Ein Whiskey in Ehren

December 4, 2015

 

Wie ich schon ein oder zweimal ganz beiläufig erwähnt habe, war ich - in so jungen Jahren dass es sich fast wie in einem anderen Leben anfühlt - beim Film. Natürlich verbringt man nicht immer eine heiße Nacht mit Hardy Krüger auf einer kalten Kellertreppe, nichtsdestotrotz ist die Zahl der Anekdoten aus dieser Zeit Legion. Meine unglamouröse Aufgabe am Set bestand meist darin, die von meiner Agentur vermittelten Komparsen im Zaum zu halten, was sich – bei den widrigen Verhältnissen, welchen die armen Menschen oft ausgesetzt waren einerseits und deren Starallüren andererseits – schwierig gestalten konnte. Eine durchaus illustre Zusatzaufgabe habe ich mir unfreiwillig eingetreten, als im Palais Kinsky Szenen des amerikanischen Films „War and Remembrance“ gedreht wurden.

 

Mit einem Glas Apfelsaft in der Hand drängte ich mich am ersten Drehtag durch die in alle Richtungen wuselnde Schar von Filmleuten und hielt nach einer ruhigen Ecke Ausschau. Dabei rempelte mich unsanft ein breit gebauter Mann mit faltigem Dackelgesicht an. Es war nicht das Lichtdouble, sondern Robert Mitchum himself. Der berühmte Filmstar schwankte unsicher, ebenfalls ein Glas mit brauner Flüssigkeit in der Hand, und sah mich irritiert an. ‚Nicht auszuhalten, ich hau den Hauptdarsteller um, wie komm ich aus dieser Peinlichkeit wieder raus‘, schoss es mir durch den Kopf. Robert Mitchum stabilisierte sich unglaublich schnell wieder, fasste mich am Arm und schleifte mich zu seiner Loge. „Ah“, schlurrte er undeutlich, „Sie trinken meine Marke! Lassen Sie uns einen zusammen heben.“ Ich erwog ihm vom Apfelsaft zu erzählen, ließ es aber doch bleiben. Nachdem wir unseren ersten gemeinsamen Drink ex gekippt hatten, schenkte Robert mir nach. Dieses Mal war es Whiskey. Es war zehn am Vormittag und es war wohl nicht seine erste Flasche. Von hinten raunte mir Dan, der Regisseur, ins Ohr, „Was auch immer Du mit ihm machst, in einer Stunde muss er noch stehen können.“ Alle Verantwortung ruhte auf meinen zarten Schultern. Irgendwie habe ich es hinbalanciert, dass Robert den Auftritt unfallfrei schaukelte und sich anschließend in seinen Trailer zurückzog. Im Ernst, er hatte mitten auf der Freyung einen Wohnwagen stehen. Das macht die wahren Superstars aus. Am nächsten Tag eilte mir Dan schon bei meinem Eintreffen um sechs Uhr am Morgen entgegen. „We have a problem“, kam er unverwandt zur Sache, „Mr. Mitchum will nicht in die Maske. Er fragt ständig, wo sein Mädchen ist. Könntest Du vielleicht?“ Ich konnte. Vorsichtig warf ich ihm ein Hölzchen, „Ein Glas in Ehren?“ „One is never enough“, stimmte Robert an und hätte auch als Tenor durchgehen können. „Wir trinken uns mal zur Garderobe vor, machen eine kleine Pause in der Maske und dann drehen wir eine Ehrenrunde über das Set. Nicht schrecken, es könnten Kameras da sein, aber die beißen nicht“, versuchte ich ihn zu locken. „That’s my girl“, klopfte mir Mitch jovial auf die Schulter, „nicht diese faden Saufkumpanen. Das nenne ich Stil! Have a cigar!“ Bald waren wir ein eingespieltes Team.

 

So brachten wir gemeinsam zwei Wochen über die Bühne. Länger hätte ich es auch nicht ausgehalten. Ich sah aus wie ein Wrack, mit dunklen Augenringen bis über die blassen Backen, meine Freunde empfahlen mir besorgt eine Entziehungskur, weil ich zumeist schon mittags meine Aussprache nicht mehr unter mittelhochdeutscher Kontrolle hatte. Für den Rest meines Lebens habe ich keinen Whiskey mehr angerührt. Im Nachspann ist mein Name nicht erwähnt, obwohl ich es mir redlich verdient hätte.

 

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