nichts

February 19, 2016

 

Es reicht, genug, ich will nicht mehr. Ich hab’s so, so, soooo sehr satt, mein ächzendes und stöhnendes Outlook alle zehn Minuten panikartig zu schließen und hoffnungsvoll wieder zu öffnen, damit sich das Programm nicht aufhängt und meine Mailentwürfe auffrisst oder Nachrichten verschluckt, die mein Leben bereichern. Fünf kapitale Abstürze pro Tag sind keine Seltenheit, wobei mindestens einer davon so kritisch ist, dass alle offenen Word Dateien, Internet Seiten, Excels, PPTs, Skype Konversationen und was weiß ich noch geschlossen werden müssen, weil sich die Outlook-Bestie aus Platzmangel sonst gar nicht mehr öffnen lässt und nur ein hässliches, verhöhnendes, klirrendes Geräusch nebst Fehlermeldung von sich gibt. Im Schnitt rauschen an einem nicht sehr stressigen Tag zwischen 200 und 250 E-Mails rein, die ich alle lese und nach Erfordernis freundlich, angemessen oder im Klartextmodus beantworte. Etwa die Hälfte dient meiner Kenntnisnahme und die andere Hälfte verlangt eine mehr oder weniger ausführliche Antwort. Damit nicht genug, kommen seit Tagen zwar pro Stunde weitere zumindest 50 Spam Mails direkt in den Posteingang, zehn Fake Rechnungen, die mich nichts angehen und mir einen Virus unterzujubeln trachten, ein bis zwei Erbschaftsankündigungen von kanadischen Milliardären, die meine Kontodaten wollen und ansonsten nur grottenuninteressante Mails, die ich nicht haben will und doch beantworten muss.

 

Das ist alles so unerträglich sterbenslangweilig, trist und anstrengend, dass ich aus lauter Fadesse schon überlege, zur Abwechslung mal die Viagra und Fett-weg Mails zu beantworten. Und da erwartet ihr nach so einer kargen Woche, dass ich einen spritzigen Blog schreiben soll? Woher bitte soll ich die Inspiration nehmen? Ich kann nicht schreiben, wenn ich nicht an etwas Nettes denken kann. Also? Woran soll ich bei all diesem Mail-Müll denken? Eben. An nichts. Gar nichts, überhaupt nichts. In der siebten Klasse lautete in Deutsch eines der Schularbeitsthemen „Nichts“. Ich war die einzige, die sich dem armen kleinen Nichts angenommen und sechs Seiten über nichts geschrieben hatte. Was ich dazu zu sagen hatte, habe ich vergessen. Wahrscheinlich nichts, sonst hätte ich ja kein „Sehr gut“ bekommen. Das war jenes Schuljahr, als wir interimsmäßig einen anderen Deutschprofessor hatten. Der mochte mich. Der andere mochte mich auch auf seine Art, aber nicht die Art wie ich schrieb, was er durch seine abfälligen Noten gerne unterstrich. Knob sehr gut, Amon nicht genügend. Bach setzen. Jetzt hab ich wieder mal den Faden verloren. Ach ja, die inhaltliche Leere in meinem Outlook versprüht eine nichtendenwollende Tristesse. Alles kein Spaß mehr, keine Freude schon gar nicht. Zuviel Nichts. Wenn ich darob schwermütig nachgrüble, was Nichts alles sein kann, fallen mir hundert Nuancen oder soll ich sagen Shades von Nichts ein. Weil nichts alles gewesen sein kann. Nein, es muss richtig heißen: weil Nichts alles sein kann. Nichts ist für jeden etwas anderes. Wie müssen wir uns so ein Nichts vorstellen? So wie Oscar Wilde sich Religion vorstellt: “Religion is like a blind man looking in a black room for a black cat that isn't there, and finding it.”

 

Das bringt es nicht ganz auf den Punkt, denn das Nichts ist in Wahrheit noch weniger als das, und dann wiederum so viel mehr. Es ist raumgreifend. Diffus. Unbestimmt. Sehr bestimmt. Beängstigend. Nicht bedrohlich. Lockend. Abstoßend. Fordernd. Nicht langweilig. Nicht spannend. Es ist alles zugleich und nichts davon. Nichts kann jedes Gefühl auf einer Skala vom Gefrier- bis zum Siedepunkt sein. Für die einen ist es die Sehnsucht nach dem Unbekannten. Für die anderen ist es jenes Abenteuer, das sie nie gewagt haben. Selbst der Weg, den man nicht geht, führt stets an ein Ziel: das Nichts. Nichts umarmt uns so innig wie ein Traum, der den Gedanken die Freiheit lässt, nichts, aber auch gar nichts auszulassen. Leider haben wir verlernt zu träumen. Dafür haben wir nicht verlernt, Möglichkeiten – und Träume sind unsere Möglichkeiten – mit dem Stehsatz „das bringt doch nichts“ oder „das führt doch zu nichts“ beiseite zu schieben. Nichts ist leichter als Ablehnung und nichts ist schwerer als sich auf das Nichts einzulassen. Sich dem Nichts zu ergeben und in dessen unergründliche Tiefe einzutauchen, ohne zu wissen, wie tief man fallen wird und was einen am Grund erwartet, ist so wie aus der Stratosphäre auf die Erde hinab zu springen. Nur dass man weiß, dass da unten die Erde ist. Und ein Landeplatz. Und vermutlich ein ganzes Red Bull Team, das einen jubelnd empfängt. In das Nichts einer Seele, in den hintersten dunklen Winkel vorzudringen, nicht ahnend, auf welche Abgründe oder Rosengärten man stößt, ist eine Herausforderung, die wir vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen bereitwillig dem Nichts in den Rachen werfen. Das macht nichts. Sagen wir manchmal, drehen uns weg und weinen eine Träne. Auch wenn wir es beschwichtigend als unwichtiges Nichts abtun, ist es jenes grausame Nichts, welches von unseren Herzen Besitz ergreift, und sie versteinert, sobald wir es zulassen, durch paralysierende Floskeln wie „macht nix, is schon gut“. Es macht immer etwas mit uns. So ehrlich sollte man sein, den Mut sollte man fassen, um ohne Bitterkeit oder Vorwurf – without hope or agenda – zu sagen: „Es macht mir etwas aus, es macht mich traurig, es hat mich enttäuscht, ich bin wütend, aber lass uns darüber reden, lass es uns aus der Welt schaffen und lass uns nicht so tun, also ob nichts gewesen wäre, als ob es mich nicht berührt hätte.“ Belügen können wir uns selbst am besten. Betrügen auch. Nichts macht uns stärker und heilt unsere Wunden schneller, als sich gemeinsam gegen das Nichts stemmen, dem wir uns gleichermaßen ergeben und entziehen. Diese Diskrepanz ist der weitverbreitete Taumel zwischen Nähe und Distanz. Wer dem Nichts zu nahe kommt, erliegt seiner schier unwiderstehlichen Anziehungskraft, die ihn zwingt, sich ihm immer weiter und weiter zu nähern. Die unendliche Geschichte von Michael Ende fällt mir ein, in der das Nichts alles vernichtet. Bücher wie Menschen.

 

Manchmal, wenn schon sonst nichts mehr geht, bleiben die Bücher, die wir über dieses Nichts schreiben und zurück in das ihnen gebührende Nichts geschickt haben. Manchmal hält uns das Leben vor Augen, dass es andere Bücher gewesen wären, die es verdient hätten, dem Nichts ein Ende zu bereiten. Und manchmal schreiben wir gar keine Bücher mehr, aber aus dem Nichts heraus wird ein Buch an unsere Ufer gespült. So ein Buch hat mein Outlook kürzlich erhalten, und ist damit aus der Tristesse der Spams und Langeweiler mit einem Lächeln erwacht. Ein Buch des ebenso kürzlich verstorbenen großen Roger Willemsen. Viele kennen wahrscheinlich seinen legendären Sager über Heidi Klum. Ich kenne jetzt sein Buch über die „kleinen Lichter“. In diesem Buch geht es genaugenommen auch um das Nichts. Neben vielen schönen, und einigen weniger schönen Sätzen, gab es zwei, die mich tiefer berührt haben. Einer war jener: „Könnte ich nur mal eben zu dir, könnte ich dich nur weiter bereisen.“ Die Seele als eine Landschaft zu begreifen und zu einer Reise aufzubrechen, die durch Licht und Dunkel führt, an sonnige Strände und auf eisige Berggipfel, zu tiefen Abgründen und an den Rand eines Vulkans, ist eines der letzten wirklichen Abenteuer. Eine solche Reise durch das weite Land des Nichts, wie sie Jules Verne im Sinn gehabt hätte, birgt Gefahren und Risiken, denen sich niemand leichtfertig aussetzt. Aus Sicherheitsgründen wird zur Vermeidung von Verletzungen an scharfen Kanten und dem Ertrinken fern von sicheren Häfen ein Einreiseverbot verhängt. Das Vertrauen, dass der Reisende seinen Müll nicht wahllos in der Landschaft verteilt, verwurzelte Bäume niederreißt und Schmerz sät, zu schenken, ist eines der größeren Wunder, größer und mutiger als das Nichts zu bewahren. Was wagen wir? Was versagen wir uns? Wohin geht die Reise? Oftmals einfach nur ins Nichts, aber selbst dieses ist besser als der Tod – solange es das Nichts der Träume und der Bücher ist und nicht jenes der unendlichen Geschichte. Und solange es mein geschundenes Outlook glücklich macht!

 

Please reload

Keinen Beitrag verpassen

Featured Posts

Angekommen in der Perfektionsneurose

July 12, 2019

1/10
Please reload

Recent Posts

February 16, 2019

January 11, 2019

December 7, 2018

September 7, 2018

Please reload

Archiv
Please reload

Join Lili's Facebook
Lili Bach

© 2018 Lili Bach. All Rights reserved.