Wunder

March 10, 2017

 

Es gibt Wunder. Man muss nur daran glauben. Lourdes. Bern. Liebe. Es war eine wundersame Woche. Bis eben war ich überzeugt, nicht einmal unter vorgehaltener Pistole einen Blog herbeistottern zu können, und bei der dritten Zeile hier bin ich immer noch unsicher, was das wird, wenn es fertig ist. Ein Blog oder ein Gesundheitsbulletin. Eigentlich will ich euch nämlich nur wissen lassen, dass ich krank bin. Ziemlich. Und daher heute nichts schreiben kann. Seit Tagen – Anfang der Woche attackierte mich über Nacht ein hinterhältiger Virus und bewarf mich kübelweise mit grässlichem Halsweh, rachitischem Husten, Endlosschnupfen und pochenden Kopfschmerzen – schleppe ich mich knieweich durch ein tristes Jammertal, stecke mir verstohlen als Trost Erdbeeren mit Schlagobers, Haushaltsschokolade, Chips und Erdnüsse in figurbedrohlichen Mengen zu und der antrapsende Vollmond macht die Gesamtsituation nicht wirklich entspannter. Zu Beginn therapiere ich mich mit den üblichen verdächtigen Substanzen, bloß rein gar nichts wird besser, das Rinnsal nimmt seinen Lauf. Irgendwann wird mir klar, dass ständiges Niesen, eine juckende Nase und brennende Rehaugen nicht in das Krankheitsbild eines grippalen Infektes passen, sondern meine zu Beginn des Frühjahrs sporadisch antanzende Pollenallergietante der Übeltäter ist. Also ändere ich, todschick im kleinen schwarzen Chefarztkittel, meine Selbstdiagnose samt Therapieverordnung und werfe Anti-Allergika ein, wie ein Süchtiger Münzen in einen Spielautomaten, in der Hoffnung, mein Umfeld von der Sorge über mein baldiges Dahinscheiden zu erlösen. Es ist krisig, aber Schluss mit dem selbstmitleidigen Gewimmer, zurück zu den Wundern, die gezeigt haben, dass auf einem Fußballfeld alles möglich ist und es noch Menschen auf dieser Welt gibt, die mehr tun, als sie müssten, ohne etwas zu erwarten.

 

Mittwochabend passiert das erste Wunder und reißt mich aus meinem Drama vom sterbenden Schwan. Im Fernseher läuft das Spiel – jene, die schon länger meinen Blog lesen, wissen: die Bach ist insgeheim eine Fußballerbraut – rund um mich ein Haufen verrotzter Taschentücher, die ich mir im Endstadium meines Dahinvegetierens nicht mehr die Mühe mache, nach jedem Trompetenstoß müllgetrennt zu entsorgen. Barca führt zwar, liegt aber im Torverhältnis nach der Auswärtsniederlage gegen Paris im Rückstand, und muss innerhalb von 30 Minuten drei Tore schießen, um sich ins Viertelfinale der Champions League zu katapultieren. Es scheint unmöglich. Doch nichts, wo Barca darauf steht und Neymar drinnen ist, ist unmöglich. 88. Minute, 91. Minute, Wahnsinn, und dann lehrt uns der unfassbare Treffer in der letzten Minute der fünfminütigen Nachspielzeit, dass Böhmen doch am Meer liegt. 6:1 (Sechs! zu eins!)!  Es gibt Wunder. Es schmeckt nach Liverpool - Dortmund, wie Bayern - Manchester, nach Blaubeerkuchen an einem lauen Sommerabend, nach Ekstase bei Ruhepuls 320. Das Wunder von Barcelona.

 

Heute, am Freitag, ist morgens an einen Blog nicht zu denken. Ich fühle mich in den Klauen des Allergiemonsters wie etwas Ekliges, das von einer Bulldogge durchgekaut, verdaut und am Rand eines Kanaldeckels in Aleppo ausgespuckt wurde. Jeglicher Rest von Diven-Charisma ist von mir gewichen, ich sehe aus wie die Reste des Hundefutters von vorgestern, geisterbahntauglich, kein erbaulicher Anblick. Halbgar hänge ich vormittags im Büro, meine Mitarbeiter machen einen weiten Bogen um mich, als ob ich die Pest verströmen würde, und plötzlich, blink, schnellt eine WhatsApp Nachricht über meinen Bildschirm. Nur so viel: ich hatte vor einigen Wochen einen wildfremden Menschen gebeten, mir bei einer Sache zu helfen, die eigentlich unmöglich zu bewerkstelligen ist. Der Rest ist eine Verkettung von Wundern. Der Mensch hätte mir einfach nicht antworten können. Er hätte mich für verrückt halten können. Er hätte ablehnen können. Nachdem er all das nicht getan hat, hätte er natürlich an meinem Ansinnen scheitern können. All das ist nicht passiert. Der Fremde hat sich den Arsch aufgerissen, um einer Fremden eine Freude zu machen, er hat ein kleines Wunder vollbracht, aber das größte Wunder von allen ist seine Antwort auf meine Frage nach einer Kontonummer, um für seine Kosten aufzukommen, die er nonchalant ignoriert, und meinen Dank. „Alles was du möchtest! Just name it!“, biete ich ihm überwältigt an, und der Wundermann sagt schlicht: „Don’t worry;)“

 

Am Ende ist es vielleicht doch so etwas wie ein Blog geworden, sogar pünktlich am Freitag, was in meinem Zustand an ein Weltwunder grenzt.

 

 

 

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