Amanda

June 17, 2016

 

Mit zwei Dingen tun wir uns oft verflixt schwer: Fragen und Vertrauen. Eine Frage zu stellen, beinhaltet sich gleichzeitig der Gefahr einer Zurückweisung auszusetzen, ein Nein als Antwort zu erhalten. Na und? Ein Nein ist nur eine von vielen Optionen, die man von vorne herein dem Gefragten zugestehen muss, ohne enttäuscht zu sein. Mit dem Vertrauen verhält es sich ähnlich. Man räumt einem anderen Menschen das Pouvoir ein, einem Verletzungen zuzufügen und vertraut darauf, dass dies nicht geschieht. Fragen hat viel mit Vertrauen zu tun.

 

Mit Fragen und Vertrauen habe ich mir nie leicht getan. Bis ich letzten Sommer ein recht unorthodoxes Buch über diese Künste las. Seitdem stelle ich Fragen ohne Furcht vor den Antworten, ich höre auf mein Gefühl und vertraue ohne Angst vor Verletzungen. Seitdem ist viel passiert und das verdanke ich Amanda Palmer. Amanda ist eine Göttin. Sie muss es sein, denn ihr Mann Neil Gaiman vergöttert sie. Und er ist als Schriftsteller zumindest ein Halbgott. Ich bin ja bekannt für meine romantische Ader, doch die moderne Love Story der beiden muss man einfach lieben.

In Kurzfassung: Der Musiker Jason Webley schlägt Amanda vor, Texte ihres gemeinsamen Albums im Stil eines Radio-Hörspiels von Gaiman überarbeiten zu lassen und als dieser zusagt, bedankt sich Amanda mit einem kurzen E-Mail. Neil schreibt zurück und Amanda antwortet und so schreiben sie hin und her ohne sich zu kennen. Ein paar Monate später fragt Amanda, ob er Bildtexte für ihr Buch „Who killed Amanda Palmer“ schreiben würde. Sie treffen sich, arbeiten ein paar Tage an dem Projekt und haben durchaus platonisches Interesse aneinander, wobei sie sich mäßig attraktiv finden. Sie bleiben in Mailkontakt und einige Monate später, als zufällig beide in New York sind, hat Amanda - ohne genau zu wissen warum - das unbändige Bedürfnis, Neil ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Keine goldene Füllfeder, nein, etwas Besonderes. Manchmal hockt es da in einem Winkel der Gedanken, dieses fordernde Gefühl, etwas tun zu müssen, weil es so richtig scheint, und selbst wenn man Angst vor den Konsequenzen hat, Angst hat, dumm dazustehen, und sich nicht erklären kann, was um Gottes willen man eigentlich gerade tut, bleibt in dem Moment, wo man ein Paket aufgibt, einen Brief abschickt, eine Nachricht auf einer Mobilbox hinterlässt, diese einzige Gewissheit, dass es das beste war, was man in seinem Leben bisher gemacht hat. Soweit ich mich in Menschen hineinversetzen kann, wusste Amanda instinktiv, ohne es begründen zu können, dass es alles ändern würde. Amanda überrascht also Neil aus diesem undefinierbaren Gefühl heraus zu seinem Geburtstag mit einer Street Performance in ihrer unkonventionellen Rolle als Living Statue – als weiße Braut. Mitten im Winter bereits halb erfroren, kommt sie sich ziemlich lächerlich vor, als Neil noch dazu mit seiner Agentin am Arm zum Treffpunkt erscheint, die sich mit hochgezogener Augenbraue schnell verabschiedet. Als die beiden anschließend in einem Café sitzen, erklärt Neil, er würde nicht weggehen. Aha, er bleibt für immer in dem Café sitzen, wundert sich Amanda und ist noch weitaus mehr verunsichert als über ihre eigene Aktion. Neil wiederholt fünfmal: I‘m not going anywhere. Und wenn es Jahre dauert. Ich werde dich nicht verlassen. Er ist sechzehn Jahre älter, er sieht einigermaßen seltsam aus, er ist zwanzig Millionen Dollar schwer, sie notorisch am Rand der Pleite, er Schriftsteller, sie eine Sängerin ohne Label, sie ist Amerikanerin, er Brite, sie haben auf den ersten Blick absolut nichts gemeinsam – nichts außer das Vertrauen und das Gefühl, dass es richtig ist. Eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich seit langem gehört habe.

 

Amanda ist ein Rock Star, aber in erster Linie ein Mensch. Das dankt ihr eine riesige Fanbase, für die sie zum Angreifen ist, Gruppenkuscheln, Bodypainting und Couchsurfing inklusive. Amanda versteht es zu fragen. Sie hat sogar ein wunderbares Buch über die Kunst des Fragens geschrieben. The Art of Asking. Fragen ist nicht immer einfach. Wir fragen nicht immer nur nach einem freien Sessel, Feuer oder einem Zuckerstreuer, manchmal sind die Fragen komplizierter und wir fragen nach Beförderungen, einem Darlehen, einer Lebertransplantation. Manchmal braucht es Mut. Die schwierigen Fragen setzen eine Unmenge Vertrauen voraus. Wir fragen ja ständig, oft nur leise uns selbst. Willst du dieses Projekt mit mir durchziehen? Kann ich dir vertrauen? Wirst du mich verletzten? Bist du sicher, dass ich dir vertrauen kann?? Und so oft schwingt in unserem Verlangen nach Gewissheit die Frage mit: Liebst du mich?

 

Amanda war ganz unten, sie hat Musik auf der Straße gemacht und dort hat sie – oh, là, là – noch ganz andere Dinge gemacht. Was mich so unendlich beeindruckt, ist ihre lange Zeit, in welcher sie sich mit Hingabe und Leidenschaft als lebende Statue über die Runden brachte, während die Spießer rundherum monierten: Jetzt such dir doch mal einen richtigen Job. Amanda war die weiße Braut. Und sie liebte es. Was sie am meisten daran liebte, war das Geben und Nehmen. Die Interaktion. Jenen Moment, in dem sich die Augen des Betrachters mit den eigenen verschränken und sich die Menschen spüren. Man für eine Sekunde die Ängste, Sorgen, Begehren des anderen fühlen kann. Jene, die das auch fühlen, sind glücklich, geben einen Dollar in den Hut, oder zwei oder mal mehr, und Amanda erwacht aus der Starre der Statue, schenkt ihnen dafür einen Augenaufschlag und eine Rose. Manche nehmen die Magie dieses Momentes mit, manche geben etwas zurück, und sei es ein Lächeln, manche gehen einfach weiter. Alles ist in Ordnung. Jene, die dir nichts zurückgeben, haben dich nicht abgelehnt, sie haben gerade ihren eigenen Weg zu bewältigen. Ich bin Amanda Palmer nie begegnet, doch als ich ihren zuletzt aufgenommenen Song höre, und ich könnte ihn immer wieder hören, for free, will ich dafür meinen Dollar in den Hut legen. Ein Danke und Zollen von Respekt an eine Künstlerin und Ausnahmestimme. Die Cover Version und der Tribut an Prince und den Song Purple Rain hat mich unendlich berührt. Amanda vertraut, sie stellt ihre Musik ins Netz und die Menschen, die den Song hören und mögen, können sich dankbar erweisen und ein Stück des Vertrauens erwidern. Ich will das sehr in jenem Moment und es kostet nur ab einem Dollar aufwärts. Wow, das ist ja nichts, denke ich, und schäme mich sofort. Also gebe ich einmal zehn Dollar in das Auswahlfeld ein, was mir nicht annähernd angemessen erscheint, und hänge noch eine Null hinten dran. Damit empfinde ich, meinen Gefühlen und auch den Tränen, die mir das Lied beschert hat, Genüge zu tun. Ein Dollar ist vollkommen in Ordnung, aber wenn man gerade ein gutes Monat hatte und sich hundert Dollar leisten kann, ohne in Existenzsorgen zu versinken, dann soll man es tun. Und ich bin glücklich. So viel glücklicher, als mir irgendeinen Song im Radio, auf YouTube oder in einer Bar anzuhören, so glücklich, dass ich mein Glücksgefühl mit einem Geschenk teilen und Freude machen will. Und wieder fragt die Website: Ein Dollar oder mehr? Ich denke: Du hast ja gerade hundert Dollar in den Hut gelegt, jetzt reicht einer. Aber wie absurd wäre das denn? Das Geschenk würde ich damit ebenso entwerten wie ich Amanda beleidigen würde. Weil mir ein Geschenk noch tausendmal mehr wert ist, gebe ich einen Dollar weniger als zuvor ein, klingt unlogisch, aber weniger ist manchmal mehr, denn die neun ist meine Lieblingszahl und das macht es zu so viel mehr. Für mich zumindest. Über meinen Spleen mit der 9 muss ich demnächst einen Blog schreiben. Was will ich damit sagen? Hört euch den Song an. Mögt ihn oder nicht. Downloadet ihn oder nicht. Zahlt dafür $ 1 oder $ 1 Million. Es ist nie eine Frage des Geldes. Es ist immer eine Frage des Vertrauens. Vertrauen ist ein unschätzbar wertvolles Geschenk. Es zu verschenken kostet nichts und ist alles wert.

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