Zerplatzte Katzenträume

January 11, 2019

 

Während ich morgens zur Arbeit gehe, während Holly, die russisch-blaue Wahnsinnige, in ihrem Königinnenbett thronend mit einem halbherzig offenen Auge vortäuscht, die Wohnung zu bewachen, geht mein Kater in den Kasten.

 

Er schleicht von der Welt angewidert in unser Schlafzimmer, öffnet mit der linken Pfote eine der schweren Glasschwebetüren des Kleiderschranks, legt sich auf Mr. Silveras wohl vor längerem vom Haken gerutschte Hose, die am Boden schon so lange in Vergessenheit geraten ist, dass man das zerknüllte Ding gar nicht mehr als Bein-Accessoire erkennt, so voller rotem Katzenhaar ist die ehemalige Hose, dass sie in einer Sonderausgabe von Brehms Tierleben als die Entdeckung einer vermeintlich ausgestorbenen Katzenrasse gefeiert werden würde. Im Kasten ist es dunkel, es dringt kein störender Lichtstrahl in die Höhle der Behaglichkeit, in diesen Hort der Geborgenheit, denn – unglaublicherweise – schließt der Kater die Tür hinter sich, sobald er auf dem Weg zu seinem Tagwerk hineinmarschiert ist, in diese andere Welt. Er muss dort sein Katzen-Narnia gefunden haben. Wo er so allmächtig und groß wie Aslan ist und gottgleich gütig über fremde Völker herrscht. Tag für Tag.

 

So überschaubar war seine Katzenwelt in unserer Heimatgalaxie bis gestern.

 

Nun ist der Super-GAK passiert, die größte anzunehmende Katerstrophe, die sich ein einfältiges Katzenhirn ausmalen kann. Der Kasten ist weg. Und nicht nur das. Ein Riesenstaubsauger muss das Schlafzimmer der dosenöffnenden Klofrau und des hosenspendenden Liebhabers ohne festen Wohnsitz vakuumleergesaugt haben. Alles weg. Einsam steht eine Lampe in der Ecke und verhöhnt den Kater, indem sie das von keinem Geringeren als Quentin Tarantino inszenierte Dilemma beinhart an einem Hauch von Lelouch-Romantik vorbeischrammend brutalreal ausleuchtet. Als ob nicht alles schon schlimm genug wäre, kein Schrank, kein Narnia, keine Hose, die nach Herrchen und sich selbst zugleich riecht, alles ein einziger zerplatzter Katzentraum von Unsichtbarkeit und einem fernen Götterdasein, nein, die Menschen, die einst hier schlafend geduldet wurden -  natürlich nicht im Kasten, aber in dem großen Bett, unter dem man sich auch gut verstecken und aus dem man sie bei Morgengrauen Richtung Futterschüssel scheuchen konnte -, sind allesamt wahnsinnig geworden. Es muss eine Nebenwirkung des jegliche Materie ins schwarze Loch des allesverschlingenden Megalodon-Dysons, vielleicht eine Art atomare Gehirnverstrahlung sein.

 

Nachdem der Kater den Rest der Wohnung auf ihre Vollständigkeit untersucht, findet er das Bett und kleinere wie größere Relikte aus dem Schlafzimmer wie zufällig kreuz und quer über das Wohnzimmer drapiert. Das Bett steht nun exakt dort, wo anderntags noch der große Nadelbaum war, den die Bediensteten einmal im Jahr anschleppen und mit rituellem, unessbarem Zeugs behängen. Als Versteck ist der Baum allerdings fast so gut wie das Narnia-Land hinter der Schranktüre. Wahrscheinlich haben diese vom  wilden Wahnsinn erbeuteten Menschen das Waldteil in den Schrank gestellt, und alles zusammen ihren Göttern geopfert, für Dosenfutter und Rotwein bis zum Abwinken, und nun schlafen sie als Zeichen der Selbstgeißelung und Unterwerfung im Wohnzimmer, die Idioten, noch wahrscheinlicher, was zu befürchten ist, haben die Hirnverstrahlten bloß die Bedeutung der Zimmernamen durcheinander gebracht. Gaga. Das ist kein gutes Zeichen, nein, das ist gar nicht gut, das ist ganz, ganz schlecht! Ob die noch dicht sind, steht in der panikwabbernden Gedankenblase über seinen zu einem Fragenzeigen verdrehten Augen, während sich der Kater verwundert hinter dem Ohr kratzt und beim angstvollen Sinnieren, ob die felllosen Typen in diesem hochgradig verwirrten Zustand überhaupt noch Dosen öffnen würden, vergisst, die Pfote wieder hinter seinem Kopf runter und in die angestammte Position zu bewegen.

 

Noch ahnt der Kater nichts von Vorschlaghämmern und Kernbohrern, die am nächsten Montag die Wand im Schlafzimmer mit einer Lautstärke eines startenden Düsenjets zertrümmern und ein Wurmloch in ein angrenzendes Wohnuniversum zaubern werden. Was er vielleicht ahnt, ist, dass ihm der Weg nach Narnia für immer verschlossen bleiben wird. Und nachdem er nichts mehr zu verlieren hat, stürzt er die Russin vom Thron und wagt es erstmals in seinem Erdenleben als normaler Hauskater, im Königinnenbett zu schlafen…

 

 

 

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