Merry Groundhog Day

December 23, 2015

Morgen ist Weihnachten. Ich hoffe, ihr hattet ausreichend Atem, die Vorweihnachtszeit ein wenig oder hoffentlich mehr mit Kinderaugen wahrzunehmen, hin und wieder die allgegenwärtige Hektik auszublenden, inne zu halten und mit dem Herzen die Stille zu genießen. Den Vanilleduft der Kerzen zu inhalieren, Wärme zu spüren, den Blick nach innen zu richten. Vor Weihnachten teilen sich die Menschen in zwei Lager: jene, die schon im Oktober alle Geschenke haben und jene, die am 23. Dezember eine Panik-Attacke kriegen, bis zum nächsten Vormittag hechelnd die letzten Besorgungen erledigen – und vor und nach der Bescherung die Mails des Chefs beantworten. Manchmal habe ich die Befürchtung, ich gehöre wohl schon lange zu den Letzteren. Leider.

 

Doch es ist nie zu spät dem Zauber von Weihnachten zu erliegen.

 

Wenn ich mir heute etwas wünschen darf für das nächste Weihnachten, so ist es Zeit. Zeit, um Kekse zu backen, auch wenn sie keiner isst, nur um den schoko-zimtigen Duft der Sehnsucht zu atmen. Zeit um Freunde zu treffen. Zeit um Geschenke rechtzeitig und ohne Eile oder einfach im Internet zu kaufen. Zeit für mich alleine, weil ich es mir wert bin. Zeit ins Kino zu gehen und "Love actually" anzuschauen. (Im Übrigen der wunderbarste Weihnachtsfilm ever, wo kein Auge trocken bleibt, wenn 'Mr. Darcy' seinen Heiratsantrag auf Portugiesisch vorträgt!) Zeit um in mich zu horchen. Zeit zu weinen, zu lachen und ein gutes Glas Wein zu trinken. Zeit um dankbar für das Leben zu sein und die Freude darüber an andere weiter zu geben.

Ich wünsche mir, dass sich die Menschen mit weniger Misstrauen begegnen und Fremde offen in ihr Herz und Leben lassen, dass sie einfach nur so jemanden freundlich grüßen, den sie gar nicht kennen, dass sie einander grenzenlos mit Güte, Herzlichkeit, Vertrauen, Verzeihung und Liebe überraschen.

 

So wie die Menschen vor Weihnachten in zwei Arten gespalten sind, sind es unsere Seelen von Geburt an. Gerade in diesen Tagen der funkelnden Lichter allenthalben fühlen wir uns oft besonders verletzlich und verloren und es wird uns bewusst, wie sehr wir unsere zweite Seelenhälfte vermissen. Ich wünsche euch allen, einem Menschen sagen zu können: du weißt es vielleicht noch nicht, aber du bist mein zweiter Teil, mein anderer Seelenteil, und ich lasse dich nicht mehr gehen; denn wie viele tausend Jahre sollen wir noch blind aneinander vorbeilaufen? Alle Suchenden mag der Gedanke trösten, dass es vielleicht gar nicht das Ziel ist, dass sich die Seelen in einem Leben wieder in Liebe vereinen. Vielleicht sollen sie nicht einander, sondern nur Trost und Geborgenheit finden, im Vertrauen darauf, dass sie einfach da sind in ein und derselben Welt.

Bis nächstes Weihnachten wünsche ich allen, die noch an die große Liebe des Lebens glauben, den Mut etwas zu riskieren. Dabei werden wir oft scheitern, enttäuscht werden, desillusioniert. Aber wenn wir nie aufhören, nach unserem anderen Seelenteil zu suchen, werden wir ihn am Ende finden.

 

Morgen ist Weihnachten, und ich freue mich auf die Lichter, die Kerzen, den Geruch des Christbaums, das Glänzen in den Augen meines Sprosses. Ich freue mich, dass meine Mutter mit uns feiert und in unseren Gedanken und Herzen ist auch mein Vater bei uns, der schon das zweite Weihnachten im Himmel ist.

Weihnachten ist mein Murmeltiertag, der mich daran erinnert, weniger abzuwägen und mehr umzusetzen. Zu träumen, aber auch zu wagen.  Hätten wir einen Tag, an dem wir alles wiederholen könnten, so lange bis es perfekt ist, wir würden diesen Tag immer und immer wieder leben wollen; Fehler machen und erkennen, Fortschritte und Rückschritte, Menschen Freude bereiten, unsere Feinde umarmen, weniger auf uns selbst als auf andere achten, weniger misstrauen und mehr vertrauen, weniger verlangen und mehr geben, weniger reden und mehr zuhören, auf 365 verschiedene Arten ‚Ich liebe Dich‘ sagen. Aber wir haben ihn ja, den Murmeltiertag, das ganze Jahr lang … bald beginnt ein neues Jahr und wir können jeden Tag von vorne anfangen, zum Telefon greifen, ein Mail schicken, die richtigen Worte finden, uns entschuldigen, verzeihen und am Ende des Tages – vielleicht – unser Glück finden.

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