Tausche Alkomat gegen Ex

April 8, 2016

 

Unter den Millionen von Dingen, die uns von ganzem Herzen gestohlen bleiben können, gibt es ganz wenige, die die Welt zu einem angenehmeren Ort machen würden. Eine sinnstiftende Erfindung wäre etwa der Einbau von Alkomaten in Mobiltelefone, so dass sich die Atomwaffe für Arme erst entsperrt, nachdem der Benutzer positiv auf seine promilleabhängige Zurechnungsfähigkeit getestet wurde. Wer morgens schon einmal panisch WhatsApp oder E-Mail Ordner nach ausgekommenen Unflätigkeiten oder weinschwangeren Liebeserklärungen durchforstet hat, weiß wovon ich spreche. Bei dieser Gelegenheit ein wohlgemeinter Rat: never, ever, niemals, unter gar keinen Umständen und vor allem nicht unter Einfluss von rührseligen Songs zusammen mit Rotwein das Handy, das Mailprogramm oder Facebook benutzen. Wer vereinsamt, emotional verwahrlost, in depressivem Selbstmitleid und in von der Gesamtsituation unbefriedigter Grundstimmung versunken ist, möge bitte vor dem Entsichern der Flasche die Haushaltsleiter holen, das Handy im obersten Fach des Bücherregals verstecken und dann erst weitertrinken. Es ist gar nicht so schwer, sich einen Rest von Würde in der halböffentlichen Wahrnehmung zu bewahren; macht das nicht leichtfertig zunichte…

 

Und nun zu den Dingen, die wir alle so dringend brauchen wie eine Birkenpollenallergie, also etwa Fotos von Kontakten am Handy. Man kann es nicht oft und nachdrücklich genug herausschreien: bitte speichert keine Fotos zu Handykontakten, außer es sind eure Kinder. Menschen, die in ihrem Handy jedem Kontakt ein Foto zugeordnet haben, sind mir sowieso hochgradig suspekt. Dabei bin ich überzeugt, dass es sich vor allem um jene Leute männlicher Spezies handelt, die es verabsäumen rechtzeitig die Haushaltsleiter zu benutzen, bevor sie sich betrinken und mir bei Vollmond bedenkliche Nachrichten senden. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr. Jedenfalls kann ein Foto, das bei einem Anruf am Handy aufblinkt, zum vorprogrammierten Super-GAU werden; das lächelnde Konterfei des Liebhabers, wenn der Ehemann das Handy im Blickwinkel hat, zu peinlichen Fragen führen, die eine einvernehmliche Scheidung durchaus ungünstig beeinflussen könnten. Aber selbst als Single sollte man sich nicht gehen lassen und im ersten Liebesrausch einer aufblühenden Beziehung, wo man für unsinnige Fehlprogrammierungen anfällig ist, unbedacht ein Foto des Traummannes im Mobilspeicher hinterlegen. Während einer später eintretenden Eiszeit ist frau entweder zu mürbe oder technisch zu unbegabt, um das Bild des Grauens wieder zu löschen. Zudem geht man nach einer Trennung ohnehin davon aus, dass das Handy nie wieder glühen wird und vergisst nachlässigerweise auf die Speicherbereinigung. Daher an dieser Stelle ein zweiter, erstgemeinter Rat: wenn frau sich von einem Mann trennt, sollte sie es mit allen Konsequenzen tun, also mit der ultimativen Entfernung aus allen Lebensbereichen. Das bedeutet vor allem aus dem Handyspeicher. Denn es wird der Tag kommen, an dem er wieder anruft. Und wenn er sich nur verwählt hat, wenn er seine Lieblingssocke wieder haben will oder wenn er auf der Suche nach einer unkomplizierten, schnellen Nummer schlicht das Kontaktverzeichnis durchprobiert. Wollen Sie dann noch das Gesicht zu der Zumutung sehen? Na eben, das dachte ich mir!

 

Damit wären wir zu guter Letzt bei Punkt drei der Dinge, die wir nicht brauchen und die nichts in unserem Handyspeicher verloren haben, nämlich alles was mit Ex beginnt und mit Mann oder Freund endet. Als kürzlich ein Ex-Lebenszeiträuber, den ich vor geraumer Zeit ohne Zaudern meines Lebens verwiesen hatte, unvermutet mein Handy vibrieren ließ, geriet ich in ungewohnte Panik. Was tun mit dem schrillenden iPhone, das sich urplötzlich wie eine Klapperschlange anfühlt? Aus dem Fenster werfen? Der irritierten Kollegin in die Hand drücken mit dem Auftrag, sie solle wahlweise ausrichten: ich meete gerade, ich hätte ein Schweigegelübde abgelegt, ich sei nach Australien ausgewandert oder ich wäre unerwartet dahingeschieden? Oder abheben und etwas Eloquentes stottern? Oder abheben und unter halbherzig entschuldigenden Worten das Tourette-Syndrom vortäuschen? Oder abheben, so tun als hätte man seine Stimme noch nie gehört und halsstarrig darauf bestehen, dass man kein Zeitungs-Abo will? Läuten lassen und zurückrufen ist auch eine Option für Feiglinge, bloß was sagt man dann und wann ist der geeignete Zeitpunkt für einen Rückruf? Fünf Minuten, drei Stunden, eine Woche, ein Jahr? Nachdem ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, war die einzig richtige Erkenntnis gar nicht so schwer. Es gibt keinen Zeitpunkt für Rückrufe an Ex-wasauchimmersiemalwaren, die einem das Leben zur Hölle gemacht haben. Daher löschen, sofort, jetzt, gleich nach der Lektüre dieses Blogs! Forsten Sie ihre Handykontakte durch und löschen Sie alles, was Ihnen Kopfschmerzen und Unwohlsein in der Magengegend bereitet. Gut, die Schwiegermutter, den Chef und den Bankkundenbetreuer vielleicht nicht. Ansonsten gilt ausnahmslos gnadenloses Deleting.

 

Ich habe seitdem übrigens eine vorprogrammierte Antwort-SMS für Anrufer, die ich nie, niemals, jamais, never ever wieder sprechen will: Der Teilnehmer ist emotional nicht verfügbar. Nachrichten werden nicht abgehört und automatisch vom Systemadministrator gelöscht.

 

 

 

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