Cat as cat can oder der Katzenmonolog

November 16, 2018

 

Hier wohnen ich und die Sieben Glorlosen. Natürlich wäre alles leichter, wenn ich meine Ruhe hätte. Allerdings würde ich dann verhungern.

 

Die sieben sind drei Zwitschermaschinen und drei Büchsenöffner, plus die Wahnsinnige.

 

 Das mit den drei Vögeln habe ich noch immer nicht ganz verstanden. Sie wirken nicht unzart, und ich bin mir sicher, sie notfalls als einen herzhaften kleinen Snack gebrauchen zu können. Idiotischerweise sind sie durch einen großen, goldenen Käfig gesichert, in dem sie hocken und ab und zu jede Stille mit ihrem nervenzerfetzenden Gezwitscher zerstören.

„Unzertrennliche“ heißen sie, was wirklich lächerlich ist. Wäre ich in einem Käfig mit anderen, wären wir auch ziemlich unzertrennlich. Fragen Sie die Leute in Guantánamo.

 

Die Büchsenöffner haben mehrere Funktionen und dürfen sich frei bewegen, außer, wenn ich auf ihnen liege. Ihre Daseinsberechtigung ist primär, mir meine Dosen mit Spezialitäten zu öffnen und anzurichten und meine speziellen Orte sauber zu halten.

Sie sind, ach, schlecht erzogen. Immer wieder lassen sie mich warten, obwohl ich meinen Hunger deutlich hör- und sichtbar kommuniziere. Aber man bekommt ja heute nirgends vernünftiges Personal.

 

Abends sitzen sie oft vor einer warmen, vertikalen Glasscheibe, die bunt flackert. Sie starren sie an, lachen oder weinen manchmal. Wahrscheinlich ist das irgendwas Religiöses.

Ich tröste sie dann, indem ich mich zu ihnen lege und sie mich kraulen lasse. Sie mögen das, es beruhigt sie. Nach meiner Abendmahlzeit dürfen sie sich zurückziehen und sich in weiche, große Kisterln legen. Dann gehört das Apartment mir. Ist es überall dunkel, wird alles friedlich. Bis auf die Wahnsinnige.

 

 Sie heißt Holly, wie diese andere Irre aus „Frühstück bei Tiffany“. Ja, sie ist ein wenig jünger, und ja, vielleicht etwas weniger breit als ich. Das ist jedoch alles kein Grund, ständig einen auf „Königin von Saba“ zu machen, mit ausgefahrenen Krallen wie mit High Heels über die Parkettböden zu knattern und generell ganztags größenwahnsinnig zu sein. Wie es sich für eine anerkennungssüchtige, bulimieexerzierende Hungerkünstlerin gehört, verschmäht sie sogar die Mehrzahl der Spezialitäten aus diesen unerklärlichen Dosen. Das ist allerdings ihr einziger Vorteil, so bleibt mir mehr. Madame isst ja nur diese knackenden, widerlichen Zahnzertrümmerer, die überall herumstehen, und davon immer nur ein Häppchen. Wenn ich auch nur so etwas zu mir nähme, wäre ich wohl ähnlich drauf. Und schlanker, jaja.

 

Dies ist mein Reich. Holly vergisst das nicht bloß ständig, sie macht sich in regelmäßigen Intervallen über mich lustig. Stolziere ich frisch gesättigt nach einem bescheidenen Mahl für zwei von der Küche ins Wohnzimmer, springt dieses verhinderte Influencer-Gespenst plötzlich von irgendwoher und bringt mich an den Rand eines Herzinfarkts. Wenn ich sie dann verfolge, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen, versteckt sich diese Weib gewordene Laune der Natur unter einer Couch oder einem Bett. Sie weiß genau, dass ich ein wenig zu groß bin, um dorthin folgen zu können.

 Nun habe ich auch das bereits zahllose Male bekannt gegeben. Es ist nur so, dass die Büchsenöffner mich nur zu verstehen scheinen, wenn sie das wollen. Ich habe für einen Ausschluss aus der Wohngemeinschaft plädiert, für eine Verschickung nach Wladiwostok, oder mich sogar bereit erklärt, einen Ersatz zu akzeptieren. Das Personal ist indiskutabel.

 

Das heißt, der Kleine geht. Er hat offenbar einen ähnlichen Status wie ich, wird gefüttert und muss keine niederen Dienste verrichten. Meine Klofrau und ihr Mann sind offenkundig eifersüchtig deswegen und lassen ihn häufig alleine seine religiösen Zeremonien verrichten.

 

Er sitzt dann oft lange vor einer anderen vertikalen Glasscheibe, bewegt etwas, das absurderweise „Maus“ genannt wird und starrt auf buntes Flackern. Diese Leute sind lange vor der Aufklärung stehengeblieben, was ihre Verehrung des Göttlichen betrifft. Heiden eigentlich, echt.

 

Dem Kleinen leiste ich dann Gesellschaft, er spielt mit mir, und ich lasse das zu, weil ich ein Herz habe. Außerdem muss ich ihn trösten, weil die Wahnsinnige natürlich keines hat und nur sehr selten bereit ist herumzutollen. Wahrscheinlich hat sie Sorge, ihre Frisur könnte dabei flöten gehen. Weiber.

 

Meine Klofrau ist ja auch eins, also ein Weib. Im Großen und Ganzen macht sie ihre Sache nicht schlecht. Kommen sie und ihr Mann vom Einkaufen, bringen sie tonnenweise Ungenießbares und Unnötiges mit. Die Ernährungsgewohnheiten von Büchsenöffnern bleiben mir ein Buch mit sieben Siegeln. Anstatt eine schmackhafte Delikatesse aus einer dieser unerklärlichen Dosen anzurichten, wird stundenlang ein sinn- und inhaltsloses Tamtam gemacht, es wird gerührt und geschüttelt, Sachen werden bis zur Ungenießbarkeit erhitzt und dann ihrer Bestimmung zugeführt. Man kann sich nicht vorstellen, was diese bemitleidenswerten Kreaturen zu sich zu nehmen haben.

 

 Gestern habe ich die Reste einer eingehenden Untersuchung unterzogen:

Auf langen, erhitzten Teigfäden befand sich eine Art Sauce aus übelriechendem Käse und Spinat, was die paar Stückchen wohltuenden Lachses komplett versaute. Dazu hatte man Gras gegessen, wobei es sich um diese halbwelken, in Essig und Öl ersoffenen Blätter handelte, die diese Typen offenbar für Gras halten. Dass regelmäßig nicht wohlschmeckendes Wasser, sondern degustöse, nach vergorenen Trauben und alten Fässern müffelnde Flüssigkeiten aus dunklen Flaschen dazu getrunken werden, setzt dem die Krone auf.

Ich nehme an, dass die armen Leute einer speziellen Diät folgen müssen.

 

Anders als ich sind sie auch nicht frei. Der Mann ist oft wochenlang weg. Wahrscheinlich ein Wanderarbeiter, der von Baustelle zu Baustelle zieht. Unlängst habe ich davon gehört, dass dort, wo diese Teigfäden herkommen, Millionen so leben.

 

Madame verlässt täglich das Apartment und kommt erst abends wieder. Vielleicht muss sie anderswo weitere Klos putzen.

 

 Ab und zu packen die drei mehr oder weniger ihr gesamtes Hab und Gut in riesige Kunststoff-Behältnisse, die perfekte Katzenkisten wären, sind rätselhaft fröhlich und verschwinden damit für ein bis drei Wochen. Dann kümmert sich die Nachbarin um uns. Sie singt an der Oper und leider nicht nur dort.

 

Momentan scheinen die Baustellen ihre Saison hinter sich zu haben. Monsieur bleibt zu Hause, während seine Frau sich darum kümmert, dass wir nicht alle verhungern.

Er verbringt große Teile des Tages, indem er auf Papier starrt oder eine weitere „Maus“ um einen schimmernden Kasten bewegt, während er offenbar versucht, Klavier zu spielen. Das Ergebnis ist herzzerreißend. Ich meine, ich spiele ja auch kein Instrument, aber so kein Instrument könnte ich gar nicht spielen. Alles, was ertönt, wenn er wohl glaubt, die Mondscheinsonate oder Derartiges aus einer Tastatur zu bringen, ist ein atonales Klappern. Und er gibt nicht auf. Es ist fast rührend.

 

Manchmal halte ich nicht für ausgeschlossen, dass Madame nicht wirklich weit unter mir steht. Vor allem ist sie selbstverständlich unser aller Ernährerin. Ihr Mann kocht ab und zu auch, wobei dann immer deutlich mehr überbleibt. Irgendwie scheint sie alles besser zu können. Es kommt vor, dass ich vom Balkon aus beobachte, wenn er oder sie in einer dieser komischen Blechkisten von einer ihrer seltsamen Ausfahrten zurückkehren. Auch da ist sie öfter am Steuer, weil man diese Kisten einparken muss, was ihm sichtlich weniger entgegenkommt.

 

 An dieser Stelle sollte auch einmal angesprochen werden, dass es die Büchsenöffner generell nicht so mit der Körperpflege haben. Habe ich auch nur einmal Zeuge werden dürfen, dass sie sich ihr bemitleidenswert lichtes Fell reinigen, wie es sich gehört, also mit der Zunge? Das heißt, einmal habe ich sie dabei ertappt. Aber die beiden haben es, talentlos und von der Natur verhöhnt wie sie sind, am jeweils anderen versucht. In ihrem Kisterl. Erschütternd.

Sonst stellen sie sich täglich in eine gläserne Kabine und warten, bis Dampf und heißes Wasser unter Zufügung stark riechender Flüssigkeiten ihre Gerüche sterilisiert. Ich meine, kann man solche Geschöpfe ernst nehmen?

Meiner Klofrau muss ich zu Gute halten, dass sie auch auf diesem Gebiet sehr viel gründlicher und gepflegter ist als meine beiden theoretischen Geschlechtsgenossen. Sie verbringt mehr Zeit damit sich ansehnlich und anriechlich zu gestalten. Ihr Mann schämt sich offenbar so sehr seiner witzlosen Gesichtsbehaarung, dass er sie fast täglich bis auf einen kümmerlichen Rest zurechtstutzt. Sonst stellt er sich unters heiße Wasser, und das war‘s dann. Alle drei stecken sich morgens und abends eine Stange aus Plastik zwischen die Zähne und vollführen ruckartige Bewegungen. Danach riechen sie aus dem Maul wie ein Büschel dieser ekelhaften Menthol-Kräuter, und es dauert, bis das wieder weg ist.

 

 Sie, also die Herrin, ist auch weit tiefeenntspannter. Hüpfe ich morgens beim ersten Sonnenstrahl (im Winter früher) fröhlich in ihr Kisterl, lässt sie mich neben und auf sich liegen und schnurren, bis sie ihrer Pflicht folgt und mir ein frugales Mahl zubereitet. Dazu muss ich über ihn klettern, was er oft keineswegs entspannt begrüßt. Kaum habe ich meine graziöse Figur tastend über sein Gesicht bewegt, tut er so, als ob mein zartes Gewicht ihn geweckt hätte und wirft mich durch das Schlafzimmer. Und obwohl wir dieses Spielchen nun seit Jahren spielen, lernt er nicht und nicht, dass er letztlich sowieso verliert. Irgendwann erhebt er sich dann doch und gehorcht meinem Hungergefühl.

 

Was ich sechs von sieben meiner Mitbewohner zu Gute halte, ist, dass sie eben einfach unzertrennlich sind. Die Büchsenöffner sogar ohne ständig in einem Raum zusammengesperrt zu sein. Natürlich können sie alle miteinander nicht über die natürliche Anmut und Grazie verfügen wie ich und manchmal sogar Holly. Schließlich waren unsere Vorfahren bereits an den Höfen der Pharaonen umschmeichelt und verwöhnt, als ihre Vorfahren noch auf Bäumen saßen. Aber man muss der Evolution eine Chance geben.

 

 

 

 

 

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