Lionel Messi oder die verpasste Begegnung mit Gott

July 27, 2014

Nie wieder ein Wort über Fußball. Ich weiß. Habe ich versprochen. Aber ich bin Gott begegnet. Jedenfalls beinahe. An unserem vorletzten Abend auf Capri. Die Fußball-WM und die wehmütigen Gedanken an die argentinische Niederlage haben mein Spross und ich hinter uns gelassen und genossen den restlichen Urlaub fußballfrei. Bis auf Fifa14 und Final Kick am iPad. Capri ist wirklich speziell. Wir hatten ein ruhig gelegenes Hotel oben in Anacapri mit grandiosem Blick auf den Golf von Neapel samt Vesuv. Das Nachtleben spielte sich relaxt und kindgerecht ab. Sohnemann wünschte aus Gründen der Bequemlichkeit des Abends zumeist im Hotel zu speisen, ich aus Gründen des Inselflairs und der Geldbeutelschonung durchaus auch in den netten Lokalen auswärts. Wir einigten uns auf drei Abende Hotel und drei Abende auswärts, wobei ich festlegte, dass dies der erste, vierte und sechste Abend sein würde, jedenfalls der letzte und somit zwischen dem letzten und vorletzten Mal Hotelrestaurant ein Auswärtsessen eingeplant wird. Es kam erstaunlicherweise keine Widerrede. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

An besagten, schicksalhaften, vorletzten Abend kommen wir gegen elf Uhr satt aber noch nicht müde zurück und lassen uns auf einen Schlummertrunk auf der Hotelterrasse nieder. Ich schwelge bei einem Glas Brunello mit Aussicht auf die Lichter der Küste und Yachten und der Spross chillt bei einem rumfreien Mochito und einer Runde Final Kick. Salvatore, der Kellner, lugt über seine Schulter und sieht zu, wie Messi einen Elfer verwandelte. „Ah, Messi, er war heute hier“, sagt er mit noch verklärten Augen. Panik. Hier? Wo hier? Während wir im Ristorante Da Gelsomina – nomen est omen – Gelsen erschlagen haben? „Im Restaurant, hat hier gegessen mit neun anderen Leuten“, so Salvatore stolz. Ich glaube ihm das keine Sekunde, doch Salvatore zückt beleidigt sein Handy und präsentiert uns eine Reihe Selfies mit Lionel. Mein Spross ist hin und weg und besinnt sich sofort darauf, dass es meine Idee war, ausgerechnet heute nicht im Restaurant Gottes zu essen. Bin leicht verzweifelt, halte es zwar aus, die illustre Begegnung verpasst zu haben, habe aber schlechtes Gewissen, weil mein Süßer die Gelegenheit, sein Idol leibhaftig zu treffen, vermutlich nie wieder bekommen wird. Der rechnet sich bereits den Verlust an Einnahmen durch potentielle Verkäufe eines Messi Selfies in seiner Klasse aus und drückt eine Träne weg. Bin schlechte Mutter, hätte das besser planen müssen.

Zur Schadensbegrenzung flehe ich Salvatore an, mir sein Messi Foto auf mein Handy zu schicken. Es gibt Verbindungsprobleme und Salvatore kidnappt mein Handy, um sich in Ruhe mit der Übertragung zu befassen. So, jetzt ist alles Weg. Messi und mein Handy auch noch. Salvatore kommt unverrichteter Dinge wieder und verlangt meine E-Mail Adresse, er wird das Foto mailen. Bin kurz misstrauisch, aber angesichts der Tatsache, dass Salvatore auf dem Foto einen Kopf kleiner als Messi und in Natura zwei Köpfe kleiner als ich ist, muss ich wohl kein Stalking befürchten. Der Spross ist noch misstrauischer und fordert mich auf, ich solle zumindest den Teller besorgen, von dem Lionel Fußballgott Messi gegessen hat. Am besten ungewaschen. Nein, die schlechte Mutter macht das nicht, außerdem ist der Teller sicher schon gespült und kein Rest von Messi-Essen mehr darauf zu finden. Ich überrede ihn unter Hinweis, dass er nicht undankbar sein soll (immerhin hat er schon mit José Mourinho gefrühstückt und sein Selfie mit Rudi Käthe Völler selbst vereitelt), über den geweihten Boden, den Messi kurz zuvor betreten hat, Richtung Bett zu schreiten, wo er dann bald einschläft. Um drei Uhr früh ein WhatsApp von Salvatore. Das Foto ist da! Am Morgen googeln wir die göttliche Erscheinung nach, um sicherzustellen, dass es wirklich Messi und kein Fake war. Überall Fotos von Gott auf Capri. Sogar eines an unserem Pool und noch eines von seiner Yacht. Ein Blick von der Terrasse auf das 300 Meter unter uns liegende Meer zeigt uns eben jene Yacht. Der Spross und ich fühlen uns Gott nahe.

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