Chibi

May 25, 2018

Chibi starb kurz nach Vicenza. Während ich in einem Zug von London nach Verona einen Punkt auf der Bucket-List abhakte – eine Fahrt mit dem VSOE, dem Zug aller Züge. Es war jedoch nicht der Mord im Orient Express, der Chibi den Tod brachte. Chibi war in ihrem eigenen Buch gefangen. Die Gastkatze von Takashi Hiraide oder wie es im Original heißt: ‚The Guest Cat‘. Außer Kenzaburo Oes ‚Der stumme Schrei‘ habe ich bislang noch kein Buch eines japanischen Autors gelesen. Nach Oe war mir auch nicht danach. Für mich als Katzenmutter und Tierliebhaberin waren der Titel und das Bild am Buchcover ausschlaggebend, um es in der Buchhandlung in London zu erstehen. In jener Buchhandlung, in die ich Mr. Silvera begleitete, um ihn dort abzugeben und in den nahe gelegenen Honey Birdette Dessous Shop zurückzukehren. Es war dann allerdings so, dass nach einer Stunde Mr. Silvera textete, er wäre jetzt bei Honey, um mich aufzusammeln, nur ich sei nicht da. Also nahm ich den ausgewählten Stapel Bücher, trennte mich schweren Herzens von den endlosen Bücherregalen, zahlte und hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich tatsächlich länger als Mr. Silvera in der Buchhandlung gewesen war.

 

Wir hatten herrliche Tage in London verbracht, in einer Stadt in einem Land, dem Mr. Silvera nach dem Brexit den Rücken gekehrt hatte, das er nie wieder, jedenfalls nicht sehr bald, bereisen wollte. Obwohl ich nun glaube, dass unsere Zeit dort auch Heilung und Versöhnung mit sich gebracht hat, uns vielleicht irgendwann einmal gemeinsam in den Süden des Landes führen mag, wo wir Jane Austen – die nicht wenig damit zu tun hat, dass wir uns fanden – in Winchester besuchen und einen Sonnenuntergang in Lands End in unsere Sammlung einreihen könnten. London war unbeschwert und sonnig. Die einzigen Souvenirs, die wir mitnahmen, waren unsere Erinnerungen. An den Besuch der National Gallery, der National Portrait Gallery, der Tate Modern, der Courtauld Gallery im Somerset House, die eine der wunderbarsten Sammlungen enthält, die ich je gesehen habe, eine großartige Monet & Architecture Ausstellung, an das ABBA Musical Mamma Mia im Novello Theatre, auf das wir vom Balkon unseres Zimmers hinuntersahen, an Pubs und Petrus, an Treffen mit Lieben. Wir waren achtsam, sorgsam, aufmerksam, wir haben den Moment gelebt. Für einander und miteinander. Wunschlos glücklich. 

In der Nacht, bevor wir London verließen, begann ich das Buch über die Gastkatze zu lesen. Schon nach wenigen Seiten war mit bewusst, dass ich unbewusst ein lyrisches Juwel gewählt hatte.

 

Takashi Hiraide bemüht Machiavelli in einer Zeile, und es wird klar, dass dies nicht zufällig geschieht. Der Philosoph wollte die Wege des Arno unter Kontrolle bringen, vielleicht sogar einen ganzen Fluss stehlen, gemeinsam mit keinem Geringeren als Leonardo. Er ist gescheitert. Das zeigten uns die Wassermarken, die heute noch bekunden, wie hoch der Arno 1966 über die Ufer getreten war, als wir am Ende unserer Reise in Florenz angelangt waren. Eine Reise, auf der mich Chibi begleitete, von dort, wo sie in der Londoner Buchhandlung in meine Gedankenwelt geschlichen war, sich einnistete, bis nach Italien, mir Freude, Lächeln und heftige Tränen bescherte.

 

Es geht nur peripher um das kleine, in seiner unabhängigen Art betörende Kätzchen aus dem Nachbarhaus in einem Vorort von Tokyo, das sich nebenan in das Leben zwei Japaner einlädt, es geht um das Leben selbst. Darum, wie wir es verbringen, miteinander oder nebeneinander, was wir uns noch zu sagen haben oder vielmehr was nicht, was uns erleichtert und was uns beschwert, wie wir uns tragen und halten oder aufgeben. Am Ende des Romans, der aus einer Serie kleiner, eindrücklicher, über die Jahre gesammelter Notizen entstand – über die Freuden, die Abwechslung, die Liebe und das Zusammengehörigkeitsgefühl; über den Wandel und die Vergänglichkeit, den Zahn der Zeit, Traurigkeit und Schuldgefühle, die mit dem Kätzchen zusammen einkehren; das dankbare Annehmen all dieser Geschenke der Vorsehung –, möchte der erstaunte Leser den Autor fragen: Wie um alles in der Welt hast du das gemacht? Während er sich verstohlen die Tränen aus den Augen wischt.

 

 Scheinbar im Vordergrund steht die Katze, doch es geht viel mehr um Raum und Zeit, um Besitzverhältnisse, um Regeln und Religion. In die christliche Religion übersetzt mag die Geschichte eine Metapher für das zehnte Gebot sein: Du sollst nicht begehren deines nächsten Gut. Oder für das vierte. Du sollst Vater und Mutter ehren. Oder das sechste: Du sollst die Ehe nicht brechen. Es ist eine Allegorie der Beziehungen. Zwischen Mensch und Tier, vor allem aber zwischen Menschen. Für die streng gläubigen Japaner gibt es drei Pflichten. Die der Loyalität, der Verehrung der Älteren und der Wahrung von Anstand und Sitte. Nur dadurch ist Harmonie im Leben und im Universum gegeben. In dem Buch wurden diese Regeln gebrochen. Chibi hatte die Regeln gebrochen. Chibi musste sterben. Aber war es so, wie der Autor den Leser glauben machen wollte? Wie er selbst es geglaubt hat? Wer hat die Regeln gebrochen? Wer wurde bestraft? Was ist mit Chibi passiert und warum? Dieses sich aus dem Hinterhalt anpirschende Mysterium, diese Fragen lassen einen, einmal auf der letzten Seite angelangt, erschüttert zurückblättern, nachlesen, Eselsohren machen, nachdenken, und nochmals ein paar Tränen vergießen.

 

Kenzaburo Oe sagte über Takashi Hiraides kleines Meisterwerk, es würde leuchten. Seine Poesie, die bemerkenswerter Schönheit entspringe, würde von der Kritik gefeiert für „den scheinbar endlosen Strang sich transformierender Objekte und Erfahrungen, deren zersplitternder Effekt durch eine einzigartige Mischung von Geschwindigkeit und der Langsamkeit der Details in Kraft tritt".

 

So wie Machiavelli die Poesie nutzte, um die Kräfte des Arno und des Schicksals zu beschreiben, nutzt der japanische Poet seine Worte als Mittel, um die Ebbe und Flut seiner Gefühle zu regulieren und zu verstehen, ohne dabei die schicksalhafte Bedeutung der magischen Momente zu erfassen, die seine Frau und er mit der Gastkatze verbringen, bemüht, jedes noch so winzige Detail festzuhalten, in seiner Erinnerung, letztlich in der Hoffnung verstehen zu können, was passiert ist, doch am Ende, als sein Gewissen erkennt, dass das Schicksal von Chibi in seiner Hand lag, ist alles in der Dunkelheit der Zeit gefesselt.

 

Wir haben oft so viel und wollen viel mehr, wir erliegen verbotenen Reizen, wir sind gedankenlos, leben unachtsam, uns selbst und anderen gegenüber, wir lassen uns blenden und verführen, wir verletzten uns, wir schweigen uns auseinander, wir driften orientierungslos durch die uns geschenkte Zeit ohne zu leben. Als der Autor auf die Ereignisse der glückseligen Stunden mit Chibi zurückblickt, sagt er, die dreißiger Jahre des Lebens seien eine grausame Zeit gewesen. Die Gezeiten können einen erfassen, aus dem seichten Wasser in das Meer der Härte ziehen, bis in den Tod. In den späteren Jahren haben wir gelernt vom Leben, und ihm mit Respekt zu begegnen. Wissen es besser. Hoffentlich. Das Leben bietet immer genug, wenn man es zu achten, zu schätzen und sinnvoll zu nutzen weiß. Egal in welchem Zug man sitzt – im Venice Simplon Orient Express, in der Transsibirischen Eisenbahn oder im Bummelzug nach Wanne-Eickel –, solange man mit dem Menschen reist, den man respektiert und liebt.

 

Hier endet der Blog eigentlich. Ich weiß, er ist lang, zäh, bietet nichts, worüber man sich schief und bucklig lachen kann, leider heute nicht, und einige von Euch werden sich vielleicht fragen, falls Ihr bei der Lektüre noch nicht eingeschnarcht seid, worum es geht, kann ich mir vorstellen, es ist ja schwer nachzuvollziehen, kennt man das Buch nicht, von dem ich erzählt habe (lest es!). Bloß hat mich in einem langen Brief eine kurze Nachricht erreicht, die ich noch anfügen möchte, die passt.

 

Aus Spanien schrieb Mr. Silvera gestern: „Als wir zum Montserrat fuhren, lag ein Eichhörnchen tot auf der Straße, das kurz zuvor überfahren worden sein muss. Das Schlimme war, dass neben ihm ein anderes kauerte, das offensichtlich nicht verstand, warum sein Partner nicht aufstehen wollte. Als wir vorbeidonnerten, floh es ins Unterholz, allein.“ Dieses Bild hat mich berührt, ebenso wie Chibi mich berührt hat. Manche Menschen sind oder bleiben nach einem Verlust allein, manche verlieren sich zu zweit, manche sind solange auf der Suche nach diesem Extra-Kick Glück bis einer von ihnen auf der Strecke bleibt. Wie das Eichhörnchen. Oder Chibi.

 

 

 

 

 

 

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