Mykonos - Nirvana der griechischen Milliarden

September 1, 2018

 

Catch 22 von Joseph Heller ist eines meiner Lebensbücher. Selten habe ich mehr gelacht, selten hat mich ein Buch betroffener gemacht. Es spielt im Zweiten Großen Krieg, in Italien. Eine amerikanische Fliegereinheit wird dort verheizt, zur höheren Ehre der nie selbst fliegenden Offiziere, denen eine weitere Feather on their cap wichtiger ist das Leben ihrer Männer.

 

Umgehauen hat mich die auch literarische Qualität. Einer der irgendwann vom Einsatz nicht wiederkehrenden Flieger heißt Snowden, und die Zeile "Where are the Snowdens of yesteryear?" zieht sich durch das Buch. Erst nach dem zweiten oder dritten Lesen von Catch 22 stieß ich zufällig darauf, dass das eine Anspielung auf eine Verszeile aus einem Gedicht von Francois Villon aus dem 15. Jhdt. ist, "Où sont les neiges d'antan?" - auf solche Scherze muss man erst einmal kommen, dagegen ist Eco billig. UND DANN MUSS MAN NOCH DIE HÄRTE HABEN, DAS NICHT ZU ERKLÄREN UND SICH DARAUF ZU VERLASSEN, DASS LESERINNEN DAS SCHON IRGENDWANN MITKRIEGEN!!!

 

Milo Minderbinder stehen mehrere Militärmaschinen zur Verfügung, damit er den Küchen frische Eier und Butter, Fleisch, Gemüse, Erdbeeren, Eis, Krabben, Hummerschwänze und vieles mehr liefern kann. Yossarián, die Hauptfigur des Romans, wundert sich, wieso Minderbinder die Eier, die er für 7 Cent das Stück auf Malta kauft, den Küchen für 5 Cent überlässt. Minderbinder ist aufgrund seiner unermüdlichen Geschäftemacherei Bürgermeister in Palermo, Generalgouverneur auf Malta, Kalif von Bagdad, Imam von Damaskus und Scheich aller Araber, sowie noch dazu Gott des Regens in afrikanischen Städten. Er ist das Urbild des kapitalistischen Unternehmers, der auch und gerade im Krieg seinen Profit sucht und macht - und wenn er dafür die eigenen Stellungen von den Deutschen bombardieren lässt. Wie es sich natürlich sehr wohl rechnet, dass auch seine Eier Profit abwerfen, ist eine Glanzleistung ökonomischen Zynismus'.

 

Als die Leute von McKinsey nach dem Staatsbankrott herausgefunden hatten, dass es für die griechische Volkswirtschaft günstiger gewesen wäre, wenn alle Pendler des Landes jahrzehntelang Taxis genommen hätten statt der staatlichen Bahn, musste ich an Milo denken. Das musste ich aber auf Mykonos öfter, und besonders im Casa Tu.

Vielleicht buddeln spätere Archäologen einmal in den Resten unserer Zivilisation herum. Es kann sein, dass sie Hinweise darauf finden, dass ein einmal stolzes Land, das einst die Demokratie und die Basis abendländischen Denkens hervorgebracht hatte, am Anfang des 21. Jahrhunderts in den Staatsbankrott gerasselt ist. Die Gründe dafür herauszufinden, wird Generationen von WirtschaftshistorikerInnen beschäftigen, die besonders fasziniert davon sein werden, wer aller von diesem Zusammenbruch Griechenlands profitiert hat. Wenn die einmal draufkommen, dass jeder Cent der Milliarden der Europäischen Zentralbank, der als "Rettungsschirm" für Hellas aufgewendet wurde, bei jeder Überweisung keineswegs Athen erreichte, sondern in der selben Millisekunde mit Reibach in einem anderen Stockwerk des Hochhauses in Frankfurt einschlug, werden sie sich viele Fragen stellen.

 

Sie werden auch verwundert feststellen, dass zu Beginn vom Untergang Europas an einigen Punkten des gebeutelten Landes, wo alles seinen Ausgang nahm, gefeiert wurde als gäbe es kein Morgen. Dass letzteres gestimmt haben wird, wird dann bekannt sein.

 

Vielleicht finden sie eine Speisekarte auf Mykonos, der sie entnehmen können, dass damals noch ein Steak vom Kobe-Rind angeboten wurde um 548,- Euro. In einem Lokal, in dem die Klofrau nur deshalb nicht mit dem Eintänzer tanzte, weil es zwar eine Klofrau gab, aber keinen Eintänzer. Dafür 14 Kellner und zwei Barmänner. In einem Lokal, das zur höchsten Hochsaison leer war bis auf zwei verliebte, glückliche Gäste.

 

Nie werde die Erforscher der dann schon älteren neueren Zeitgeschichte herausfinden, dass es Mr Silvera und die Bach waren, die an jenem Abend in eben diesem Lokal, dem Casa Tu, sich ob dieser unglaublichen Speisekarte fragend tief in die Augen blicken und endlos wundern, in welch verkehrtem Spiegelbild des europäischen Armenhauses sie gelandet sein mögen.

 

 

Anno dazumal steigen die Beiden Hand in Hand durch die verschlungenen Gassen und Stufen der magischen Stadt der kleinen Insel zu einer der Windmühlen hoch, wo nicht viele hinfinden, um den Sonnenuntergang zu bestaunen, als ihr Blick auf die Terrasse eines Restaurants fällt. Sie beschließen zu verweilen. Also fragen sie die drei in einem Hauch von rotem Chanel gewandeten Hostessen beim Entrée, ob es einen Tisch gäbe, reserviert haben sie leider nicht. Nach einigem Hin- und Her dürfen sie an der Bar Platz nehmen und die untergehende Sonne einatmen, bis die Küche nach Einbruch der Dunkelheit ihre Pforten öffnet, ja, es findet sich tatsächlich noch ein Tischchen für zwei. Zu zweit bleiben sie auch die nächsten zwei Stunden, umringt von einem Dutzend KellnerInnen – eine in sich geschlossene, elitär-hellenistische Gemeinschaft, die ihre eigene Party abfeiert und dadurch einigermaßen abgelenkt nur mittelmäßig aufmerksam ist. Bereits der erste Blick in die Speisekarte verrät Mr S und Mrs B, warum sie alleine auf gastronomischer Flur sind. Der durchschnittliche Preis einer Speise liegt bei etwa 200,- Euro und es scheint keine Grenze nach oben zu geben. Kaviar vom weißen Stör, Matsutake Pilze, Alba Trüffel allenthalben. Auf der Weinliste wird es noch schwindeliger, alle Rebsorten außer den Griechischen sind von rund 300,- bis 12.000,- Euro bepreist. Das sind die Kleinwagen, den Obolus für die vinophilen Luxuslimousinen erfährt man nur auf Anfrage.

 

Eigentlich sollten sie sich würdevoll erheben und in eines dem Preisniveau Sterblicher angepassten Hafenrestaurants
flüchten, doch zu erschöpft von Sonne, Strand, Meer und der unendlichen Leichtigkeit des Seins, zu überwältigt von dem traumhaften Ausblick und zu glücklich, ihn miteinander zu haben, entscheiden sie sich übermütig, ein Vitello Tonnato – das mit 38,- Euro günstigste Gericht auf der Karte – als Vorspeise zu teilen, anschließend Trüffel Ravioli um 44,- Euro für Lili und ein Mini-Hähnchen um 52,- Euro für Mr. Silvera. Sie kann ihm ansehen, dass ihm jeder einzelne Bissen angesichts seiner gewohnten Sparsamkeit fast im Hals stecken bleibt, obwohl er selbigen mindestens fünfzig Mal gekaut hat, während er dankbar ist, kein Kobe-Rind zwischen den Backen zu haben, dessen Überreste im Wert eines ganzen Wiener Schnitzels bei Do&Co er sich mit einem in einer Perlmuttschale servierten goldenen Zahnstocher zwischen den Zähnen hervorholen müsste.
 
Der Sommelier scheint Erbarmen mit ihnen zu haben, denn auf die Frage, was an griechischem Weißwein er rekommandieren würde, empfiehlt er einen exzellenten Tropfen um die veritable Okkasion von 58,- Euro die Flasche. Der Appetit auf ein mit 23-Karat Blattgoldsplittern verziertes Dessert hält sich trotz noch spürbarem Hunger in Grenzen. Samt Aperitif und Aqua naturale sind sie am Ende bei einer Rechnung von 285,- Euro angelangt. 
 
Im Grund genommen gar nicht so arg, wenn man das exklusivste Restaurant von Mykonos exklusiv für sich gebucht hat, während George Clooney, Liz Hurley und eine leichtbekleidete Riege von Victorias Secret Top Models derweil in der Casa Tu Dependance des hippen Nammos Beach Club im Infight um jeden Quadratzentimeter Bewegungsspielraum im kühlenden Champagnerregen abtanzen. Die Zeche hätte weitaus schlimmer ausfallen können. Noch ein von Hand einer Jungfrau aufgezogenes Minzblättchen extra im Glas hätte den Rahmen der Kreditkarte gesprengt, obwohl, man will gar nicht darüber nachdenken, was das Wasser gekostet hat. Jedenfalls ein opulenter Irrsinn, von dem die Nachwelt nie erfahren wird. Bei näherer Untersuchung des Artefaktes der Speisekarte werden die Archäologen zum Schluss gelangen: Das kann nur ein Joke gewesen sein – vielleicht schreiben die Forscher die vergilbten Seiten einem Cartoon von Haderer oder Hauck & Bauer zu – oder vom amerikanischen Kontinent importierte Fake News über Hilfsmittelverschwendung und die Dekadenz des neugriechischen Postkapitalismus, wie sie damals weitverbreitet im Umlauf waren. 
 
Es erübrigt sich weiter darüber nachzudenken oder es so genau wissen zu wollen, wohin die Milliarden der Europäischen Zentralbank wirklich geflossen sind. Zurück im Hotel schauen Silvera und Bach von der Terrasse runter auf die Bucht von Psarou und das Discoblitzlichtgewitter von Nammos, das sie noch ein paar Stunden im Rhythmus von Love Songs der Achtziger, gemeinsam über den Abend lachend und sich aneinander freuend, wachhalten wird. Da liegt es, das schwimmende Geld, Yachten im Wert von zumindest einer Milliarde, die meisten in griechischem Besitz. Im Gegensatz dazu fühlt sich das Abendessen verdaulich günstig an.

 

 

 

 

 

 

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