Die Frage aller Fragen

May 4, 2019

 

E kann unser Treffen nicht wahrnehmen. Sie harrt in Erwartung des seit Jahren in Momenten akuter Notgeilheit unangekündigt an ihre Schlafzimmertür klopfenden Lovers. Manchmal kommt er, manchmal nicht. Und das in jeder in diesem Sinne vorstellbaren Lage. Wenn er – was öfter der Fall ist als das Gegenteil – nicht kommt, liegt das zumeist daran, dass seine Angetraute ihre sexuellen Vorrechte einfordert.

 

Mürbe und mürrisch chattet mir E seit einer Stunde mein Strohwitwenohr ab, in der Warteschleife des gedanklichen Vorspiels auf einen heißen Quickie, denn mehr geht sich selten aus. Oft nicht einmal das. Es ist auch nicht so, dass E eine der klassisch in der zweiten Reihe auf das Ausscheiden der Erstfrau Wartenden ist, um deren offiziellen Status einzunehmen. Im Grund findet sie die Konstellation ganz praktisch. Nur eben nicht, wenn sie will und er nicht antritt. Dann verfällt E in den atypischen Jammermodus. „Ehrlich, nicht dass ich ja sagen würde, ich bin ja nicht belämmert und lasse mich zum Kochen, Putzen und Hemden bügeln vergattern, weil das dann so zu sein hat. Aber wenn er seine Oide weniger begehrt als ein Hot Dog, könnte er Madame in die Pampa schicken, sich eine Putzfrau anlachen und mich mit der Frage aller Fragen in den Stand einer ehrbaren Frau erheben. Mit Ring und allem drum und dran, von mir aus auch ein Klitorisring, irgendwas Intimes halt, einfach nur ein Zeichen“, jeiert sich E – zwischen chronisch bindungsscheu und sehnsüchtiger Hoffnung taumelnd – in eine mittelschwere Depression.

 

 „Wir könnten schon beim zweiten Aperol die Steinigung und Beerdigung dieses Lebenszeiträuber hinter uns gelassen haben, aber nein, jetzt whatsAppen wir aus hundert Meter Luftlinie um den heißen Brei herum“, gebe ich ihr Saures, „und selbst wenn Schnucki dich auf Knien rutschend um deine Patschhand bittet, gäbe es nichts Verzeihlicheres, als wenn sie dir ausrutschen würde. Sagt eine, die gegen Gewalt und eine große Befürworterin der Ehe ist. Weil es mehr als nur ein Happy End ist. Weil es etwas ganz Besonderes ist, wenn man den richtigen Mann gefunden hat und ihn „meinen Mann“ nennen darf. In dem Fall ist 1+1 einfach viel mehr als 2!“

 

„Du hast leicht mit vollem Mund spucken“, kontert E, „Glücklich geschieden und postwendend frischverliebt. In einen Unbekannten aus den unendlichen Untiefen des Internets, der sein Profil hinter einem Glasmosaik versteckt. Aber lass mich dich bitte zitieren, als ich dir vor zwei Jahren von meinem Traum erzählt habe, dass du heiratest, bei einem Gewölbe an einem Bach, und da waren Ameisen. Was hast du da gesagt? Ha!?“, wittert E Potential für einen verbalen Todesstoß.

 

Ich habe keine Ahnung, wovon E spricht, doch sie klärt mich im nächsten Absatz auf.

„Wie viele Therapiesitzungen werden für den Traum notwendig sein? Sehe ich so aus, als ob ich um die Burg heiraten wollte? Und soweit ich weiß, gehören da zwei dazu, und einer davon, meist der Mann, fragt;) – Das waren deine Worte. In deiner Überzeugung nicht in diesem und nicht in jenem Leben nochmals ja zu sagen. Und so recht hast du damit, soviel Weisheit muss ich dir zugestehen, manche Fehler begeht man nur einmal, also belehr mich nicht über Traumhochzeiten und Happy Ends“, schreibt sich E in einen Erregungsstrudel, „Zu glauben, es gäbe ein Happy End, weil es Jane Austen, Prinz Charming und Hugh Grant versprochen haben, ist eine postromantische Wahrnehmungsstörung.“

 

„Du hattest übrigens recht…“, schmeiße ich schmissig zurück „wo war noch mal die Location?“

 

„Was wie? DU HEIRATEST?!“ kommt es fassungslos mit einem Nachrichtenpieps zurück, der lauter als üblich aus dem Laptop erklingt.

 

„Ja war meine Antwort, also ja!“ hauche ich in die Tasten, ohne Rücksicht auf ihre verunsicherten Gefühle, und überlasse E der von der Wahnsinnsarie der Lammermoor in der Callas Version intonierten Nachdenkpause, in der sie schweigsam und wenig guter Hoffnung dem Auftritt von Prince Charmless im Single Boudoir entgegenfiebert.

 

 

Herzinsel - on the way to Moofushi ...

 

 

 

 

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