American Pie

November 18, 2016

Ein Foto des jungen Tom Cruise intonierte am Mittwoch den Hilferuf meiner blanken Ahnungslosigkeit, worüber ich am Freitag schreiben könnte. Ein cooles Bild aus dem Film ‚Risky Business‘, zu Deutsch ‚Lockere Geschäfte`, eine Art Ferris macht blau für die gehobene Mittelklasse. Damals vor dreiunddreißig Jahren war der spätere Maverick für seine Rolle des Joel Goodson (was für ein tiefgründiges Namenswortspiel) für seinen ersten Golden Globe nominiert, den ihm Michael Caine mit ‚Rita will es endlich wissen‘ wegschnappte. ‚Top Gun‘ war legendär und ‚Die Firma‘ nicht schwach, ‘Rain Man‘ zum Heulen, Knight & Day‘ zum Niederbrechen witzig, ‚‘The Outsiders‘ a Story of the way we were, ‚Die Farbe des Geldes‘ ein Opus, ‚Geboren am 4. Juli‘ eine eindringliche Paradeschauspielleistung. Eine von insgesamt drei Oscar Nominierungen als bester Hauptdarsteller brachte die Rolle des Veteranen, die goldene Statue war unbestritten seine, lediglich über Daniel Day Lewis linken Fuß stolperte er. Tom Cruise ist der personifizierte Kult, ich mag ihn irgendwie, obwohl er mir zu glatt und im Grunde unsympathisch ist. ‚Magnolia‘, ‚Eine Frage der Ehre‘ – und ‚Jerry Maguire‘. Alleine für sein großes Herz als Jerry sind Männer und Frauen dazu verdammt, ihn ewig zu lieben.

 

Szene: Ein Wohnzimmer randvoll gefüllt mit frustrierten, geschiedenen Emanzen. Jerry: „Hello … I love you. You… you complete me. And I just…” Dorothy (Renée Zellweger vor der Mutation zu Bridget Jones): „Shut up. Just shut up. You had me at ‚hello‘“. Wer bitte hat da nicht geweint?

 

Und die Art wie der Mann eine Ray Ban trägt ist unnachahmlich. Aber ich verliere gerade den Faden. Das kommt offen gestanden daher, dass es keinen Faden gibt, ich nicht weiß, was eigentlich das Thema ist, geschweige denn wo es hinführen soll. Jedenfalls hatten wir damals alle Ray Bans und waren alle cool, versenkten um Mitternacht Autos im Teich des Türkenschanzparks, wenn wir nicht gerade in superkurzen Miniröcken in der Coolness Zone rund um den Eissalon abhingen, hinter der Ray Ban ein Auge des Verlangens auf die Jungs warfen, die cool auf ihren ultracoolen Vespas lehnten, megacool eine Zigarette im Mundwinkel, während wir bedeutungsschwanger eine Vanilla Sky an heißer Himbeere Komposition schleckten. Das waren jene unbeschwerten Zeiten, als irrwitzige Zukunftspläne noch denkmöglich schienen. An einen erinnerte mich dieser Tage eines dieser am Rande der Grenzidiotie schrammenden Facebook Analysespiele, die man doch hin und wieder verschämt anklickt. Freundin S postete, sie würde zu Weihnachten ein Heimkino geschenkt bekommen. Meine Profilanalyse ergab ein Riesenrad. Was zum Teufel soll ich mit einem Riesenrad anfangen? Schnell hatten wir uns auf eine Kooperation geeinigt: zuerst locken wir die Kunden ins Heimpornokino und dann bekommen die aufgeheizten Jungs 20 % Ermäßigung für das Riesenrad, in dessen rotausgeleuchteten Plüschwägen ein rotierendes Karussellbordell die Kasse klingeln lässt. Ja, das kommt den fantastischen Plänen unserer Jugendtage ziemlich nahe, für einen ähnlich Illustren hatte ich ernsthafte Partner gewonnen, nur scheiterten die Männer und ich an einer handshaketauglichen Einigung, wer im Grinzinger Edelpfuff für den Ausschank des Whiskys und wer für die Betreuung der leichten Mädels zuständig ist. Lockere Geschäfte eben. Es ist ein Segen, dass es Facebook erst seit 2004 gibt, und wir nicht täglich mit fragezeichenbehafteten Erinnerungsvorschlägen an die Sünden unserer älteren Vergangenheit überschwemmt werden.

 

Überhaupt und ohnedies schweben im Zeichen des Supermondes scheinbar alle Mitfünfziger im nostalgischen Jeunesse-Revival-Wahn und blühen in manisch-depressiver Zwangsorganisation von Schul-, Eissalon- und Es-war-einmal-lustig-Partys auf. Ach hört doch auf, Leute, ständig einen müden Abklatsch von Zeiten heraufzubeschwören, als man vornehmlich auf Partys abhing, auf denen man gar nicht eingeladen war, wo man niemanden kannte, und sich am Ende manchmal gewünscht hätte, manche nicht so nahe kennengelernt zu haben. Nicht alles war La Boum – die Fête. Das meiste war American Pie. Ein müder Wackelpudding. Alles was ich dazu noch sagen könnte, wäre misfits. Ist 40 das neue 20 und 50 das aufregendere 17 und mit 70 hat jeder ein Babyfoto als Profilbild zum Beweis, dass man tatsächlich mal jung war? Lasst die Ray Bans in der Lade, grabt nicht knietief in einer durch Alterssenilität glorifizierten Vergangenheit rum. Feiert den Morgen eines jeden neuen Tages. Das Leben ist schön und es ist jetzt. Fahrt spontan auf einen Caffè nach Salzburg, genießt ein Croissant an der Côte oder einen Guardi im Palazzo Savorgnan in Venedig. Pseudoretrocoole Dauerberieselung im „alt – ich nie“ Modus ist so was von vorvorgestern und Erwachsensein keine Schande. Das entspannte Annehmen des Jetztzeitichs hat den Vorteil, ungeniert unfit, unproper und uncool sein und trotzdem aus tiefster Überzeugung das sagen zu können, was es immer auf den Punkt bringt: What the f*ck.

 

 

 

 

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