sein Aufatmen bei unserer Ankunft war hingegen hörbar. Mein Zwinkern hatte er offenbar nicht für eine ausreichende Garantie gehalten, nicht von einem Blinden mit satt überhöhter Geschwindigkeit in die ewigen Jagdgründe chauffiert zu werden.

 

Perceval bezog sein Zimmer und führte flüsternd das erste längere Telefongespräch mit seiner Mutter. Darin ging es, so viel bekam ich mit, nicht zuletzt darum, dass meine Ma an strategisch wichtigen Punkten unserer Wohnung unübersehbar Porträts von Che Guevara und Osama Bin Laden aufgehängt hatte. Sie hatte ihm auch freundlich aber bestimmt erklärt, dass es aus religiösen Gründen innerhalb unserer vier Wände keine sichtbaren Bildschirme geben dürfte. Das Handy durfte er ausnahmsweise noch einen Tag behalten. Die Fernseher und Computerbildschirme waren mit lilafarbenen Tüchern verhängt.

 

„Carême.“ meinte sie, was „Fastenzeit“ heißt, als ob das etwas erklärte. Bei Perceval sickerte sichtbar die Schreckensvision, zwei Wochen lang Abende in einer Umgebung von gemeingefährlichen Irren ohne elektronische Ablenkung verbringen zu müssen.

 

Zum ersten abendlichen Mahl gab es eine marokkanische Tajine - „So etwas esst ihr doch immer?“, war die Frage meiner Mutter, die Perceval endgültig ins Eck trieb. Es verbesserte seine Lage auch nicht nachdrücklich, dass Mutter und Mister Silvera während des Abendessens eine Flasche Wodka leerten (in der sich Wasser befand), und dass Silvera jedes Anstoßen mit einem fröhlichen „Allahu Akbar“ unterstrich.

 

Wieder in meinem Zimmer, versuchte ich Perceval zu erklären, dass meine Ma und ihr Freund nur „das Eis brechen“ wollten, aber wie bitte kann irgendwer wissen, wie man das auf Französisch sagt? Außerdem war die Verständlichkeit akustisch davon beeinträchtigt, dass aus dem Wohnzimmer eine Nummer auf höchster Lautstärke ertönte, die, wie ich später erfuhr, „In A Gadda da Vida“ heißt.

 

Perceval war nun im Stadium eines fatalistischen Orchester-Geigers auf der Titanic, der immer und immer wieder „Näher, mein Gott, zu Dir“ spielt. Als er leise schluchzend begann, seiner Mutter eine WhatsApp-Nachricht zu schreiben, die mit den Worten „Ma chère Maman, tout est perdu...“ anfing, zwang ich meine Ma, dem Hokuspokus Einhalt zu gebieten. Die Bin Laden- und Che-Poster wurden abgehängt, ebenso die lilafarbenen Tücher, Play Station, PC und Tablet wurden aktiviert, es gab Vanillepudding mit heißer Schokolade, und langsam taute Perceval aus seiner katatonischen Schockstarre auf.

 

Ich weiß nicht, was die in Paris alles erfahren werden, aber gnade mir Gott, wenn dort irgendwer auch nur annähernd so kindisch ist, wenn ich im Frühling dort sein werde.“

 

Ende

 

P.S. Ihr ahnt, woher der Spross seinen schrägen Humor hat;) oder war es doch Mr. Silveras Feder, die mit ihm durchgegangen ist?

 

 

 

 

 

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