Romy

May 4, 2018

 

Letzten Freitag hatte ich einen Film empfohlen, den ich zuletzt im Kino gesehen hatte. 3 Tage in Quiberon. Jene drei Tage, in denen Romy, während dem Versuch in der Bretagne einen Entzug von Alkohol und Tabletten zu machen, einem Reporter des Stern ein Interview gab. Ihr Letztes. Sie stellte sich dem Reporter vor mit den Worten: „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“

 

Die damals schönste Frau der Welt und bekannteste Schauspielerin ihrer Zeit hatte alles und vermisste dabei unendlich mehr als das. Romy war von Selbstzweifeln und einer süßen Hilflosigkeit geprägt, die alle anzog und der niemand Abhilfe schaffen konnte, nicht einmal ihre Kinder, die sie abgöttisch liebte. Ein Leben wie im Traum, das zum Albtraum geworden war. Die Normalität zu einer Psycho-Schlacht verkommen. Mit der Presse, mit sich selbst vor allem. Nichts war mehr schön. Die österreichische Shirley Temple hatte aufgegeben. Romy spürte nur die Zuneigung der Massen zur kindlichen Sissi. Nie zu Romy Schneider. Es ein Segen, Menschen spüren zu können, ihr vor Glück zerspringendes Herz zu spüren und auch zu spüren, wenn der Geliebte in Melancholie versinkt, sich zu fühlen, aus der Nähe und über die Distanz. Dieses Glück nicht zu haben oder sich den Schmerz dessen zu ersparen, wäre in sich tragend die Unmöglichkeit zu spüren wie sehr man geliebt wird. Für Romy war dieser Part ihres Lebens zerbrochen, so wie sie am Leben zerbrochen ist. Menschen sind zerbrechlich und verletzlich. Und manchmal kann selbst unter den besten Voraussetzungen alles zu viel werden. Es kommen Tage, die wunderbar beginnen, und am Ende dieser Tage gibt man auf, zumindest, wenn es gut geht, nur für den einen Tag, wir Sterblichen jedenfalls. Die unsterbliche Romy hatte am Ende der Tage für immer aufgegeben.

 

Nach dem Film ahnte ich, wie es ihr gegangen sein mag, damals in jenen wilden Tagen, spürte sie und fühlte an einem meiner nächsten Tage, der zauberhaft verspielt war, wie unvermutet sich das Blatt wenden kann, wenn pubertierende junge Erwachsene aus Spiel Ernst machen, und wusste, noch unter dem Eindruck der von Marie Bäumer am Limit ihrer Nerven im großen Kino-Stil gespielten Romy, dass es zu viel sein kann, plötzlich, rasant und aus dem Hinterhalt. Es war einer jener seltenen Tage, an dem ich aufgegeben hatte, für diesen jedenfalls. Mir war klar: Für heute habe ich verloren, fühle mich schutz- und hilflos wie Romy. Und als ich darüber etwas länger als für ein geschwächtes Mutternervenkostüm opportun nachdachte, war es seltsam, doch es wurde mir bewusst, dass ich Romy schon im Kino ebenso nachgefühlt hatte, mit aufsteigender Scham, in mir und wie ich ihr und dem Weg, den sie gegangen ist, schon so nahe war, früher, als ich so alt war, wie Romy damals in Quiberon.

 

Wie Romy hatte ich alles, hätte die Außenwelt gedacht, und doch war ich die traurigste Frau der Welt. Keine Luft mehr zum Atmen, kein Ausweg, kein Lebenssinn, der Spross war der einzige Sinn, der mich aufrecht hielt. Heute trinke ich gern ein Glas Wein oder auch zwei, weil ich einen exzellenten Tropfen schätze, damals schon eher, um auszublenden, was nicht ist. Hätte ich nicht die Kraft gefunden, zu beenden, was seit Langem zu Ende war, hätte ich durch die unergründlichen Wege des Schicksals nicht wieder das Sehen gelernt, hätte ich das Licht nicht gesehen, wäre ich heute dort, wo Romy jetzt ist. Für mein Umfeld habe ich wohl noch funktioniert, unbemerkt, wertlos, aber irgendwie als Materie vorhanden, war ein einziger menschgewordener Schrei nach Hilfe, bloß keiner hat mich gehört, mich, die Starke, die alles und alle mit links im Griff hat. Dabei stets von Gewissensbissen geplagt. Nicht genug zu sein, nicht schön genug, nicht liebenswert genug, nicht aufopfernd genug, nichts, einfach nichts. Während ich Ausreden für alle anderen erfand und alles verzieh, blieb ich mir die Verzeihung schuldig. Geh deinen Weg, allein, und vertraue keinem mehr, sagten mir die besten Freundinnen, und trotz allem blieb das das Einzige, was ich nie verlieren wollte. Die Fähigkeit zu vertrauen und an die Liebe zu glauben. Weiß der Himmel, es wäre mir zu verzeihen, wenn beide Fähigkeiten in mir versteinert wären.

 

In dem berührenden und zugleich erschreckend bedrückenden Film gibt es eine furchtbare, nur schwer zu ertragende Szene, in der Romy, die sich nach ihrem geliebten Sohn sehnt und fürchtet, ihn an den Stiefvater zu verlieren, vor lauter Freude über seinen Anruf, vor lauter Selbstzweifel, ob sie ihrer Rolle als Mutter gerecht werden kann, schlicht aus Existenzangst und gefangen in den zerbröselten Resten ihres ikonenhaften Selbst, taumelnd zwischen himmelhoch jauchzend und schwer depressiv, nach einer versoffenen Nacht, es nicht schafft, den Hörer in die Hand zu nehmen. Als Romy ihrem Sohn am Telefon nicht antworten konnte, muss sie ähnliches empfunden haben, wie ich an einem dieser unglückseligen Tage. Ich saß nur da, im Herzen getroffen, und starrte ins Nichts, verweigerte Worte, fühlte mich innerlich gelähmt, konnte keinen Gedanken mehr folgen, wollte es gar nicht, obwohl ich es gleichzeitig wollte und fühlte, dass ich es müsste. So ist es, wenn man am Ende seiner Nerven und seiner Weisheit angelangt ist. Ausweglos. In die Enge getrieben. Aus eigener Schwäche. Ich hoffe, so einen Moment nie wieder erleben zu müssen. Ich hoffe, Romy hatte in den Monaten nach diesen drei Tagen die Gelegenheit, ihrem Sohn ihre überströmende Liebe und Fürsorge zu zeigen, bevor er ihr entrissen wurde, ich hoffe, sie konnte sich verzeihen, bevor sie der Welt entrissen wurde. Ich weiß, ich kann beides immer, bedingungslos. Und ich hoffe für den Spross und mich, es wird nie der Moment kommen, in dem wir uns solche Momente vorwerfen, später einmal.

 

Man kann nicht immer eine Übermutter sein. Es in Ordnung ist, einmal nicht zu funktionieren. Mensch zu sein. Sich zu verzeihen. Und sich zu sagen: Ich bin eine glückliche Frau von 40-something Jahren und heiße Lili Bach.

 

 

 

 

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