Cruising

November 24, 2017

Kreuzfahrten gehören in jenen morbiden Teil meines Vorstellungsvermögens, in dem mein späteres Ich in einem Rollstuhl eine Gangway hochgeschoben wird, von einem jugendlichen Pfleger mit einer nicht abzuleugnenden Ähnlichkeit mit Tom Cruise, zu schwach, um gegen eine Woche auf See zu protestieren, in der selbst ich, selbst dann noch, den Altersdurchschnitt der mitreisenden Passagiere senken werde.

 

Mr. Silvera ist ebenfalls nicht gerade der Kreuzfahrttyp und ich weiß nicht recht, wie wir auf die Idee kamen, von Venedig nach Rom zu fahren, und zwar mit einem Schiff – über Montenegro, Korfu, Sardinien und Neapel. Auf den ersten Blick war alles bis auf die letzte fensterlose Kajüte ausgebucht und nur noch auf Warteliste verfügbar war. Die Gefahr schien gering und aus Übermut sagten wir, ja, das Jahr war lang, probieren wir es mit der Warteliste, falls etwas frei werden sollte, ist es Bestimmung, aber das wird sowieso nichts. Zwei Stunden später hatten wir eine Fixbuchung und mussten uns mit dem Gedanken anfreunden, tatsächlich zu cruisen.

 

Die Queen Victoria verströmt eine Art von opulent britischem Luxus, den Mr. Silvera mit einem den Kapitalismus stoisch verachtenden Nicken quittiert, das einem resignierenden Kopfschütteln gleichkommt. Davon könnte ich endlos erzählen, doch ich versuche es in schmerzloser Kürze zu halten und konzentriere mich auf das Wichtigste an Bord: Essen, Essen und nochmals Essen… Maria, die Pfefferbeauftragte, das Mauerblümchen und den Butler.

 

 

Weil es an Seetagen ohne Landausflüge nicht viel zu tun gibt, beginnt Essen eine überdimensionale Rolle zu spielen, was meinen Hüften bald einigermaßen Sorge bereitet. Glaube ich nach einem feudalen Frühstück bis zum Abend keinen Bissen mehr zu mir nehmen zu können, so befällt mich spätestens gegen 15 Uhr ein übermächtiges Hungergefühl. Das muss an der Meeresbrise liegen. Im Büffet Restaurant habe ich meine Vorliebe für Scones mit Clotted Cream und Marmelade entdeckt. Die Menge an Clotted Cream, die ich in mich schaufle, macht mir Angst. Jedes Mal, wenn wir das Restaurant verlassen, stehe ich verträumt am Tresen und schiele süchtig nach der fetten Creme. Mr Silvera packt mich dann bestimmend an der Hand und zerrt mich unter Protest weg, unter den Blicken fülliger Damen, die ihn dafür verachten.

 

 

Unnötig zu erwähnen, dass wir uns an Bord auf dem Weg zu unserem Restaurant mehrmals verlaufen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, gibt es auf dem Megaliner insgesamt sieben Restaurants und unzählige Bars. Im Lido Buffet Restaurant kann man 24 Stunden lang essen, nahezu, zwischen zwei und vier Uhr nachts ist es geschlossen. Die Gründe für die zwei Sperrstunden kann ich mir nicht erklären und ich will mir nicht ausmalen, wie manche Mitreisende die erzwungene Essensunterbrechung verkraften. Im Grill Restaurant haben wir Tisch acht. Bereits nach dem ersten Abend haben wir entweder einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, dass uns jeder einzelne Kellner in den nächsten Tagen beim Namen nennt und sofort weiß, wo wir sitzen und was wir bevorzugt trinken, oder die haben im Computer beim Empfang ein Gesichtserkennungsprogramm eingebaut, was uns zwar befremden würde, wir aber für wahrscheinlich halten. Beim Verlassen des Grill hechten wir unvermutet hinter den Empfangstisch, um einen Blick auf den Computer zu erhaschen. Kein Gesichtsfeld. Keine Kamera. Nichts. Sandro aus Italien und Ramesh aus Bangalore sind Übermenschen mit fotografischem Gedächtnis.

 

Und dann ist da noch Maria aus Chile. Ihre Aufgabe besteht darin, das Amuse Geule zu servieren und zu jedem Gang mit einer riesigen Pfeffermühle aus dem Nichts aufzutauchen und zu fragen: „Would you like some Pepper?“. Anfangs lassen wir uns bepfeffern, weil sich das so gehört, dann, weil wir Maria nicht enttäuschen wollen, doch am dritten Tag ist beim Lunch unsere Geduld erschöpft und wir wagen ein „No, thank you.“ Maria ist aus dem Konzept, den Tränen nahe und schleicht rückwärtsgehend aus unserem Gesichtsfeld. Als ich am Abend nochmals Pfeffer zu meinem Vanilleeis mit dem gebührenden Ausdruck meines Bedauerns ablehne, bin ich nicht sicher, ob Maria die Nacht überleben wird. Ihr Blick schweift nervös durch den Grill Room, wer ihr Versagen mitangesehen haben könnte, gar der Maître, der dem Personaldirektor Bericht erstatten könnte, dass eine gewisse Maria aufgrund ihrer Unfähigkeit ab sofort in eines der Restaurants auf den unteren Decks versetzt werden müsse, wenn nicht sogar zur Tischabräumerin im Lido Buffet degradiert wird. Mr Silvera erbarmt sich und lässt Maria mit Grauen in beiden Augen Pfeffer auf seinen Apfelstreuselkuchen drapieren.

 

 

Das Angebot an Essen nimmt auch in unserem State Room kein Ende. Jerome, der Butler, zaubert es in alle Ecken und aus allen Enden herbei. Hängen wir das Bitte-nicht-stören Schild an die Tür, so verschafft er sich Zutritt durch den Nebeneingang über die kleine Küche und schmuggelt unbemerkt einen Teller Canapés oder sündhafte Variationen belgischer Schokolade auf unseren Tisch. Jerome scheint überhaupt immer da zu sein, er hat einen Sensor und merkt, wenn wir nicht da sind, huscht ins Zimmer, drapiert Vorhänge, arrangiert Blumen und reicht neue Handtücher. Wann immer wir duschen, hängen kurz darauf frische Badetücher fein säuberlich gefaltet in den Badezimmern. Ja, Zimmern, es gibt in der Kajüte, pardon, dem State Room, nämlich gleich zwei davon. Jerome machte uns am ersten Morgen mit der ihm eigenen Höflichkeit und Zurückhaltung aufmerksam, dass es nicht gestattet ist, zu rauchen. Auch nicht am Balkon. Wir beschwichtigen ihn mit einem enormen Trinkgeld und sind sicher, dass Jerome dies flugs in Whiskey an der Personalbar investiert und uns fortan in Rauchschwaden balkonisierend zufriedenlässt.

 

And Love is all around. Wo könnten sich Romanzen zwischen Singles besser anbahnen, als in einem schwimmenden Hotel, von dem es kein Entkommen gibt? Während wir an der Bar einen letzten Drink nehmen, gibt der rumänische Bassgitarrist eine Art von romantischem New Wave Jazz der Sixties. Wir sind zu späterer Stunde die einzigen Gäste, sein Spiel macht uns müde. Der Gin Tonic ebenfalls. Dankenswerterweise packt er sein Instrumentarium zusammen, bevor wir schnarchen. Da hüpft aus dem Hintergrund ein britisches Mauerblümchen, stellt den Musiker und bedankt sich überschwänglich für seine Darbietung, gerade, dass sie ihm nicht die Gitarre, die Hände und mehr küsst. Der Holzklotz nickt, dankt für den Dank und vollendet ungerührt das Packen der Gitarre. So, nun sollte Mauerblümchen abgehen, aber sie wiederholt ihre Dankesrede nochmals, inbrünstiger als zuvor, hoffend, auf was? „Nun frag sie schon, und lade sie auf einen Drink ein“, raune ich ungläubig vor mich hin, „die Nacht ist jung!“ Doch er nimmt den Kasten und geht. Sie ebenfalls, in die andere Richtung. Mein Gott, was hätte daraus für eine Love-Story werden können!

 

 

Das sind nur kleine Momentaufnahmen von vielen. Da war noch Mr. Giggles, Captain Video, der texanische Rinderbaron mit seiner unerträglich angeberischen Stimme und Lili Munster in silbergrauem Haar und goldenem Vorhang um die Hüften, und der Mann mit dem Peppi, den sie an Tisch 12 im Grills Restaurant einer Schar ansehnlicher Mädchen im heiratsfähigen Alter zugeteilt hatten, ein hoffnungsloser Fall, wie der Bassgitarrist. Captain Andy, the Short, und die beiden Schwulen, die sich mehr zu sagen hatten, als manches andere Paar, und die vier Amerikaner, die die gesamte Reise mit Unmengen an Weinflaschen in der Raucherecke auf Deck 10 verbrachten. David Foster Wallace hat über Kreuzfahrten eigentlich alles gesagt. Sein „Sehr nett, aber nächstes Mal ohne mich“ ist der Klassiker auf diesem Gebiet. Nichtdestotrotz sind uns die Queen, ihre Besatzung und die Gäste in der Woche ans Herz gewachsen. Momente gab es, da, davor und danach, zahllose, die uns bewegten. Sonnenauf- und Untergänge zu kitschig, um sie zu zählen. Unser Irrweg in Venedig vor dem Auslaufen, die kleine rote Katze in Kotor, die uns am Stadttor auserkoren und nicht mehr aus den Augen gelassen hatte, die Nachricht während einer orkanstürmischen Nacht auf See, mein roter Kater wäre zu Hause entwischt, die Nerven und Tränen kostete und sich als Fake News entpuppte, die tausenden Möwen, die uns beim Auslaufen aus Neapel begleiteten, die Zeit mit Freunden aus Rom, als wir wieder Land unter den Füßen hatten, und schöne Tage in Padua verbrachten, wo San Antonio mich seine Kraft spüren ließ, als ich ihm meinen Wunsch nannte, Venedig, abermals, das Ende einer Reise, bevor wir Abschied nahmen, als ich zum Flughafen und Mr. Silvera in seiner Stadt zurücklassen musste, als wir inmitten der Serenissima Donna Leon gegenüberstanden, als ich sagte: „Die sieht aus wie Donna Leon“, und Mr. Silvera meinte, „Sie sieht nicht nur so aus, sie ist Donna Leon.“

 

 

 

 

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