Gynäkologische Betrachtungen

February 26, 2016

 

Nachdem ich alt genug war, mir den für meinen Intimbereich zuständigen Arzt selbst auszusuchen, gab ich Dr. W., den mir meine Mutter vererbt hatte, ohne launige Abschiedsworte den Laufpass und suchte mir einen weiblichen Gynäkologen aus. Frau Dr. K. war sehr redselig und sehr streng. Ihre Gesprächsthemen handelten nie von der Gesundheit meines Unterleibs, sondern drehten sich um vergangene und zukünftige Urlaube und um das Studium ihrer Tochter. Wir versorgten uns gegenseitig mit Tipps über die angesagtesten Hotels in aller Welt, wo man garantiert syphillisfrei urlauben kann. Sie begleitete mich durch meine völlig problemlose Schwangerschaft und war rührend um mein Wohlergehen besorgt. Bereits im dritten Monat prophezeite mir Dr. K. eine Frühgeburt und untersagte Sport jeder Art. „Sie müssen sich schonen, meine Liebe“, knauerte die Primarin mit kehliger Stimme, „dann schaffen wir es über die 20. Woche“. Ich glaubte ihr kein Wort, joggte weiter, bezwang mit Sechsmonatsbauch den Cross Trainer und durchpflügte das Schwimmbad noch im neunten Monat. Die Schwangerschaftsdiabetes, die ich ihrer Meinung nach entwickelt hatte, bewahrte mich wenigstens vor unkontrollierter Gewichtszunahme. Und selbst diese führte nicht zur ständig an die Wand gemalten Frühgeburt. Eine Woche vor dem Termin erklärte mir Dr. K., sie könne es für die Gesundheit des Babys nicht verantworten, es noch länger im Leib seiner Mutter zu belassen und leitete unter heftigem Protest meinerseits die Geburt ein. Dr. K. blieb an meiner Seite bis zum Morgengrauen und als sich endlich auch mein Sohn nach sechzehn Stunden ihren Wünschen beugte und zur Welt kam, schnappte Dr. K. ihre Reisetasche und verkündete, dass sie nun aber schnell mal nach Mauritius müsse. Daher also wehte der Wind. Eine Woche früher oder später Mutter sein, ist zwar schon egal, aber ich verzieh ihr nie, dass sie recht behalten wollte und ich ihr nicht beweisen konnte, dass mein Kind eigentlich gedachte frühestens zwei Wochen nach dem Geburtstermin zu erscheinen.

 

Heute vertraue ich ganz und gar auf Dr. H. Er ist ein Mann und ein ganz entzückender noch dazu. Als ich ihn das letzte Mal routinemäßig aufsuchte, bat er mich persönlich zu sich in die Ordination. Die Sprechstundenhilfe saß hinter ihrem Schreibtisch. Dr. H. hatte ein Klippboard in der Hand und bedeutete mir näher zu treten. „Sie sehen wunderbar aus“, sagte er forsch mit dem Klippboard wedelnd und wollte es auf den Tresen der Sekretärin werfen. Der Wurf geriet leicht außer Kontrolle und Dr. H. traf die Arme an der Stirn. Er entschuldigte sich errötend bei mir, nicht bei ihr, mit den Worten: „Sie bringen mich schon wieder ganz durcheinander“. Wir sprechen auch nie über Urlaube, Restaurants und andere Frauenthemen. Das persönlichste, was Dr. H. zu wissen verlangt, während er in mein Innerstes blickt, ist zumeist, „Und, wie läuft‘s so an der Front? Haben Sie noch einen Kinderwunsch?“ Ich kann ihn dann in allen Belangen beruhigen, „An der Front herrscht Geschlechterkrieg und für Kinder fehlt es an potentiellen Vätern, die nicht selbst im Kindergarten stecken geblieben sind“.

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