Seelentrost

April 21, 2018

Die Geschichten meiner heutigen Geschichte passen nicht zusammen. Oder doch? Vor einer Woche stand ich im Louvre in Paris meinem Sohn gegenüber. Er war nicht da. Der Spross war in Wien und er wird bald fünfzehn Jahre. Doch da war dieses andere Kind. Wahrscheinlich ein französisches Kind. Vermutlich etwa sechs Jahre alt. Es war ein Schock. Wäre mein Spross am letzten Wochenende sechs Jahre gewesen, hätte ich aufgeschrien, ihn an mich gerissen, in der Überzeugung, dunkle Mächte hätten ihn in den letzten 24 Stunden in Wien entführt, nach Paris verschleppt und im Louvre ausgesetzt. Wieder zu Hause zeigte ich dem Spross das Foto von seinem Twin Stranger. Der Spross war wütend. Weil er meinte, ich hätte ihn wieder einmal ohne seine Erlaubnis abgelichtet. Aus Ärger hatte der Spross die Bilder seines Pariser Selbst aus einer anderen Zeit von meinem Handy gelöscht. Als er die Geschichte dazu hörte, war er fasziniert, wollte sein Abbild kennenlernen. Wer weiß, vielleicht trifft er sich in Paris, wenn er in zwei Wochen auf Schüleraustausch dort sein wird. Nur ist das so unwahrscheinlich, wie die wahre Liebe zu finden. Oder seinen Seelenteil, der durch das Universum zieht, als halb beseeltes Wesen. Doch wer weiß!

 

Was ist Liebe? Ein Gefühl und ein Versprechen, das zwischen den Zeiten Bestand hat. In allen Zeiten. In jenen, die waren, die sind, und in jenen, die noch kommen. In allen Welten. Einiges, was Liebe impliziert, kann man an jeder Bartheke haben, ohne zu lieben. Versprechen kann man sich viel, ohne die Liebe wird es auch unter dem Segen der Kirche nicht halten. Religiös bin ich nicht. Doch ich glaube an Wunder. Und an die Liebe glaube ich. Ich glaube, dass es eine Liebe gibt, die immerfort lebt. Eine bedingungslose Liebe. Sehnsucht ist dabei ein Gefühl, das uns spaltet und trägt. In den Momenten, in welchen wir alleine sind, sehnen wir uns danach geliebt zu werden, sind wir nicht alleine, zeitlich oder räumlich getrennt, sehnen wir uns nach einem geliebten Menschen, nach unserer anderen Seelenhälfte, nach dem verlorenen Teil, der uns vervollständigt. Das eine kann schmerzhaft sein, das andere tröstlich. Alles davon, wenn wir lieben, wirklich, tief und ohne Grenzen, kennt keine Bedingungen. Ich fürchte, dass viele Menschen Leben nach Leben verbringen, ohne dieser durch Sehnsucht gestillten Liebe zu begegnen. Geschweige denn Seelentrost zu finden. Ich hoffe, nein ich bin sicher, dass es für jeden Menschen diesen zweiten Teil gibt. Jenes zweite Ich, dass uns so vertraut wie fremd ist. Dem wir alles verzeihen, was wir uns selbst vorwerfen. Früher oder später finden wir unsere zweite Hälfte, unsere Dualseele. Und dann, wenn das passiert, verlieren wir uns für immer ineinander, aber wir verlieren uns nie mehr.

 

Es gibt ein Buch, dass ich zu Weihnachten bekam. Ich sollte die Schenkerin wissen lassen, wie ich es fand: liebe N, es war wunderbar! Ich kannte das Buch nicht, doch ich kannte den Inhalt. Es war eine tröstliche Bestätigung dessen, was in meinem Leben passiert. So wie ein anderes Buch, wiewohl ganz anders, das mich ähnlich gefesselt und mir gezeigt hat, dass die Liebe immer da ist, selbst wenn sie noch unsichtbar ist, wie das Licht, das wir nicht immer sehen. Das war „Alles Licht, das wir nicht sehen“. Das schon seit meiner frühesten Kindheit leuchtete, in der Schule, in der städtischen Bibliothek, in Stammlokalen, während einem Marathon des unsichtbar aneinander Vorbeilaufens, selbst zu einem Zeitpunkt, als ich meiner damals noch unbekannten Seelenhälfte – an der die Gemeinheit des Lebens nagte, verfangen in einer Mischung aus Älterwerden, Wien, Nachdenkenkönnen, Nachwuchsloslassenmüssen und der Einsicht, dass das mit der anderen Seelenhälfte sich eventuell auch nicht ausgehen könnte – vor einigen Jahren zum Geburtstag schrieb: „Zu deinem Geburtstag wünsch ich dir alles was du dir wünscht…  alles Gute, Liebe und nur das Beste für dich. Ein entspanntes Annehmen des weiteren Lebensjahres, mit gekonntem Nachdenken ohne zu grübeln und die Einsicht, dass die andere Seelenhälfte immer da ist. Irgendwo in diesem Universum. Und ganz fest an dich glaubt… bon anniversaire, bon voyage!“

Zeilen without hope or agenda, ins weit entfernte Nichts des World Wide Web gerichtet, ungewohnt sorgsam bedacht ebenso wie geradlinig heraus formuliert, ließen mich damals nicht im Entferntesten erahnen, dass unsere Seelenhälften heute gemeinsam reisen.

 

Wie kommt das, wie bricht das Schicksal durch versteinerte Gefängnismauern, wie steuern entzweite Seelen aufeinander zu, wie kann man das beschreiben?

 

Besser und schöner als es Audrey Niffenegger in ihrem Roman über die Frau des Zeitreisenden beschrieben hat, kann man es kaum ausdrücken. Auf der Zeitachse und in der Unendlichkeit des Universums scheint es unwahrscheinlich, dem Menschen zu begegnen, der unsere Bestimmung ist. Es gibt so viele Möglichkeiten, aneinander vorbeizulaufen, ohne sich peripher zu begegnen, oder sich niemals zu begegnen. Das weiß ich nur zu gut, und es ist gut so, denn für alles gibt es eine Zeit, die kommt, ohne dass wir sie erzwingen oder verleugnen können. Clare und Henry begegnen sich in jenem Buch immer wieder. Zum ersten Mal als sie sechs Jahre alt ist und er dreiundvierzig. Daraus entsteht eine Lebensliebe. Henry reist. Er kommt und geht, er reist durch die Zeit, aber er kommt immer wieder zu Clare zurück. Sie ist sein Anker. Sich auf die Unsicherheit einzulassen, auf das Warten, zu vertrauen, auf seine Seelenhälfte, darauf dass es kein Ende gibt. Das ist Clares Stärke. Sie liebt Henry, sie liebt ihn, wenn er da ist und wenn er nicht da ist, sie kann warten, sie liebt ihn, wenn er keine Füße mehr hat, sich langsam auflöst und sie für immer verlässt. Da ist Clare 35 und Henry 43. Aber sie weiß, das Ende, wie lange es auch dauern mag, ist immer wieder ein neuer Anfang. Die Liebe ist niemals zu Ende. Sie überdauert alles. Wer liebt, überschreitet alle Grenzen, auch die Letzte. Und durch all die Leben, die wir haben, wird es für eine wiedervereinte Seele nicht die Letzte gewesen sein.

 

Buchempfehlungen:

 

Die Frau des Zeitreisenden

Alles Licht das wir nicht sehen

 

 

 

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