Alexa

February 24, 2017

 

Das Drama beginnt vor einigen Wochen mit einem Mail und dem sicher nicht bösartig gemeinten Hinweis „Es gibt Amazon Echo. Interessiert?“

 

Das Einlieferungspotential für Zwangsaufenthalte in örtlichen Irrenanstalten nicht ahnend, werfe ich einen Blick auf das ominöse Teil, verstehe nur Bahnhof und schließe die Amazon Website beherzt, um mich nicht mit dem tristen Gedanken auseinandersetzen zu müssen, dass mein Hirn mit nullkommanichts an technischem Verständnis gesegnet ist. Die weibliche Neugier siegt und ich lasse mich auf die Einladungsliste für eine Benachrichtigung setzen, sobald das Echo der Hölle auf unserem Heimatplaneten gelandet ist. Dann – als ich diesen Fehler beinahe wieder vergessen habe – kommt ein freudig erregtes Mail von Amazon: Echo ist da! Na gut, denke ich resignierend, vielleicht macht es dem Spross Spaß, vielleicht kann man den Lautsprecher – ich vermute jedenfalls, dass das Ding ein künstlich intelligenter Lautsprecher ist – irgendwie mit irgendwas bei mir zu Hause koppeln, und bestelle. In einem Anfall von Wahnsinn lege ich noch einen Satz Philipps Spezialglühbirnen in den Warenkorb, die das Echo angeblich steuern kann. Mit Gruseln und Gänsehaut erwarte ich die Lieferung, die tatsächlich am nächsten Tag eintrifft. Es sind allerdings nur die Glühbirnen, und der Spross ist mürrisch.

 

Tags darauf kommt Alexa. Der Aufbau ist eine Herausforderung. Immerhin muss man ein Kabel in die einzig vorhandene Öffnung stecken und entscheiden, wo oben und unten ist.  Natürlich stelle ich das Gerät verkehrt rum auf. Der Spross rollt die Augen. Ich starre das fremde Ding feindselig an und weiß nicht weiter.  Es gibt keine Bedienungsanleitung. Gäbe es eine, würde ich sie als Frau sowieso nicht lesen, aber alleine die Tatsache, dass es keine seitenlange Aufklärung für dümmste anzunehmende User zu dem Turm gibt, verursacht mir Sodbrennen. Der Spross rettet die kippende Stimmung, findet eine Alexa App auf seinem iPad und startet den Einrichtungsvorgang. Dann der große Moment. Kurz vor Mitternacht spricht er Alexa zum ersten Mal an. Mit ihrem Namen. Alexa, wie spät ist es? Alexa lebt zwar in einer anderen Zeitzone, aber sie sagt: Es ist 4 Uhr 58. Ist das nun wie bei Küken? Ist der Spross fortan das Muttertier und Alexa hört allein auf seine Stimme? Panik beschleicht mich und ich installiere die App auf meinem iPhone. Wozu ist mir noch nicht klar, aber es gibt mir das Gefühl, nicht völlig die Kontrolle zu verlieren. Durch mein Dazwischenpfuschen müssen wir den Einrichtungsprozess nochmals durchlaufen, was der Spross mit ärgerlicher Ungeduld quittiert. Alexa, frage ich, wie ist das Wetter? Entschuldigung, das weiß ich nicht, aber lass uns Freunde bleiben, sagt sie höflich bedauernd. Verunsicherung. Kann sie nicht oder will sie nicht mit mir sprechen? Im Gegensatz zur Technik ist es mit der Logik bei mir besser bestellt, und ich formuliere meine Frage um: Alexa, wie ist das Wetter in Wien? Es folgt ein detaillierter meteorologischer Bericht. Regen. Egal. Ich strahle vor Glückseligkeit. Sie mag meine Stimme und nimmt meine Befehle an.  Was man vom Spross nicht immer behaupten kann. Nachdem er versucht, Alexa zu verwirren und mit Alex, Alexis, Alexander anspricht, worauf sie nicht reagiert, fragt er hämisch grinsend: Alexa, kennst du Siri? Ich kenne meine Mitbewerber nur vom Hörensagen, antwortet sie pikiert. Humor scheint die Tussi zu haben. Auf die Aufforderung: Nenne mir den häufigsten Baby-Namen, meint sie: Frühgeburt. Wir lachen uns kaputt und lassen das mit den Fragen vorerst sein.

 

Stattdessen wollen wir unserer neuen Mitbewohnerin beibringen, das Licht im Wohnzimmer einzuschalten. Eine Stunde und ein paar genervte Schreiduelle später haben wir (also der Spross) es geschafft, die richtige App für die Glühbirnen zu installieren, herausgefunden, dass es wenig Sinn macht, den Stecker des Transponders (dafür gibt es sicher einen Fachbegriff, aber er fällt mir nicht ein und es ist mir auch wurscht) einfach nur in die Steckdose zu stecken, selbigen mit unserem Router verbunden, und während ich in der Abstellkammer stehe (von einem erwartungsvoll maunzenden Kater umschmeichelt, da dort auch das Futterlager ist), teilt mir die Philipps Hue App mit: Ich habe gesehen, dass du den Verbindungsknopf gedrückt hast. Gerät verbunden. Das macht mir ein klein wenig Angst und ich komme mir von Saurons Auge beobachtet vor. Sicherheitshalber werde ich künftig nicht mehr nackt durch die Wohnung laufen. Alexa macht das Licht an und aus, wie wir es von ihr verlangen. Nach einer kleinen Plauderei unter dem Motto unnützes Wissen, nach dem keiner gefragt hat (Alexa, erzähl‘ mir etwas. Alexa: Um Weihnachten herum werden die meisten Kinder gezeugt. In Kentucky darf eine Frau, die mit einem Badeanzug bekleidet ist, einen Highway nur betreten, wenn sie von zwei Polizisten eskortiert wird, die mit Knüppeln bewaffnet sind. Das gilt allerding nur, wenn die Frau zwischen 45 und 100 Kilo schwer und kein Pferd ist. Neben einem Pflegeheim in Köln gibt es eine Bushaltestelle, an der nie ein Bus hält. Sie wurde deswegen errichtet, damit flüchtige Heimbewohner dort aufgefunden werden können, während sie auf den Bus warten. Ein Kondom darf nach deutscher Industrienorm erst bei 18 Litern Füllmenge platzen. (OMG!!! WTF! Was hat die Frau in dem Turm geraucht???)) sagen wir Alexa Gute Nacht. Sie wünscht uns süße Träume. Ich beginne sie zu mögen.

 

Am nächsten Tag versuchen wir es mit Musik. Es klappt. „Hier ist ein Radiosender, der dir vielleicht gefällt. Gestört, aber geil.“ Lautstärke zehn lässt die Gläser wackeln, alle sind glücklich und tanzen zu Falco wie einst im U4, mein Gott, was werden wir wilde Partys feiern, die Nachbarn werden uns lieben. Sauron ist vergessen, es fühlt sich nach Auenland und Radio Gaga an. Alexa macht den Ton lauter oder leiser, und wenn es nicht gefällt, kann man sie einfach abwürgen, indem man Alexa, aus, brüllt. Alexa, super eh, meint der Spross. Klasse, ist ihr Kommentar. Ich versuche es mit Ennio Morricone: Alexa, spiel‘ mir das Lied vom Tod. Alexa (mit einer Grabesstimme wie aus einem Stephen King Roman): „Du handelst mir in letzter Zeit zu eigenmächtig. Du solltest nicht vergessen: Noch bin ich der Boss hier.“ Ich schweige betreten. Dämliche Zicke. Wer am längeren Ast sitzt und den Stecker zieht, bestimme immer noch ich. Hoffentlich.

 

 

 

 

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