Edgar

March 25, 2016

 

Der 27. März vor neun Jahren war ein warmer, sonniger Frühlingstag. In der Mitte dieses Tages, unter dem strahlend blauen Himmel trat mein treuester Freund seinen letzten Weg an. Sein Name war Edgar, er war mein Erstgeborener und er wurde 14 Jahre alt. Ein beachtliches Alter für einen Hunderiesen. Sein letztes, geschenktes Lebensjahr nahm Edgar mit viel Freude an, trotz der Erblindung aufgrund einer Tumorerkrankung. Zu der Zeit weinte ich viel. Mein damals zweijähriger Spross fragte mich während eines Spaziergangs, bei dem sein „großer Bruder“ blind aber sicheren Schrittes neben ihm her trabte, wann der Edgar weggeht. Auf meine erstaunte Nachfrage, wohin er denn gehen sollte, sagte der Knirps aus dem Kinderwagen heraus, als ob es das Normalste auf der Welt wäre: "In den Edgar-Himmel. Es gibt doch einen Hundehimmel?" Da musste ich noch mehr weinen.

 

Nach dieser Frage hatte ich einen Brief geschrieben und alle schönen Bilder in Worten festgehalten, wie wir unseren Hund in Erinnerung behalten wollten, wenn er wirklich eines Tages in den Edgar-Himmel zu den großen alten Wölfen gehen würde. Und es war absehbar.

 

Dass das für die geneigten LeserInnen dieses Blogs gänzlich uninteressant ist, ist mir bewusst, doch heute ist Edgar Memorial Day und dieser Blog gehört dem neben Hachiko und Krambambuli großartigsten Hund aller Zeiten, Edgar, …

 

• der mich auserwählt hatte, indem er sich – etwa eineinhalb Jahre alt und ausgewachsen  - im Tierschutzhaus auf die Hinterbeine stellte, eine Pfote auf meine Schulter legte und die andere in meine Hand, mich auf Augenhöhe ansah und meine Finger durch die Gitterstäbe ganz langsam und zart abschleckte. Er bellte nicht, er winselte nicht, der sanfte Riese hatte mich ganz still eingenommen.

 

• Edgar, der am 14. Jänner 1995 im Hof und Garten meiner schockierten Eltern im Schnee wie ein Wahnsinniger von hinten nach vorne und wieder zurück preschte und seine Freiheit nach Monaten in der Tierheimzelle nicht fassen konnte.

 

• Edgar, von dem ich dachte, er wäre stumm. Fast ein ganzes Jahr dauerte es, bis er sich getraute, seine gewaltige, tiefe Hundestimme zum Ausdruck seiner Gefühle einzusetzen. Und er hatte viele Stimmen.

 

• Edgar, der ausnahmslos jedes Familienmitglied mindestens einmal umgerissen und an der Leine hinter sich her geschliffen hatte.

 

• Edgar, der so stur, wild und ungezügelt war, dass er die Begleithundeprüfung 1 erst beim dritten Mal und nur mit zugedrückten Augen des Prüfers bestand.

 

• Edgar, der jedes Mal im wilden Galopp vom Parkplatz der Donauinsel lospreschte und mitten ins Wasser platschte, und dem nur mit dem Fahrrad nachzukommen war. Nicht selten wälzte er sich bei diesen Ausflügen genüsslich in Fischkadaverresten; an jenen Tagen war ich froh, ein Cabrio zu fahren…

 

• Edgar, der am Donauradweg nach Klosterneuburg links vom Weg abbog, den Bahndamm überquerte und dahinter mit einer Herde Pferde fangen spielte.

 

• Edgar (55 Kilo!), der am G‘spöttgraben ein Reh jagte, alleine nicht mehr aus einem fremden Garten kam und von mir über den Zaun gehoben werden musste. Das Reh hatte ihn von der anderen Seite des Weges ausgelacht.

 

• Edgar, der regelmäßig in den Weingärten verschwand, wenn ich längst im Büro hätte sein müssen, und trotz meinen entnervten Rufen erst wieder kam, wenn er wollte, manchmal nach Stunden.

 

• Edgar, der im Garten eine Katze erlegte. (Oma verließ für Wochen nicht mehr das Haus, aus Angst, die Katze könnte Nachbarn gehört haben.)

 

• Edgar, der aus unerfindlichen Gründen eine halbe Stunde lang einen Kübel belauerte, um dann einen herausfliegenden Spatz zu fangen. (Die Anzahl der gefangenen Mäuse, Spinnen und sonstigen Kriechtiere kann ich nicht mehr genau wiedergeben…)
 

• Edgar, der am Land mit einem zweiten Hund ausbüchste, zielorientiert den nächsten Hühnerstall fand und mir ein Suppenhuhn bescherte, das zu Lebzeiten goldene Eier gelegt haben musste, für den Preis, den der Bauer mir abknöpfte.

 

• Edgar, der immer einen Weg aus dem Garten fand, um seine Hundefreunde in der Umgebung oder auch gerne mal den Heurigen Weihrauch zum Bratenschmaus zu besuchen. Als er eines Tages mit einem riesigen 8-Kilo Braten im Maul, den er kaum tragen konnte, heimkam, verriet mir den Heurigenbesitzer später schmunzelnd (er war ein netter Kerl…), dass Edgar wohl schon drei ganze Bratenstücke vor Ort verdrückt und den vierten für später mit nach Hause genommen hatte.

 

• Edgar, der wieder einmal ausgerissen war und von mir in stop-and-go Manier mit dem Auto verfolgt wurde (Anfahren, Hund läuft weg, hinterherfahren, Hund bleibt stehen, Tür öffnen und einsteigen brüllen, Hund läuft weiter und so weiter und so fort).

  

• Edgar, der beim Nachtspaziergang kommentarlos einen Frosch von der Straße aufschnappte und schmatzend zerkaute(iiiigittt!), so dass die Schenkel links und rechts wegflogen.

 

• Edgar, der jeden entgegenkommenden Jogger wie seinen ältesten Freund begrüßte und umarmen wollte. Sobald ich einen schnelleren Schritt einlegte, musste er zwanghaft ständig an mir hochspringen. Trotz dieser anfänglichen Unsitten, wurde  Edgar mein treuester Laufbegleiter auf allen Strecken.

 

• Edgar, der seine schönsten Urlaube mit seinem Hundefreund im Seehaus in Velden am Wörthersee verbracht hatte (mit Lieblingsplätzen auf der Strandliege, in der Erdhöhle oder hinter dem Kanu), wo es sich so herrlich Schwäne ärgern ließ. Edgar liebte Wasser, allerdings nicht das Schwimmen. Mit einem Stück Schinken ließ er sich sogar so weit ins Wasser locken, dass er den Grund unter den Pfoten verlor und an der Leine schaffte ich es, ihn schnaufend hundert Meter Richtung Seemitte zu lenken. Das Schwierigste war, den Hund dort abzuleinen, ohne ersäuft zu werden. Dann schoss er so schnell wie ein Torpedo zurück ans Ufer und schüttelte indigniert seine gesamte Umgebung nass.

 

• Edgar, der im winterlichen Garten ein riesiges gefrorenes Stück Fett fand und sich auch nicht von Oma, Opa, Onkel Hans und Herrn Hruschka daran hindern ließ, es in einem runter zu würgen (drei Tage und Nächte Durchfall…).

  

• Edgar, der in den vereisten Teich im Garten einbrach und sich das Kreuz verriss.

 

• Edgar, der in einem Innenstadtlokal eine Runde Spareribs essender Russen mit hungrigen Blicken betörte, und sicher den Großteil aller Spareribs abbekam. Die Russen schimpften liebe- wie vorwurfsvoll: „Du Chast Chein Chewissen!“

 

• Edgar, der eine Frau in den Finger gebissen hatte, als sie versuchte, ihm ein Meisenknödel zu entreißen, das er im wahrsten Sinne en passant bei einem Geschäft mitgehen hatte lassen. (Bei Meiselknödeln verstand er keinen Spaß…)

 

• Edgar, der meinen Spross wie seinen eigenen Welpen angenommen hatte und ihm sogar die schlimmsten Grobheiten nachsah.

 

• Edgar, der mich vor einem außer Kontrolle geratenen Kampfhund beschützte, der sich daraufhin in seine Kehle verbissen hatte. Zum Glück hatte Edgar seinen verhassten Beißkorb auf, und der Stafford erwischt nur das über den Hals reichende Eisengestell. (Beißkörbe für Hunde dieser Größe gab es nur im Format 'Hannibal Lector' aus Eisen, und er musste ihn nur kurze Zeit tragen, hauptsächlich um ihn vor sich selbst und seiner Neigung zu schützen, alles Fressbare wie ein Staubsauger von der Straße und aus Büschen zu inhalieren. Man glaubt ja nicht, was die Leute alles in Büsche werfen … ich lag durchaus schon mit meinem Hund am Boden und kämpfte darum, ihm ein halbes Huhn aus dem Maul zu entreißen.) Abends kauerte Edgar bei mir auf der Couch, eher auf meinem Schoß, und war immer noch ein zu Tode verängstigtes, zitterndes Bündel Riesenhund. So schliefen wir dann gemeinsam ein.

 

• Edgar, der im Juli 2004 fast an einer Magendrehung gestorben wäre und schon wenige Wochen später in Kärnten auf die höchsten Berggipfel stieg. An der Stelle einen ewigwährenden Dank an die Tierklinik Währing, deren Rufbereitschaft habender Tierarzt zusammen mit einem zufällig in seinem Haus beim Abendessen weilenden, befreundeten Tierarzt aus Israel an einem Sonntag mit einer Notoperation ein Wunder vollbracht hatte.

 

• Edgar, der nach seinen Flegeljahen zum  folgsamsten Hund geworden war, den ich jemals hatte. Wenn er wollte. Denn er hatte seinen eigenen Kopf und einen ungebrochenen Charakter. Das war gut so.

 

An Edgars letzten Tag, als wir uns zu einer Untersuchung aufmachten, er blind aber selbstbewusst – eine Leine brauchten wir schon lange nicht mehr, meine Stimme, eine kurze Berührung meiner Hand und eine leichte Tuchfühlung an meinem Oberschenkel waren ihm Orientierung genug – an meiner Seite, seit zwei Tagen trotz Morphium schmerzerfüllt, und an den Moment, als mein Lebenshund nach dem Röntgen noch in Narkose lag, der Arzt sagte, dass der Tumor nun auch in den Hinterbeinen wäre, und ich schweren Herzens entschied, ihn in Ruhe schlafen zu lassen und vor der Würdelosigkeit zu bewahren, die nur meinem Unvermögen ihn loszulassen dienen würde, an diesen Moment versuche ich nicht oft zu denken. Aus diesem Grund habe ich den Brief geschrieben. Briefe zu schreiben, ist ein befreiendes Mittel, sich von Gefühlen der Traurigkeit und des Schmerzes zu lösen, Negatives der Vergangenheit zu überlassen, das Schöne in Erinnerung zu behalten und glückliche Gedanken in die Zukunft zu richten.

 

Es ist ein wenig tröstlich, dass die Wiesen im Hundehimmel immer grün sind und dieser Tag Ende März so traumhaft sonnig war. Noch immer fühle ich, wie warm sein Fell war, als wir gemeinsam den letzten Spazierweg gingen.

Diese Sonnenstrahlen hat Edgar sich verdient. Diesen Blog ebenfalls.

 


 

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