Die Helden der neuen Normalität

Spross am See - Corona Lockdown

Damals, 2020, als das Virus grassierte, war das Leben von einem Tag auf den anderen nicht mehr dasselbe.


Noch unbeschwert besuchten wir in den Semesterferien einen alten Schulfreund, nunmehr Hoteldirektor, meiner Mum auf – yeah man! – Jamaica. Und ich durfte zwei meiner Schulfreunde mitnehmen. We had the time of our lives. Dessen wurde ich mir nochmals bewusst, als meine Mum mir zu Weihnachten das Fotoalbum dieser Woche schenkte, das ich dann meiner 90-jährigen Oma zeigte, die im Brustton der Überzeugung meinte, sie hätte das alles schon in einem Film gesehen, auf Kanal 11.


Leute, was soll ich euch jetzt über Jamaica erzählen? Es war, was wir nicht ahnten, die letzte Fernreise für eine lange, lange Zeit. Wir waren jung, wir waren zum ersten Mal als Freunde gemeinsam echt weit weg, und wir hatten unsere Freiheiten – fuhren Nachtens mit Golf Carts zum Gaming Room des Hotels, flogen tagsüber ausnahmegenehmigt Drohnen, machten Sensationsbilder, kletterten Wasserfälle hoch und sprangen von Lianen ins Blue Hole, tranken in Ricks Café Cola Zero und hatten Zero Drogen. Es war der Wahnsinn. Als wir in Montego Bay landeten, wurden zehn Passagiere namentlich aufgerufen, die das Flugzeug vor allen anderen verlassen mussten. Hauptsächlich Chinesen oder Leute, die aus der Region kamen. Corona. Vermutlich wurde es uns hier bewusst. Fliegen wird nicht mehr so sein, wie es einmal war. Nun ja, da hatten wir noch keine Ahnung, was kommen würde. Nun, das war der Anfang und noch lange nicht das Ende dieses verrückten Jahres.


Ein Monat später: Lockdown. Und, oh mein Gott: Alle hielten sich daran. Wien war eine Geisterstadt!


Es gab keine Schule mehr. Wir gingen nicht mehr außer Haus. Also ich bestimmt nicht. Wozu auch. Meine Mutter kaufte einmal pro Woche ein. Mit Maske und Plastikhandschuhen. Chips, Gummizeug und Klopapier gingen unglaublicher Weise nie aus. Sie kochte jeden Tag. Das Ritual des gemeinsamen Abendessens war ihr wichtig. Das war dann öfter die Zeit des Tages, zu der ich aufwachte. Tag und Nacht verschwammen. Von einem Tag auf den anderen war alles anders, ich, und niemand, war vorbereitet.


Eines Tages, kurz nach Mitternacht, fand ich sie im Vorzimmer, meine Mum, auf der Suche nach ihrer Ersatzbrille, weinend und fluchend, schließlich saß sie auf dem Küchenfußboden und heulte hyperventilierend in das Fell des Katers. Der Bügel ihrer Brille war abgebrochen. Ich heilte ihn mit der Heißklebepistole, was im Ergebnis optisch grausam war, aber sie weinte nicht mehr.


Mir war bewusst, dass sie sich Sorgen macht, sie arbeitete den ganzen Tag, manchmal in der Nacht, im Home-Office, auch im Büro, alleine, die meisten anderen Mitarbeiter befanden sich in Kurzarbeit. Was wir vielleicht an Aktienrücklagen hatten, schmolz derweil dahin, aber sie erfüllte mir jeden Wunsch. Sie war ruhig und zuversichtlich. Sie machte mir Frühstück am frühen Nachmittag und servierte es ans Bett. In den Osterferien – hallo, also innerhalb dieser langen, langen Ferien, die fließend in die langen Sommerferien übergingen – packte sie uns alle ein, mietete ein Haus an einem See, das an Einsamkeit, Isolation und Idylle nicht zu überbieten war. Wieder arbeite sie – es war ja egal, wo das Home-Office sich befand – und kochte. Es gab Gerichte, die das Steirereck nicht besser hingekriegt hätte, es war als ob meine Mutter um unser aller Leben kochte, um uns zu sagen: Ich bin da und solange es Essen gibt, ist alles gut. Dort, im Wald am See, lagen wir bei Sonnenuntergang gemeinsam im Out-Door-Whirlpool, sie mit einem Aperol Sprizz, und es war wie in einem Hollywood-Film der späten Fünfziger-Jahre.

Lili Back - Corona Lockdown Ostern 2020

Meine Mutter gab mir das Gefühl, dass sie unbesiegbar ist, nicht durch dieses Virus, schon gar nicht durch mich, der natürlich in der Pubertät ständig seiner Verpflichtung nachgeht, den Kampf mit ihr zu suchen, sie gab mir immer und jederzeit das Gefühl, dass alles gut ist, dass vieles so schön ist und noch viel schöner ist, was sich geändert hat, das Einfache, die Tiere, die sich ihren Lebensraum zurückerobern, das Singen der Vögel, das viel lauter zu hören war, seit es weniger Straßenlärm gab.


Mum ließ mir die Nächte, solange ich in den Tagen an den Online Schulstunden teilnahm. Jedenfalls an jenen, die meine Lehrer anboten, es waren anfangs nicht viele. In den Nächten hatten wir unsere sozialen Kontakte, trafen uns bei Rocket League oder in der Minecraft Welt, meine Kameraden und ich, wir haben viel gelacht. Es war eine verrückte Zeit. Regeln waren außer Kraft gesetzt. Wir warteten auf die neue Normalität und keiner wusste, wie die aussehen würde. Würde es noch Schularbeiten geben, Tests, Prüfungen, wie sollte man eine nicht genügende Note aus dem ersten Semester ausbessern? Aufsteigen oder nicht?


Meine Mutter schrieb ein verzweifeltes E-Mail an Stadträte und an den Bildungsminister, sie engagierte sich in Foren und sie trat für mich ein, sie schrieb sogar ein sehr böses E-Mail an meine Deutschprofessorin, die mir keine Chancen ließ. Antwort bekam sie keine. Aber ich hatte ja auch keine Antwort bekommen, über einen Monat lang, als ich die Note auf meine Schularbeit hinterfragt hatte. Es war die Schularbeit an einem der letzten Tage, als noch Schule war. Ich war krank gewesen und meine Mutter wollte, dass ich zu Hause bleibe. Ich wollte die Schularbeit schreiben und ging für diese Stunden in die Schule. Ein Fehler eigentlich, sie hatte wie immer recht gehabt. Die letzten Worte nach dem Schlusssatz meines Aufsatzes lauteten: Bitte keine 5. Exakt diese Zahl stand nun neben meiner Bitte. Bitter. Nun ja, das kann man nicht mehr ändern. Meine Mutter gibt nicht viel auf Lehrer und Noten. Sie gab mir einen Teil meines Selbstvertrauens wieder, und meinte, der deutschen Sprache kundig, nach Durchsicht, es wäre keine eins oder zwei aber auch sicher keine vier oder fünf, sie fand mein Werk durchaus befriedigend. Mum sagt: Lehrer sind Menschen, die ihr Leben lang nicht aus der Schule herausgekommen sind. Das sagt alles.


Dann war ich bis zum Sommer wohl doch noch drei (?) Wochen in der Schule. Alles ging gut aus. Was nicht zuletzt daran lag, dass sich meine Deutschprofessorin mit einem Pamphlet, das sie irrtümlich auf Teams hochgeladen hatte und darin gegen Förderung und für die Auslese und das Abschießen von Schülern eingetreten war, selbst abgeschossen hatte, was zwar keiner bemerkt hatte, außer meiner Mutter, die daraufhin ein noch wütenderes Mail an den Direktor schrieb, und damit war die Deutsch-Tante Geschichte.

Angekommen in der Perfektionsneurose | Lili Bach | Blog

Rückblickend auf den langen Sommer erinnere ich mich an die Nächte, die waren heiß, aber auch cool, die Tage verschlief ich, draußen war das Virus, da war das Virus, da wollte ich nicht hin. Mein Ma verschleppte mich dennoch in eine Therme, ich war zuvor krank gewesen, nein, nicht Corona, nur eine Magengrippe, die es in sich hatte, ich war nur unendlich müde, aber nachdem ich 22 Stunden durchgeschlafen hatte, war es schön, wir hatten Spaß. Es ist immer ein Spaß mit Ma, nur sage ich ihr das nicht immer. Aber es ist so. Sie ist meine Heldin. Wonder Woman. Und ich ihr Tony Stark. Das weiß sie. Sie verehrt Tony. Dafür verehre ich sie noch mehr. Love her 3000.


Schulbeginn im September. Neue Normalität. Was ist das? Wie lange hält es an? Herbstferien. Schon wieder Corona-Ferien. Was macht es für einen Unterschied? Schulsachen nach Hause mitnehmen, lautete der Marschbefehl schon zuvor. Und die Frage blieb: werden wir jemals wieder zurückkehren? OMG, I’m loosing track of holidays, school and distance learning…


Während des Distance Learnings stehe ich um halb acht Uhr in der Früh auf. Ma klopft und bringt Frühstück. Distance frontal Unterricht von acht bis zwei, drei, vier, fünf Uhr, dazwischen Mittagessen, Russisch Hausübungen, bis die Finger bluten, dann Abendessen. Sie scheint nur zur kochen. Vermutlich arbeitet sie auch. Meine neue (!) Deutschprofessorin hat mir ein glattes SEHR GUT auf die Schularbeit verpasst. Ich liebe sie, und meine Mum.


Übrigens, in einer der Wochen, als wir im Herbst keinen Lockdown hatten, ging Mum mit mir in die Stadt shoppen. Wir haben nichts gekauft. Einkaufen ist echt nervig. Aber sie, sie fragt mich out of the blue: „Wenn du eine Rolex wolltest, welche wäre es dann?“ Na, die Submariner, sage ich. Daraufhin schleppt sie mich zu einem Juwelier und sagt: „Wir würden uns gerne die neue Submariner ansehen“. Ich denke: dürfen wir das einfach so? Da legt mir eine Chinesin das Teil am Samttablett vor. Ich darf sie probieren, hab sie am Handgelenk. Die bekommt man in drei bis fünf Jahren, auf Warteliste, weil: Corona…! Und wenn ich die Uhr nie bekommen werde, egal, danke Mum, für den Moment, den du mir geschenkt hast, in dem ich mich wie ein Großer fühlen durfte und wusste: alles ist möglich.


Zu Weihnachten – der Christbaum schien schöner denn je – habe ich Ma selbstgebastelte Gutscheine geschenkt: 24 Stück. Für gemeinsame Spiele und für Aktivitäten, die sie sich gewünscht hat. Hallo, im Prater eine Runde Riesenrad fahren, wie langweilig ist das denn? Aber gut, wenn sie das will. Dann muss sie halt auch auf die Black Mamba, werde ich ihr schon verklickern.


Was soll ich sagen zu diesem Jahr? Mum würde sagen: Fuck you 2020. Wie konntest du es wagen, meinem Kind diesen Teil seiner Kindheit zu nehmen? 17. Geburtstag. Fuck. Lockdown. Halloween. OMG war die Party letztes Jahr Klasse. Fuck. Lockdown. Erste Begegnungen. Erste Liebe. Neue Erfahrungen. Ausgehen. Kino. Konzerte. Partys. Klassenreisen nach St. Malo und Rom. Zeichne es dir auf! New Year. Fuck. Lockdown.


Sie zeigte mir ein Video der Deutschen Bundesregierung und sagte, ich sei ein besonderer Held. Helden unserer Zeit fassen all ihren Mut zusammen und tun das einzig Richtige: Nichts! Sie sind faul wie die Waschbären, bleiben auf ihrem Arsch zu Hause und kämpfen an der Couchfront gegen die Ausbreitung des Virus.


Und was sage ich? Ich weiß es nicht. Ich habe es ja nicht erfahren, was ich versäumt haben könnte. Es fehlt mir nichts. Sie war für mich da. Ich bin glücklich. Sie lässt mich glücklich sein und nimmt mich, wie ich bin. Allein. Verloren. Verunsichert. Dauermüde. Aufgefangen. Nicht ausgebrannt. Zuversichtlich. Mit ihr nehme ich jede Welle, alles was kommt. Und es wird gut. Es ist gut.


Happy New Year! Welcome 2021!



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