Zeit für Müdigkeit

June 8, 2018

Das Problem ist, dass ich nie müde bin. In der Tretmühle des Lebens vergisst man die Müdigkeit leicht. Wie es sich anfühlt, wenn der Schlaf seinen Raum fordert. Man könnte etwas verpassen, wacht wie ein Zombie durch die Nacht, versinkt an Bartheken, am Balkon, erwartet erwartungslos das Morgengrauen. Man muss noch ein lebenswichtiges Projekt abschließen, nur noch dreißig oder vierzig Seiten eines Million Dollar Konzeptes, das beim Erwachen bereits gnadenlos verworfen ist. Eine geballte Ladung E-Mails beantworten, bevor es zu spät ist. Jemand könnte drei Fragezeichen schicken, warum zur Hölle dies oder das noch nicht gebacken ist. Daneben Freunde, Bekannte, soziale Kontakte, die man in der Randzone des Tages in der digitalen Welt bespielt, weil im Bergwerk die Zeit fehlt, hinterher die Kraft für ein Treffen. Im Schnelldurchlauf gedankenlose Worte verstreuen, bedauern, weinen. Einen Brief schreiben. Sich auf den Liebsten freuen, den Liebsten vermissen, Zeit finden. Miteinander. Ohne die Außenwelt. Keine Zeit trotz Zeit. Alles zuviel. Eine einzige Minute für sich finden, um die losen Gedanken zu entwirren. Noch ein bisschen weinen, weil diese vertrottelte Psychobande im Kopf es so will. Man will am Laufenden bleiben. Darüber was sich in Europa tut, was Trump twittert, welche Sommerkleider angesagt sind, die man kauft, aber nie ausführt. Welche Bücher die Bestseller-Listen anführen, Amazon one-click, stehen morgen schon im Regal, ungelesen. Noch mehr schlechtes Gewissen. Fitness Center, OMG, wann war ich dort zuletzt? Ich werde einrosten und verfetten, es geht steil bergab. Ein Mount Everest an Post will geöffnet und eine Tonne Papier abgelegt werden. Auf der Kommode im Vorzimmer, die echt mal wieder aufgeräumt werden sollte, liegt eine To Do Liste bis zum Mond und zurück. Die Katzen sollten mehr Streicheleinheiten abkriegen, der Hamsterkäfig seit Tagen neu bestreut werden, meine Ma anrufen, gestern habe ich es vergessen, heute ist sie beleidigt, Pläne für alles Mögliche schmieden. Was haben wir nicht für Pläne, der Spross müsste, ich sollte, aber es ist schon wieder kurz nach Mitternacht, noch sechs Stunden, bis der Wecker um sechs den neuen Tag einläutet.

 

Wäre vernünftig, sich schlafen zu legen. Schönheitsschlaf vor Mitternacht. Ach, scheiß drauf, es ist bald halb zwei, morgen ist noch genug Zeit für Schlaf und Schönheit ist in meinem Alter überwertet. Menschen mit weniger als fünf Stunden Schlaf pro Nacht sterben früher, schreit mir ein Artikel aus dem Bildschirm ins Gesicht. Und? Ich nicht. Das sind nur die, die nix aushalten, ewig müde sind, aber ich, ich nicht, ich bin nie müde. Noch vier Stunden. Das reicht. Es kommt ein Wochenende. Mit Schlaf ohne Ende. Fake News. Wieder nur eine dieser Legenden. Ein Märchen aus 1001 Nacht. Denn da ist der Kater. Und Mr Silvera, der den Kater auf den Balkon schickt, um fünf, bei Tagesanbruch, damit ich Ruhe habe. Nur mir fehlt der Kater, der sich leise grunzend auf mich legt. Behutsam drehe ich mich dann zur Seite, lasse ihn an meinem Körper herabperlen, bis er erfüllt von meiner Müdigkeit unter die Decke kriecht, sich an meinen Rücken schmiegt, seine Wärme an mein Kreuz abgibt, und wir gemeinsam weiterträumen. Der Kater vom Futter und ich vom Schlaf, der mich ummantelt, der mir diese surrealen Träume schenkt, die es nur am Morgen gibt, in denen der Alb nicht auf die Seele drückt, an die man sich nicht mehr erinnert, wenn es schon nach Kaffee duftet, drei Stunden später, während man sich im Halbschlaf komatös stellt, weil es so schön ist, einfach nur zu liegen und zu warten, was passiert, im nächsten Moment, an diesem Tag.

 

 

 

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